Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-03-23 · 12 (23.3.1900) · p. 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
12 (23.3.1900)
Article
Gegen den - kleinsten Mann
Date
1900-03-23
Page
6 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315864-3367768--18616-3367881
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 „Die & Welt?« Nr. 12 semitischer Erfolg, wenn man sich dabei vor Augen hält, dass unter diesen zu vernichtenden Existenzen viele Juden sich befinden. Es ist eine Lüge, dass es wirtschaftliche Gründe seien, die dies* inhumane und brutale Preisgebung der Schwächsten an die Schwachen fordere. Offen und ungeniert treten die Tendenzen des politischen Rückschrittes und der religiösen Verhetzung aus dem Gesetzentwurfe zur Abändenung der Gewerbeordnung hervor, man bemüht sich kaum, der brutalen Gewaltthätigkeit ein Mäntelchen unizuhängen und ignoriert die schlagendsten Argumente, die man zum Schutze der armen Hausierer vorbringt, die einfach erschlagen werden sollen. Ja, der „kleinste Mannhat heute wenig Glück gegenüber dem „kleinen Manne", und das hat seine guten, überzeugenden Gründe. Man muss nur denMuth haben, sie klipp und klar herauszusagen. Der Hausiererstand zählt eben viele — Juden in seiner Mitte, und die Handlungsreisenden sowie die Agenten gehören zum grossen Theile gleichfalls nicht zu den Freunden und Schützlingen der Antisemiten. Das entscheidet über ihr Schicksal. Sie sollen alle nur nebenbei erschlagen werden, denn der Schlag gilt eigentlich dem Juden. Was nützen da die schönsten Reden, die besten Ausführungen vorurtheilsloser Männer, die bis zur Handgreiflichkeit nachweisen, dass nicht der Hausierer es sei, der den kleinen Handwerker und Gewerbetreibenden ruiniere, dass er vielmehr ein nützliches, ja notwendiges Glied in dem wirtschaftlichen Organismus sei. Hausierer und Jude werden als identische Begriffe hingestellt, und da gibt es keinen Pardon. Vergebens hat da z. B. der Abgeordnete Kronawetter in einer glänzenden, von humanen wie sachlichen Erwägungen erfüllten Rede erklärt, der Staat habe nicht die Aufgabe, eine Berufsclasse zum Schaden der anderen zu schützen. Die Geschädigten müssten zumindest für die Schädigung ein Aequivalent erhalten, die Gesetzes- Vorlage sei überhaupt auf einer falschen Grundlage aufgebaut, sie sei inhuman und ungerecht. Das alles ändert wohl kaum mehr an dem Schicksale des „kleinsten" Mannes, er bleibt der Vernichtung geweiht. Ihm hilft nicht einmal der Hinweis auf die Statistik, welche zeigt, dass die jüdischen Hausierer eigentlich die Minorität bilden. Es ist nicht der erste Fall, dass dem Grimme der An isemiten auch Christen zum Opfer fallen, wenn es kein anderes Mittel gibt, Juden allein zu treffen. Das Gewissen der Antisemiten, wenn wir schon so komisch sein wollen, von einem solchen zu sprechen, mag schliesslich eine Beruhigung in dem Gedanken finden, dass dem nichtjüdischen Hausierer, auch wenn er jetzt den drakonischen Massregeln zum Opfer fällt, neue Erwerbszweige offen stehen, die dem Juden verrammelt sind. Man muss also den Antisemiten Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie wissen genau, was sie mit ihren Vorschlägen wollen, welche mit unerhörter Härte die Existenz zahlloser Familien vernichten und die wie eine Botschaft des unverhüllten und unverschämten Classenhasses klingen. Aber es gehört eine ausserordentliche Naivetät dazu, aus der fürchterlichen Härte dieser Ziele und