Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 12 (23.3.1900)
- Article
- Horazdiowitz
- Date
- 1900-03-23
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 12 „Die j& Weit" Seite 9 erschienenen Gäste begrüsst hatte, wurden einige stimmungsvolle Lieder mit Harmoniumbegleitung gesungen, worauf die declamatorischen Productionen der Zöglinge begannen. Mit Lust und Begeisterung entledigten sich die lieben Kleinen ihrer Aufgabe, wofür ihnen auch reicher Beifall gespendet wurde. Nach Beendigung der czechischen Hälfte des Programmes hielt Herr Rabbiner Friedmann an die Anwesenden eine längere Ansprache, in welcher er die Bedeutung des Festes erörterte und im Anschlüsse daran finden Zionismus, als den einzig richtigen Weg zur Lösung der Judenfrage, Propaganda machte. Starker Applaus lohnte die schwungvolle Rede. Nun wurde der deutsche Theil des Programmes absolviert Zum Schlüsse trug eine Schülerin ein schönes Gedicht vor, welches in eine Huldigung für unseren Monarchen ausklang. Die Erwachsenen blieben noch lange nach Beendigung des officiellen Theiles in geselliger Unterhaltung beisammen. Deutschland. Berlin, 17. März. Als im Deutschen Reichstage die Parteien der Linken — die beiden freisinnigen Parteien, die Süddeutsche Volkspartei und die Socialdemokraten -- in Verfolg einer Obstructionspolitik, mit der sie-die kunstfeindliche lex Heinze zu Fall zu bringen wünschen, den Reichstagssaal verliessen, tönten ihnen, wie die Zeitungen melden, die Rufe nach: „Juden 'raus!" Und aus dem Berichte über die sich am nächsten Tage daran anschliessende Debatte mag von einer Rede des socialdemokratischen Abgeordneten Stadthagen folgender Passus mittheilenswert sein: „Graf Oriola lacht! Er lacht bei so ernsten Dingen, wenn ich Verhältnisse berühre, die durch einen Antrag herbeigeführt werden, unter dem auch der Name des Grafen Oriola steht! (Graf Oriola fnatl.] ruft: Reden Sie doch zur Sache!) (Abg. Graf Arnim [Rp.]: Reden Sie doch zu Ihren Stammesgenossen!) Zu meinen Standesgenossen, Herr Graf Arnim? Nein, ich bin nicht Standesgenosse des Prinzen von Sachsen-Altenburg, der Reitzenstein, der Reuss jüngere Linie, deren Namen in derartige Procesee verwickelt gewesen sind! (Hört, hört! links, grosser Lärm rechts, der Redner wird fortwährend von Zurufen unterbrochen. Der Saal hat sich inzwischen wieder etwas gefüllt. Rufe links: Ruhe! Grosser Lärm.)'4 — Der Zionist, der hartnäckigen Gegnern oder Indifferenten die Gesetzmässigkeit und Notwendigkeit seiner idealen Bestrebungen klar machen will, braucht wahrlich nicht um concrete Beispiele für seine Theorien verlegen zu sein. Das öffentliche Leben schüttelt sie ihm überall in verschwenderischer Fülle in den Schoss. Bisher waren wenigstens in Deutschland — im Gegensatze zu Frankreich und zumal zu Niederösterreich — im Parlamente noch Bildung und massvolle Gesinnung in der Majorität, die die nun einmal vorhandenen Gegensätze wie unter der oberflächlich diplomatischen Sprache offieiöser Zeitungen oder offieiöser Empfänge verhüllten. Jetzt ist es aber auch in Deutschland anders geworden. Dass der Kampf um die lex Heinze den Ausgangspunkt für diese Wandlung abgab, mag seltsam genug erscheinen, und wenn die conservativen Abgeordneten bei dem Auszuge der Demokraten und Liberalen „Juden "raus" schrieen, kann es wohl anmuthen, als wenn junge Studenten in fröhlicher, übermüthiger Weinlaune ganz unsinnige Rufe ausstiessen. Es konnte höchstens vermuthet werden, dass einer der wenigen Parteiantisemiten von.einem schädlichen Einflüsse der Juden auf dieKunst sprechen würde, und der Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg unterliess es auch nicht. Aber seine Rede gieng in einem tosendenLärm, der gerade imHause herrrschte. unter und konnte von den Zeitungen nur andeutungsweise wiedergegeben werden. Erst in dem entfernteren Zusammenhange der obigen antisemitischen Ausbrüche sollte die lex Heinze