Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 12 (23.3.1900)
- Article
- Karpeliden
- Date
- 1900-03-23
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 12 ,Die tOl Welt- Seite 5 „Bestialisch geschlagen", drückt sich der officielle Bericht der Gewerkschaftscommission aus. Die Kohlenarbeiter sind mit dem Ausgange des grossen Strikes unzufrieden, die Errun genschaften des wochenlangen Kampfes scheinen ihnen zu geringfügig, und dieser Stimmung hat das arbeitende Volk nach Wegelagerer - Manier Ausdruck verliehen. In der Stimmung des prügelt'rohen Volkes sind einige Töne, die uns besonders interessieren. Einer der beiden misshandelten Führer heisst Karpeles. Er und sein Schicksalsgenosse fungierten im Strikecomite als Willensvollstrecker der Wiener Parteileitung. Ein Wiener Antisemitenorgan, das sich im Leitartikel zum Herold der strikenden Kohlenarbeiter aufwirft und deren brutale Handlungsweise mit den perfidesten Argumenten" zu rechtfertigen sucht, macht die Mittheilung, dass der Groll der Arbeiter den Pj ü d i s c h - socialdemokratischen" Führern gilt. Das Blatt erzählt auch, dass sich das arbeitende Volk in den Kohlenrevieren jetzt von den „jüdisch-socialdemokratischen" Führern losmacht und ins radicalnationale Lager marschiert. Der Zusammenhang zwischen Kohlenstrike und Judenthum ist also sehr glücklich hergestellt. Schon beim Ausbruche des Strikes war vorauszusehen, dass schliesslich die Juden nach altem Brauch das Bad ausgiessen würden. Von den verschiedenartigsten Gesichtspunkten aus wurde im Verlaufe des Streiks der beliebte Jude in den Mittelpunkt der Situation hineingeschoben. Die jüdischen Kohlenmagnaten, hiess es. haben durch ihr Ausbeutungssystem den Strike verschuldet Ferner: Die jüdischen Kohlenhändler beuten den Strike aus, treiben die Kohlenpreise in die Höhe und ruinieren die Bevölkerung. Und jetzt: Die jüdischen Arbeiterführer, die von den Kohlenbaronen ein Trinkgeld bekommen haben, führen die Arbeiter irre und verrathen sie an die Ausbeuter. Der Vorgang ist sehr lehrreich. Juden, die etwa die Absicht haben, Gut und Blut für die Erlösung des arbeitenden Volkes einzusetzen, mögen das Antlitz gegen Mährisch- Ostrau wenden und dreimal bedachtsam das Wörtchen „Karpeles" aussprechen. Diese Ceremonie muss auf jeden angehenden Volksapostel eine ungemein beruhigende und ernüchternde Wirkung ausüben. Es ist bekannt, dass die jüdischen Arbeiterführer fast ausnahmslos sich mit anerkennenswerter Hingebung und Selbstlosigkeit für die Sache der Arbeiter mühen, viele der jüdischen Führer haben im Dienste ihrer Idee grosse, grosse materielle und moralische Opfer gebracht — in Mährisch-Ostrau hat ihnen das arbeitende Volk den Dank ausgesprochen, und die Wiener Antisemitenpresse secundiert hämisch dem wüsten Gepolter der Knüttel und Arbeiterfäuste. In Ostrau hat sich eine kleine Luke aufgethan, und man konnte einen Augenblick lang durch das Fensterchen hineinspähen in eine Gesellschaftsordnung, die den Juden gewöhnlich als zukünftiges Eldorado in Aussicht gestellt wird. „Wir werden eine andere Gesellschaftsordnung schaffen, wir und das Volk," sagen die Arbeiterführer, „und in unserer Gesellschaftsordnung wird die Judenfrage gelöst sein." — Bewahre der Himmel die Juden vor einer Gesellschaftsordnung, wie wir sie durch das Ostrauer Fensterchen gesehen haben! Das Geklapper der Ostrauer Knüttel war eine wenig anmuthige Zukunftsmusik, und jeder, der den Namen Karpeles oder einen