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Die Welt · 1900-03-23 · 12 (23.3.1900) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
12 (23.3.1900)
Article
Perez Smolensky und der zionistische Gedanke
Date
1900-03-23
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seilf 4 ,Die j$ Welt" Nr. 12 recht in der ganzen Weit als talmudische Spitzfindigkeit definiert. In Wahrheit hat der Talmud mit dieser formalen, von aller Wirklichkeit und Wahrheit abgekehrten Sophisterei so gut wie gar nichts zu thun; sie wird ausschliesslich in der Jeschiwe gezüchtet. Fremd wie das Leben ist diesen Schülern -iie biblische Sprache und Literatur: kaum, dass sie zur Noth ihr Gebetbuch verstehen. Man wundert sich bei dieser Art von Unterricht nicht mehr, dass die Kinder der Jeschiwe ausserhalb der Unterrichtszeit vollständig sich selbst überlassen sind. Das Schulhaus in der freien Zeit ist einfach ein Pandämonium, in welchem hunderte von bösen Geistern ihr Unwesen treiben? ohne dass dies irgendwie Anstoss erregt. Erst um Mitternacht wird der Höllenlärm für wenige Stunden unterbrochen. Von den spärlichen Thatsachen. die aus Smolenskys Leben in der Jeschiwe von Sklow auf uns gekommen sind, sind zwei von besonderer Bedeutung : er lernte Russisch und las im Geheimen die biblichen Schriften. Es liegt eine ergötzliche Ironie des Schicksals darin, dass uns die erste Jugend Smolenskys in mehr als einem Zuge an die Moses Mendelssohns erinnert, jenes Mendelssohn, den Smolensky sein ganzes Leben lang nichl müde wurde, immer wieder von neuem zu befehden. Sowie Mendelssohn in den ersten Jahren seines Aufenthaltes in Berlin die stillen Nachtstunden dazu benützte, um sich weltliches Wissen zu verschaffen, so war Smolensky gezwungen, nach Mitternacht, während seine Mitschüler im tiefen Schlafe lagen, die verlassene Weiberschul aufzusuchen, und dort die verbotenen Schriften, d. h. die hebräische Bibel, zu studieren. Soweit laufen die Wege der beiden Talmudjünger Mendelssohn und Smolensky parallel, von hier an gehen sie rasch und weit auseinander. Beide hatten sich durch das Studium der Bibel und der weltlichen Schriften über ihre Umgebung erhoben, in beiden war eine Ahnung aufgedämmert von einer schöneren, freieren Welt. Aber während Mendelssohn ein bürgerliches Gewerbe ergriff und der theologischen Laufbahn einfür allemal entsagte, liess «sich Smolensky scheinbar planlos von Stimmungen und Zufällen treiben, als hätte er seine Eltern mit ihren hochgespannten Erwartungen vergessen, als hätte er nicht an seine eigene Zukunft zu denken. Bald finden wir ihn in dem Städtchen Tvnh^wicz, im Kreise eines Wunderrabbi, wo er Gelegenheit hatte, das Treiben der sogenannten Chassidim von der unerfreulichsten Seite kennen zu lernen. Der Chassidismus ist in seiner ursprünglichen Gestalt eine Auflehnung der elementaren Lebenslust gegen die systematische Abtödtung, des gesunden Menschenverstandes gegen die nachtalmudische Sophisterei, des natürlichen Gefühles gegen die Nüchternheit im jüdischen Leben. Smolensky bekam in Lubawicz von jenem neuen gesunden Bekenntnis nur noch eine possenhafte Entartung, von den Chassidim nur bewusste und unbewusste Betrüger zu sehen. Bald wieder finden wir Smolensky in Wji&hsk, wo er im Hause eines reichen Mannes drei Jahre lang Unterricht ertheilt, und wieder treibt es ihn in die Welt hinaus. Diesmal geht die "Reise nach Mohilew, wo er sich als Gehilfe eines Cantors sein Brot verdient, und wieder nach einiger Zeit ist er auf der Reise nach Odessa begriffen, ohne Geld, ohne Freunde, ohne jede Empfehlung. Aber Smolensky, der von Kindesbeinen an gelernt hatte, sich durch die Welt zu schlagen, wusste sich zu helfen. Wo immer er hinkam, kündigte er einen