Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 12 (23.3.1900)
- Article
- Aufruf!
- Date
- 1900-03-23
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 12 „Die 2& Welt** Seite 7 Auch hatten die Herren jur. B. Felsenburg und P. L ö b 1 die Freundlichkeit, die Sammlung für unseren Zweck zu übernehmen. Wien den 21. März 1900. Der Turnrath. * Ä * Aufruf! Samstag, 24. März, 8 Uhr abends, findet im Restaurant Khuner, L, Adlergasse 6, eine Vorbesprechung zur Gründung einer Ortsgruppe -Innere Stadt" des Verbandes „Zion" statt. Die im L Bezirke wohnhaften Gesinnungsgenossen werden ersucht, vollzählig zu erscheinen. Das vorbereitende Co mite. * Aufruf! Mittwoch, 28. März, 8 Uhr abends, findet im Restaurant Finger, VIII., Aiserstrasse 7, eine Sitzung der Vertrauensmänner des Bezirkes Josefstadt behufs Gründung einer Ortsgruppe des Verbandes „Zion* statt. Bilder aus dem Assimilantenleben. Von R. K. (S.) DerStrike der kaiserlichen Räthe. Kalvinsky (geborener Kackeies): „Panove--" Gallensteiner (unterbrechend): „Sprechen Sie doch deutsch! Mir sein doch ganz unter uns!" Kalvinsky: „Wir sind aber doch zusammengekommen, um eine czechisch-nationale Demonstration zu beschliessen. Die Regierung hat uns die interne czechische Amtssprache genommen, wir Laienrichter können uns das nicht gefallen lassen. Wir striken. Wir gehen nicht mehr ins Gericht. Panove--" Gallensteiner: „Warum wollen Se schon wieder czechisch reden? Wissen Se, ich kann ja auch nix czechisch, ich bin nur czechisch-national gesinnt, aber soviel kann ich doch, dass mer schlecht werd, wenn ich Sie czechisch reden hör'." Siethutdaslhrige. „Heute hab' ich gelesen, dass auch die Mutter von Paul Heyse eine Jüdin war. Seh'n Sie, ich hab s immer schon gesagt, die Rassenkreuzung bringt grossartige Persönlichkeiten hervor." ,.. . . und ich hab' Ihnen schon immer gesagt: Ihre Principien gefall'n mir nicht. Wenn ich Ihr Mann war', hätt' ich den faden Oberlieutenant — er ist ja so nur 'n Getaufter — schon längst hinausgeschmissen!" „Thun Sie doch nicht eso! So lieb wie Ihr „Freund", der dicke Mandeles, der ekelhafte Börseaner, is er mir noch! Der Oberlieutenant ist kein Getaufter! Schon sein Grossvater hat sich taufen lassen!" „Das ist ganz richtig. Aber mir können Sie's glauben, ich hab' mich genau erkundigt: Sein Grossvater, sein Vater und er sind zugleich getauft worden. Sie werd'n ja sehen, aus Ihrem Edi wird kein Paul Heyse werden!" Weltchronik. Präsident Krüger in der Synagoge. Vor kurzem gieng durch die Blätter die Nachricht, Präsident Krüger habe im Jahre 1892 in Johannesburg eine Synagoge mit den classischen Worten eröffnet: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, ich erkläre die Synagoge für eröffnet." In der Londoner „Jewish Chronicle" wird nun diese Nachricht durch den competenten Zeugen, den damaligen Johannesburger Rabbiner, folgendermassen richtiggestellt : Präsident Krüger wurde dm-ch~ den Johannesburger Cultusvorstand eingeladen, die Eröffnung der neuen Synagoge vorzunehmen. Da Krüger eigene religiöse Ansichten hat, an welchen er in orthodoxer Weise festhält, glaubte man, dass er die Einladung ablehnen würde. „Allein zu unserem grössten Erstaunen — so erzählt der Johannesburger Rabbiner — nahm Präsident Krüger die Einladung unter der Bedingung an, dass er bei dieser Gelegenheit seinen religiösen Ansichten ohne Zurückhaltung Ausdruck geben könne. Da mir diese Ansichten sehr wohl bekannt waren, weigerte ich mich, ihm ein so weitgehendes Recht zuzugestehen, und der Ausschuss der Cultusgemeinde hielt infolge dessen eine Sitzung ab, um die durch die Verhältnisse geschaffene schwierige Situation in