Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 12 (23.3.1900)
- Article
- St. Petersburg
- Date
- 1900-03-23
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 ,Die # Welt" Nr.. 12 mus werde die materielle und sittliche Judennoth ein Ende nehmet), weshalb eine gesonderte Arbeit für „Brot und Aufklärung" nicht mehr nöthig sei. — In geistreicher Weise führte sodann Herr Professor Belkowsky die Zweifel eines Redners an der Ausführbarkeit des Zionismus ad absurdum. — Hervorzuheben sind noch die Ausführungen des Herrn Dr. Katzenellensohn, der meinte, wir hätten zur Verwirklichung des zionistischen Gedankens nur einen starken Volkswillen und nicht geschichtliche Belege nöthig. Wenn man uns aus der Geschichte beweisen wolle, dass das jüdische Volk zur Bildung eines selbständigen Gemeinwesens nicht fähig sei, so müssen wir eben einen neuen Geschichtsabschnitt schaffen, den bisherigen Curs unserer Geschichte ganz ändern. Die zahlreiche Zuhörerschaft, welche sich aus der Elite der hiesigen Intelligenz recrutierte, zollte den zionistischen Rednern reichen BeifalL Allerlei Nachrichten, „Jewish Exponent" bringt eine hochinteressante Schilderung der aus der Baron Hirsch-Stiftung im Jahre 1898 in New - York begründeten jüdischen Handwerkerschule. Der Lehrcurs dauert sechs Monate, circa 75 Percent der ursprünglich eingetretenen Schüler machen ihn bis zu Ende durch und von diesen bleiben 77 Percent bei dem gelernten Handwerke. Im vergangenen Jahre verliessen 327, in neun Classen ausgebildete Schüler das Institut. Die jährlichen Ausgaben betragen 17.000 Dollars, wobei die Hausmiete nicht gerechnet ist. Die Verwaltung ist mit den Resultaten sehr zufrieden und hofft, im Laufe der Zeit eine grosse Zahl tüchtiger jüdischer Handwerker auszubilden. In Hannover hat sich ein „Verein zur Pflege der Interessen der Synagogengemeinde Hannover" gebildet. Die Ursache dazu lag in unliebsamen Vorkommnissen innerhalb der Gemeindevertretung. Man hofft, durch die Wirksamkeit des Vereines Vorstand und Repräsentanten-Collegium zu bewegen, dass sie den berechtigten Wünschen der Gemeindemitglieder mehr Aufmerksamkeit als bisher schenken. Abgeordneter Schneider hat einen Collegen bekommen in dem Abgeordneten Memminger in München, der auf der Suche nach Talmudstellen über „Fleischbesudelung" ist. Im Gouvernement W i 1 n a existieren 399 Fabriken mit mehr als 30 Percent jüdischer Arbeiter. Darunter solche, welche die schwerste Arbeit erfordern (Gerbereien, Brauereien, Seifen-, Glas- und Papierfabriken etc.). Das Kreuz der Ehrenlegion erhielten der Grossrabbiner von Nancy, Isaac Bloch, und Fabrikant Paquin in Paris. Ausserdem wurden zu Officieren der Ehrenlegion weitere 50 Juden befördert Infolge des Transvaal-Krieges ist die Noth unter den zumeist aus Juden bestehenden holländischen Diamantschleifern sehr gross. Zur Linderung derselben spendeten unter anderen Lord Rothschild in London und Baron Alphons Rothschild in Paris je 10.000 Francs. Die Rettung zahlreicher Kunstwerke beim Brande der „Comedie francaise" ist naca dem „Temps* den Herren Bernheim und Baron Henri Rothschild zu verdanken, die mit Soldaten und der Polizei eingriffen, um die Gemälde und Büsten der Fenstergallerie nach der Auswahl des Wertes sorgsam in Sicherheit zu bringen. Der Lehrstuhl für jüdische Religions-Philosophie, welcher am Budapester- Landes-Rabbinerseminar durch das Ableben des Prof. David Kaufmann vacant geworden war, ist dieser Tage besetzt worden. Der bekannte Semitist und ordentliche Professor an der Budapester Universität Dr. Ignaz Goldziher hat sich nämlich bereit erklärt, vom nächsten Schuljahre ab im Seminar Religions-Philosophie zu docieren. Das bedeutet für die Anstalt eine überaus wertvolle Acquisition. * Jüngsthin erschien das dritte Heft des zweiten Bandes der russischen Talmud-Uebersetzung von N. Pereperkowitz. Die Uebersetzung soll nach dem Urtheile von Fachmännern vorzüglich gelungen sein. Die Ausstattung des Werkes ist eine sehr gefällige. Jeder Band wird 34 Druckbogen umfassen und zum Preise von 2 Rubeln erhältlich sein. Die Verlustlisten der englischen Heeresleitung in Südafrika weisen in der letzten Woche wieder eine grosse Anzahl von jüdischen Soldaten auf, die dem Moloch des südafrikanischen Krieges zum Opfer fielen. Die Listen der jüdischen Soldaten, welche die englisch-jüdischen Zeitungen veröffentlichen, steigen fortwährend und weisen schon mehrere hundert Namen auf. Aber auch auf Seite der Boeren kämpfen viele jüdische Soldaten, und wenn die erwähnten Zeitungen auch hierüber nicht so genau unterrichtet sind, so haben sie doch in den letzten Wochen speciell über die jüdischen Aerzte und Krankenpfleger bei den Boeren viel Interessantes gebracht. So ist der Director des Boeren-Hospitals bei Ladysmith ein Jude, Dr. Albert T r e n, und die „Jewish Helping Hand Society" in Johannesburg hat eine ganze Mannschaft von circa 30 Mann zum Krankenträgerdienst ausgebildet und an die Front gesandt. In Tscherkasse (Gouv. Kiew) wurde kürzlich eine jüdische Volksküche eröffnet Ein Theil der Kosten dieser Anstalt wird durch die Korobka-Steuergelder gedeckt, der Rest wird durch jährliche Beiträge und gelegentliche Spenden aufgebracht. * Der „Verein zur Unterstützung armer jüdischer Kranker" in Swenzian (Russland), dessen Jahresbericht uns vorliegt, zählt 454 Mitglieder. Unterstützt wurden im vergangenen Jahre 412 Personen. Die Einnahmen betrugen 1552 Rubel 18 Kop., die Ausgaben 2409 Rubel 38 Kop. Der „Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hatte gegen den verantwortlichen Redacteur der „Deutschen Wacht" in Dresden bei der kgl. Staatsanwaltschaft Klage erhoben wegen Beleidigung der jüdischen Religion im Sinne des Paragraphen 166 des Reichs-Strafgesetzbuches, begangen in einem Artikel: „Etwas vom jüdischen Mädchenhandel". In dem incrimierten Artikel war auch das „Kol Nidre"-Gebet besprochen worden, und zwar in sehr scharfen Redewendungen. Der Strafantrag wurde sowohl von der kgl. Staatsanwalschaft, als von der kgl. Oberstaatsanwaltschaft zurückgewiesen. Das Verfahren ist somit eingestellt * Aus der französischen Hauptstadt wird mitgetheilt, dass die Direction des weltberühmten „Institut Pasteur' beschlossen hat, fortab den Kranken und Reconvalescenten dortselbst nur Palästina-Karmel-Weine zu verabreichen, da sich die Direction durch eingehende chemische Analysen überzeugt hat, dass diese Producte vollkommen echt und von vorzüglicher Qualität sind. Bedenkt man, dass diese Weine und Cognacs auf den jüdischen Colonien im Heiligen Lande ausschliesslich von Juden produciert -"Werden, so kann man