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Die Welt · 1900-03-23 · 12 (23.3.1900) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
12 (23.3.1900)
Article
Geht nach Jerusalem!
Date
1900-03-23
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 ,Die O Welt«4 Nr. 12 führung des Goldfaden'schen Singspieles „Bar-Kochba" durch die polnisch-jüdische Schauspielertruppe. Einem antisemitischen Zuhörer wollte nämlich weder das jüdische Stück, noch die applaudierende Zuhörerschaft behagen, und er machte seinem Unmuthe durch antisemitische Rufe Luft. Er schrie in den Saal: „Ein Scandal, dies hier zu spielen. Nieder mit den Juden! Geht nach Jerusalem!" — Die Vorstellung musste für einige Zeit unterbrochen werden. Die iuspicierenden Polizeiorgane führten den antisemitischen Zwischenrufer aus dem Saale und hielten ihn zur Ausweisleistung an. Der Demonstrant ist seines Zeichens Ingenieur und mehrfacher Hausbesitzer in Budapest. Die neueste Osterbescheerung. Die Berliner „ Staatsbürger- Zeitung" lässt sich unterm 19. d. M. aus Könitz in Westpreussen schreiben: „Seit Sonntag, den 11. d. M. ist der lSjährige Schüler des Konitzer Gymnasiums Winter aus Prechlau verschwunden. Am Mittwoch den 14. d. M. wurde im Konitzer Stadtsee, unmittelbar neben der Synagoge, der Rumpf eines Menschen, ohne Kopf, Arme und Beine, in Pappe mit Bindfaden verschnürt, alles in einem sorgfältig vernähten Sacke steckend, gefunden. Das Auffällige an dem grausigen Funde ist, dass derselbe keinen Tropfen Blut enthält, selbst die feinsten Blutgefässe sind leer, so dass es scheint, dass der Knabe wie ein Stück Vieh geschlachtet wurde. Dafür spricht ferner, dass die sämmtlichen fehlenden Theile nach allen Regeln der Anatomie ausgelöst sind. Am Donnerstag früh wurde der rechte Arm, durchgeschoben von aussen durch die Gitter des Konitzer Kirchhofes, gefunden. Da es in der betreffenden Nacht stark gefroren hatte, der Arm aber beim Funde ganz weich war, so musste er erst kurz zuvor dort hingelegt worden sein. — In diesen gefundenen Thailen der Leiche ist mit einiger Bestimmtheit jener verschwundene Gymnasiast durch die tiefbetrübten Eltern agnosciert.---In der Synagoge und bei allen jüdischen Schlächtern in Könitz haben verschiedene Durchsuchungen stattgefunden, bisher noch ergebnislos. Das „Berliner Tageblatt" beachte am Samstag eine aus Frankfurt am Main stammende, diese Angelegenheit verwirrende Depesche, dass der Leichnam Winters in der Nähe von Prechlau mit aufgeschlitztem Unterleibe gefunden wurde. Dies entspricht nicht der Thatsache. Mit der Knabenmord- Affaire wird auch das Verschwinden des Wirtschaftseleven B ü 1 o w aus dortiger Gegend in Zusammenhang gebracht. Wie uns von zuverlässiger Seite mitgetheilt wird, hat Bülow wegen Erkrankung an Influenza 14 Tage im Konitzer Krankenhause zugebracht und wurde am 11. d. M. daraus entlassen. Bülow ist mit dem ermordeten Winter zusammen gewesen, so dass von Seiten der Angehörigen, der Vater wohnt in Berlin, befürchtet wird, dass ihn das gleiche Schicksal wie Winter ereilt hat. Da Bülow Hang zu einer Vergnügungsreise hatte, hält man es aber auch für möglich, dass er sich auf einer solchen befindet." — Diese Auslassung der „Staatsbürgerzeitung" ist ein nettes Beispiel antisemitischer Phantasie und Verdrehungskunst. Die Wiener Antisemitenblätter drucken natürlich - das Lügengewebe prompt nach. Vielleicht werden wir bald von einem westpreussischen Polna hören. Verdächtige Kolik oder Egan in Nöthen. Unter diesem Titel erzählt das Budapester Tagblatt „Magyar Szö" folgendes launige Geschichtchen: In Munkacs sind die blutdürstigen Chasaren in bester Faschingsstimmung. Sie rüsten sich zur Purimfeier. Nach altchasarischer Sitte bedenken sie einander an der Jahreswende des Haman'schen Galgentodes mit allerlei Geschenken. Diese werden von den chasarischen Sprachgelehrten „Schlachmones" genannt. Vorgestern ward Herrn