Erwägung zu ziehen. Auf Grund eines Beschlusses reiste ich mit einem der Ausschussmitglieder nach Pretoria, und dort gab uns Präsident Krüger die bestimmte Zusicherung, dass er bei der Feier der Einweihung keine den Lehren der jüdischen Religion zuwiderlaufenden Aeusserungen machen werde. Als Krüger bei der Einweihung erschien, hatten wir Mühe, ihn zu bewegen, den Hut auf dem Kopfe zu behalten. Sonst aber hielt er seine Zusage ein. Am Abend wurde ihm zu Ehren ein Bankett veranstaltet, an dem auch der gegenwärtige Transvaalgesandte in Brüssel Dr. L e y d s, General J o u b e r t und etwa hundert Israeliten theilnahmen. Als der Cultusvorsteher an den Präsidenten Krüger die Bitte richtete, vor Beginn des Diners den üblichen Segensspruch zu sprechen, hielt dieser die Gelegenheit, auf welche er offenbar den ganzen Tag über gewartet hatte, für gekommen und sprach, sich von seinem Sitze erhebend, im holländischenglischen Taaldialect feierlich : „Gelobt sei der Herr, Jesus Christus, für alles, was wir zu erhalten im Begriffe sind!" Aller Augen richteten sich verlegen auf mich, den Seelsorger der Gemeinde. Ich selbst war nicht minder verblüfft. Allein einer plötzlichen Eingebung folgend, erhob ich mich und sagte gleichfalls im Taaldialect: „Nachdem der Herr Präsident sein Gebet namens unserer christlichen Mitbürger gesprochen hat, möge es nunmehr mir gestattet sein, mein Gebet namens meiner Glaubensgenossen zu sprechen. „Ich recitierte darauf den bei solchen Gelegenheiten üblichen Segensspruch und damit war der Vorfall zur Befriedigung aller Anwesenden erledigt" Antisemitisches aus Ungarn. In Szegedin wurde vor einigen Jahren, wie uns von dort berichtet wird, auf Initiative mehrerer jüdischer Eisenbahnbeamten ein Beamtenclub „Otthon'" gegründet. Die jüdischen Gründer gaben sich alle erdenkliche Mühe, dem Vereine Mitglieder zuzuführen — natürlich christliche, so dass die Mitgliederzahl bald die stattliche Höhe von 800 erreichte. Die Verdienste dieser jüdischen Gründer-Mitglieder wurden auch allseits anerkannt, und bei jeder Neuwahl der Functionäre wurden einige Juden in den Ausschuss gewählt. In der letzten Zeit ist das allerdings anders geworden. Ein frisch-antisemitischer Windhauch streicht durch die immer prunkvoller werdenden Clubräume. Die christliche Mehrheit der Vereinsmitglieder findet plötzlich, dass ein verjudeter Vereinsausschuss ganz und gar nicht präsentabel ist. Es wurde eine lebhafte Agitation entfaltet, um bei der nächsten Neuwahl der Vereinsfunctionäre eine Judenreine Liste" durchzubringen. Die Agitation war auch thatsächlich von Erfolg begleitet: kein einziger Jude wurde in den neuen Vereinsausschuss gewählt. Das involviert natürlich eine eclatante Beleidigung der — immerhin zahlreichen — jüdischen Vereinsmitglieder. Viele von ihnen traten infolge dessen aus dem Vereine aus. Dadurch verringern sich natürlich die Einnahmen des Vereines um ein Bedeutendes. Wenn nun die neue Vereinsleitung auch auf die Mitgliederschaft der Juden gerne verzichtete, auf die Mitgliederb e i t r ä g e verzichtet sie minder gern. Und so gab sie denn auch eine Erklärung ab, dass sie absolut nicht antisemitisch gesinnt sei. Die jüdischen Mitglieder hatten nun natürlich ausreichende „Satisfaction" und machten ihren Austritt rückgängig. Daraufhin sollen einige antisemitische Mitglieder geäussert haben: „Mit den Juden muss man deutlicher reden. Vielleicht wird ein Wink mit dem Knotenstock genügen, um unseren Club von ihnen zu säubern." Unser Gewährsmann ist gegenteiliger Meinung . . . „Geht nach Jerusalem!" Dieser Ruf erscholl kürzlich im Budapester Etablissement Somossy während der Auf-