stammverwandten Namen führt, mag mit beträchtlicher Sorge einem herannahenden Zeitalter der Volkssouvärenität entgegensehen. Alles, was „Volk" heisst, hat einen Theil welcher „Pöbel" heisst. „Volk" kann sich nicht frei machen von Pöbelhaftigkeit. Die Lobpreiser des Volkes, die Apostel der Gesellschaftsordnung, in der das Volk den Königspurpur tragen soll, pflegen die Pöbelhaftigkeit mit den elenden Lebensbedingungen des armen, geknechteten Volkes, mit dem tiefen Culturniveau — Folgen des jetzigen Gesellschaftbaues — zu erklären und zu entschuldigen. In einer reformierten Weltordnung, so prophezeien die Apostel, würde der Pöbeltheil unter dem Einflüsse der besseren Lebensführung, Erziehung und Bildung zugrunde gehen. Aber das Prophetenwort klingt wenig glaubhaft. Pöbelhaftigkeit ist nicht an eine bestimmte Gesellschaftsschichte gebunden. Sie findet sich auch in solchem Volke, das sich einer ganz erträglichen Lebenshaltung erfreut. Man betrachte doch gewisse Bürgerschichten! Es steht also zu erwarten, dass das Volk, auch wenn es in künftigen paradiesischen Zeiten alltäglich sein Huhn im Topfe haben sollte, trotz dieses erfreulichen Umstandes den Ostrauer Umgangsformen hie und da fröhnen wird. Arme Karpeliden! Ob wohl die Ostrauer Ereignisse die jüdischen Arbeiterführer nachdenklich gestimmt haben!? Die Wiener „Arbeiter-Zeitung" sucht die Arbeiter zu entschuldigen. Sie nennt den Pöbelhaufen „Kinder". Verhetzung, Verzweiflung, Naivetät hätten die Stockstreiche geführt. Der Ton der Arbeiter-Zeitung" erinnert an .,Herr, verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun". Das ist auch ein Stück Judennoth. Der Jude geht mit hilfbereitem Herzen z.im Volke, er will es befreien, erlösen, und wird mit Knütteln zurückgeprügelt. Arme Karpeliden! Sie werden noch manchmal seufzen : „Herr, verzeihe ihnen ..Die Ostrauer Enttäuschung wird nicht die letzte sein. Erwin Rosenberger. Gegen den — kleinsten Mann. Von Max Rotter. Das Schlagwort: ,Für den kleinen Mann muss etwas geschehenist eines der populärsten und wirkungsvollsten geworden. Die grossen Herren selbst haben, dem Zuge der Zeit, wenn auch nicht dem des Herzens folgend, mitunter das Bedürfnis empfunden, um die Freundschaft des kleinen Mannes zu buhlen, der, wenn zu nichts anderem, so doch unter allen Umständen zur Abgabe seines Stimmzettels berufen und befähigt ist. Ja, die Parole : dass für den kleinen Mann - - der an der Wahlurne mit über das Schicksal der grossen Männer entscheiden kann — etwas geschehen müsse, hat ihr Glück gemacht. Wenn auch dem kleinen Manne nicht geholfen wurde, so hat man zumindest den Anschein zu erwecken sich bemüht, dass man ihm helfen wolle. Das ist -etwas. Und das ist schon geschehen und geschieht noch immer. Aber noch ein zweites erscheint heute als ziemlich sicher. Die patentierten Gesellschaftsretter im allgemeinen und Schützer des kleinen Mannes im besonderen bemühen sich mit Feuereifer, dass der — kleinste Mann, denn das ist wohl der Hausierer, angeblich zugunsten der Handwerker und Gewerbetreibenden, also zur Freu.de des -kleinen Mannes", abgeschlachtet werde. Die Fiction, dass für den kleinen Mann etwas geschieht, wenn man ihm den kleinsten Mann opfert, wird, darüber kann heute wohl kein Zweifel mehr obwalten, siegen. Dem „kleinen Mannewird damit wohl höchstens eine platonische Freude bereitet werden, zahllose Existenzen werden damit positiv vernichtet werden. Das ist immerhin ein schöner, echt anti-