Tendenzen die Hoffnung schöpfen zu wollen, dass das längst über den Häuptern der Aermsten sehwebende Damoklesschwert am Ende doch nicht auf dieselben herabfallen werde. Der arme, kleine Jude war ja immer die erste Beute, die den entfesselten Leidenschaften hingeworfen wurde, und der kleinste jüdische Hausierer, dem die.grösste Erbitterung gilt, gehört wahrlich nicht zu jenen, mit denen die Führer der Antisemiten plötzlich im letzten Momente, zur allgemeinen Ueberraschung, zu rechnen anfangen. Allem Anscheine nach ist nur noch eine geringe Galgenfrist dem armen Hausierer gegönnt, und dann tritt in seinem auch bi.-her so schweren Kampfe um das Dasein eine neue, noch fürchterlichere Phase ein: er steht dem Nichts gegenüber. Wenn ihm schöne Worte Trost verleihen können, den mag er in den Worten des Handelsministers finden, der da unter anderem sagte: „Kleingewerbe und Industrie, Detail und Grosshandel sind Theile eines und desselben Wirtschaftsganzen und berufen, nicht gegeneinander, sondern miteinander im harmonischen Einvernehmen zum besten der Einzelnen wie der Gesammtheit zu wirken. Aufgabe der Legislative ist es — und die Regierung zählt hierin auf die erleuchtete Mitwirkung aller Parteien dieses hohen Hauses — wenn Interessengegensätze zutage treten, dieselben auszugleichen und alle Zweige unseres Erwerbslebens mit gleicher Liebe und mit gleichem Eifer zu fördern! Das sind schöne Worte, aber die armen Juden sind durch die Erfahrungen, die sie so oft gemacht, gewitzigt, und sie fürchten, dass die „erleuchtete Mitwirkung der Parteien" wieder einmal just in dem Momente versagen werde, wo es gelten wird, sie zu retten. Liebe und Eifer der Volksbeglücker gehört dem „kleinen Manne", und für den „kleinsten Mann" ist davon nichts übrig geblieben. Tribüne. (Für das in dieser Rubrik Pub Ii eierte ist die Redaction nicht verantwortlich.) Aufruf! Jüdische Mitbürger! Man pflegt an Euch zu appellieren, wenn die Noth bereits angepocht hat. Wir wollen Euer Herz für eine Sache erwärmen, die einer Noth vorzubeugen bestimmt ist. Die physische Degeneration unserer Rasse ist nicht von ihrer Eigenihümlichkeit bewirkt, sondern eine Folge der jetzigen Structur der Gesellschaft und insbesondere unserer schiefen Stellung innerhalb der Völker. So erstanden, macht sie unleugbar Fortschritte, und ihr vorzubeusren, ist nicht nur Sache der klugen Voraussicht, sondern auch Gebot des Selbsterhaltungstriebes. Als eines der Mittel zur Bildung physischer Kraft wird das Turnen bei allen modernen Völkern betrieben und von Staat und Volk gefördert. Nur wir Juden haben die Pflege des Körpers vergessen. Der „Turnverein jüdischer Hochschüler", die erste Schöpfung dieser Art in Wien, hat sich zur Aufgabe gemacht, zunächst die jüdische Studentenschaft, später durch Umwandlung in einen allgemeinen „jüdischen Turnverein", alle Kreise der jüdischen Bevölkerung an sich heranzuziehen. Zu diesem Zwecke ist aber unser enges Heim in der Hessgasse 7 schon jetzt ganz unzureichend und es müssen leider weitere Anmeldungen, die aus nicht studentischen Kreisen massenhaft zuströmen, abgewiesen werden. Wir bitten daher Euch alle, traget Euer Scherflein zu einem Werke bei, das .nicht nur für Wien von eminenter Wichtigkeit ist, sondern auch ein segensreiches Beispiel sein wird zur Nachahmung. Darum thue jedermann seine Pflicht! Geldspenden werden in der Redaction der BWelt" entgegengenommen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.