Eduard EgaD. dem berühmten Verursacher der Colonisierungserfolge, eine grosse Ueberraschung zutheil. Auch ihm schickte man ein Schlachmones. Eine ganze Hekatombe von Mohn- und Nussbackwerken, die in ritueller Weise geknetet und mit Rosinen reich bestreut waren. Im ersten Momente fand E g a n Freude an dem Geschenke;; Schau, schau, sagte er, Daranyi hat mich dennoch verstanden. Dass die Juden verderben sollen, das wünsche ich — officiell nicht. Siehe da, sie sind es, die sich mir mit wohlschmeckenden Purimbackwerken nähern. Schon wollte er die strudeiförmige, mohnbestreute Sendung verkosten, als plötzlich ein schnöder Verdacht in seiner Seele aufstieg. „Timeo Casaros . . . Villeicht will man mich vergiften! Mich wird die chasarische Maffia nicht drankriegen." Dann läutete er dem Stubenmädchen. „Tragen Sie das hinaus, ich mag's nicht" Das Kammerkätzchen war unglücklicherweise in puncto chasarischer Blutrache minder bewandert, und in der Unbefangenheit ihrer unschuldigen Seele verschlang die Maid in raschem Tempo etwa fünf Gebäckstücke. Eine Stunde später verspürte sie solche Magenkrämpfe, dass sie eine ganze Klinik mit Versuchsmaterial hätte versorgen können. Ihr schauriges Gewimmer brachte das ganze Haus auf die Beine. „Was fehlt Ihnen?" fragte der ruthenische Messias. — „Das jüdische Gebäck! O weh!" — „Haben Sie davon gegessen?" — „Jawohl! Weh* mir! O weh!" — »Sie haben sich ins Unglückgestürzt bis ins siebente Geschlecht!" Es wurde sofort ein Arzt herbeigeholt, der die ebenso fragliche wie in Schmerzen sich windende Jungfrau untersuchte. „Was haben Sie gegessen?" fragte der Doctor". — „Judengebäck, dort sind die Reste ..." Der Arzt schaute sich die Ueberbleibsel an. Sein Antlitz zog sich in ernste Falten. Egan verfolgte aufmerksam das Mienenspiel des Mediciners. „Was halten Sie von dem Falle?" „Er ist bedenklich." »Das Gebäck...?" „Ist auf Mord berechnet." »Vergiftet?" „Aufs heftigste!" „Und was ist das Gegengift?" Ofher Bitterwasser." „Wirkung?" „Unbedingt sicher." Dem armen Stubenmädchen wurden zwei Glas Bitterwasser ordiniert. Egan zieht sich mit dem Doctor in eine finstere Ecke zurück und richtet an ihn im Flüstertone die Frage: „Wäre es nicht angezeigt, das Gebäck zusammenzupacken und es an den Landeschemiker zu senden?" »An Felletär? Hm, das wäre schade." „Warum?" „Der alte Herr könnte sich den Magen verderben." „Ich meine das so, dass er es analysieren und den Giftgehalt constatieren soll." Jetzt machte der Arzt grosse Augen. „Ah so, ich verstehe; ich selber werde die Analyse vornehmen." „Haben Sie ein Laboratorium, Herr Doctor?" „Na und ob: da ist's." Der Arzt zeigte auf seinen Magen, dann nahm er ein Stück von dem Backwerk, brach es vorsichtig entzwei und vertilgte beide Hälften mit bestem Appetit. Beunruhigt verfolgte Egan das Gebaren des Doctors. „Ja, sagen Sie einmal, Sie haben keine Furcht?" „Keine Furcht, aber keine Spur, ich bin immun," antwortete, wollüstig kauend, der Doctor. „Ich esse das seit dreissig Jahren. So was schickt man mir an jedem Purim." „Wer schickt's Ihnen? Die Juden?" „Natürlich." „Und zu welchem Behufe?" »Darnach habe ich nie geforscht." „Ist denn das Ding nicht vergiftet?" „Doch. Aber man gewöhnt sich daran, wie die Tiroler an Arsenik; manche werden sogar fett davon." „Und wie heisst das Gift?" „In chasarischem Idiom schreibt es sich „Kindl". Geben Sie acht, essen Sie nicht zuviel davon, ich empfehle mich . . ." Wie wir mit Vergnügen vernehmen, fühlt sich das Stubenmädchen den Umständen angemessen wohl. Auch Herr Egan, gleichfalls den Umständen angemessen. Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Horazdiowitz. Donnerstag den 15. d. M. fand in den Localitäten der hiesigen isralitischen Volksschule anlässlich des Purimfestes eine sehr gelungene Schulfeier statt. Nachdem der Schulleiter Herr Julius Urbach die zahlreich

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