für die Juden bedeutsam werden. Wenn ein Abgeordneter wie der Graf Arnim, der s.ogar der gemässigteren conservativen Nuance, der Deutschen Reichspartei, angehört, sogleich zu schroffen antisemitischen Anrempelungen gelangt und die anderen die crassesten Volksversammlungsschreie übernehmen, so zeigt dies doch wahrlich, wie elementar und kraftvoll die antisemitischo Gesinnung in denjenigen Kreisen ist, die nun einmal jetzt und voraussichtlich noch auf lange Zeit die stärksten Machtfactoren in Deutschland darstellen. M. A. Breslau, im „Jüdischen Rede- und Discutier-Club Graetzhielt Herr Rabbiner Dr. Klüger am 20. w M. einen Vortrag über das Thema : „Die Kindererziehung bei den Juden." Redner setzte auseinander, inwieweit bei den anderen Völkern des Alterthums Familienleben und Erziehung der Kinder zu finden war, und in welchem Masse dies bei Israel der Fall gewesen. Während bei den alten Culturvölkern das Wissen als ein Vorrecht der Priester bewahrt wurde, sollte in Israel jeder einzelne darnach streben. Wissen zu erlangen und seine Kinder darin zu unterrichten. Doch den günstigen Boden für das Gedeihen dieser Bestrebungen bildete die jüdische Familie. Nicht wie bei den anderen Völkern sollte die Frau erniedrigt sein, die Kinder frühzeitig dem Einflüsse der Familie entzogen werden. In Israel bildete die Mutter den Mittelpunkt des Hauses, sie war die Priesterin im Tempel der Familie. So war es möglich, durch Bildung und Gesittung die Grundlagen für die jüdische Familie zu schaffen. — Mit einer anregenden Debatte schloss die sehr interessante Sitzung. Russland. 8t. Petersburg. Unsere hiesigen Gesinnungsgenossen sind üeissig an der Arbeit und lassen keine Gelegenheit vorüberziehen, die für den Zionismus nutzbar gemacht werden kann. Jeder Discussionsabend in literarischen Kreisen, jede gesellige Veranstaltung in bürgerlichen Häusern, ja selbst das schlichteste Theekränzchen wird in eine Agitationsversammlung für den Zionismus umgewandelt. So wurde auch der letzte Discussionsabend in dem „Historisch-ethnographischen Club" der hiesigen „Gesellschaft zur Verbreitung von Aufklärung unter den russischen Juden" zu einer imposanten Kundgebung für die zionistische Idee. Das Thema des Abends war ein Referat von Herrn Margolin über „Die Hauptströmungen in der jüdischen Geschichte", welches in den folgenden Thesen gipfelte: 1. Das jüdische Volk hat sich nur zur Zeit, als es auf eigenem Boden lebte, geistig und culturell eigenartig entwickelt. Später hat es sich originell zu entwickeln aufgehört und zehrte nur von seinem alten Geiste, der in der Diaspora verschiedene äussere Formen angenommen hat. ± Das jüdische Volksleben ist ebenso wie die jüdische Religion eng mit dem jüdischen Heimatlande verknüpft. So bilden jüdisches Volk, jüdische Religion und jüdisches Land eine unzertrennliche Einheit. 3. Nach dem Untergange des jüdischen Staates hörte das politisch-nationale Gefühl nicht auf, im Volke zu leben. Die Sehnsucht nach Palästina fand je nach dem Geiste der Zeit in den Colonisations-Bestrebungen der letzten zwanzig Jahre und neuerdings im politischen Zionismus ihre Ausdrucksformen. — Hierauf ergriff Herr Kulischer das Wort. An der Hand derselben historischen Facta, die Herr Mar goli n anführte, wollte er zu ganz anderen Ergebnissen gekommen sein. Was aber den Zionismus anbelangt, meinte er, so stimme er mit den Bestrebungen zur Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für die Juden vollständig überein. Nur scheine es ihm. dass wir nicht all unsere Kräfte in den Dienst des Zionismus stellen, sie vielmehr hauptsächlich für die wirtschaftliche und Aufklärungsarbeit, deren die Volksmassen so sehr bedürfen, aufsparen sollten. Nach Herrn Kuli scher meldete sich eine ganzeReihe von Zionisten zum Worte. Herr Seidemann sagte, der Zionismus enthalte schon alles, was dem jüdischen Volke auch in cultureller Beziehung noththut. Durch den Zionis-