Vortrag an, und so gross war sein Wissen und seine Beredtsamkeit, dass er sich thatsächlich als Wanderlehrer Brot und Reisegeld verdiente und endlich das ersehnte Ziel seiner Wanderung, Odessa, den Sitz der gebildeten und aufgeklärten Juden, erreichte. Hatte Smolensky wirklich in jugendlichem Leichtsinn planlos seine Jahre in Sklow, in Lubawicz. in Witebsk, in Mohilew vergeudet V Die Thätigkeit des einundzwanzigjährigen jungen Mannes in Odessa belehrt uns eines Besseren. Wir sehen, dass Smolensky seinem Berufe gefolgt war, als er in scheinbarem Abenteurerleben alle Schichten der jüdischen Welt aus eigener Erfahrung kennen lernte und in den Seelen aller zu lesen versuchte. Arm und Reich, Hoch und Niedrig, Unwissende und Gelehrte. Betrogene und Betrüger — Smolensky hatte alle Menschengattungen während seines Vagantenlebens studiert. Und jetzt, da es ihm in Odessa vergönnt war, sich frei zu entfalten, da zeigte es sich, dass alle jene Wanderjahre nur die Vorbereitung gewesen waren für Smolenskys dichterischen Beruf. Seine erste grössere Arbeit, die bereits erwähnte Erzählung „Im Labyrinthe des Lebens" bedeutet geradezu einen neuen Abschnitt in der Geschichte der neuhebräischen sogenannten schönen Literatur. Wenn Smolensky in seinem ganzen Leben nichts weiter geschrieben hätte, als das eine Werk, so wäre ihm das Anrecht auf den Ehrennamen eines führenden Geistes gesichert. Smolensky ist der erste Realist in der neuhebräischen Literatur, er hat es zum erstenmale gewagt, jüdisches Leben der unmittelbaren Gegenwart ungeschminkt darzustellen. Wie gross die Kühnheit dieses revolutionären Versuches war, wie fern die jüdische Wirklichkeit lag, wie wenig selbst berufene Schriftsteller von Namen und Stellung das Vorhandensein dieses ungehobenen Schatzes ahnten, das wird durch die denkwürdige Antwort eines Odessaer Redacteurs vortrefflich illustriert. Cederbaum hatte von Smolensky eine und die andere Uebersetzung aus dem Deutschen für die literarische Beilage des iHameliz" angenommen: als ihm aber Smolensky eines Tages eine selbständige Arbeit übergab, sprach der Redacteur die geflügelten Worte : „Haben Sie denn nichts zu über- | jsetzen?" Die Erzählung „Im Labyrinthe des Lebens", die "in Odessa begonnen wurde, war der grösste Erfolg der neuhebräischen Literatur. Das Buch war und ist noch in jedem Hause zu finden, wo man die Sprache der Bibel versteht : nicht nur im ganzen Osten von Europa, sondern auch in England und jenseits des atlantischen Oceans wurde der Name Smolensky mit Liebe und Bewunderung genannt. Das Werk hat vier Auflagen erlebt — für ein neuhebräisches Buch ein unerhörtes Ereignis! Josef aus Medimnah erzählt seine Lebensgeschiehte von dem Momente an, da er als Waisenkind unter fremde Leute kommt, bis zu der Zeit, da er auf dem Sterbebette der Welt sein geistiges Vermächtnis übergibt. Josef schildert seine Erfahrungen in der Jeschiwe, unter den Chassidim, unter russischen Bauern, unter reichen Juden in Hamburg, London und Paris: er ist sein ganzes Leben lang auf der Suche gewesen nach der Wahrheit, nach dem Heile für sich und sein Volk, auf dem Sterbebette schildert er uns das Labyrinth, als das ihm das Leben erschien, um uns vor ähnlichen Irrwegen zu warnen. Aber das ist eine der Schwächen des Buches: es zeigt uns das Labyrinth, gibt uns aber keinen rettenden Faden in die Hand. Das Judenthum liegt im Osten wie im Westen todkrank darnieder — diese Ueberzeugung drängt sich uns auf, wenn wir das Vermächtnis des Josef aus Medimnah lesen; aber seine Vorschläge zur Heilung des Kranken erwecken in uns nicht das nöthige Vertrauen. (Schluss folgt.) Die Woche. Wien, 21. März 1900. Karpeliden. In Ostrau haben sich dieser Tage hässliche Scenen abgespielt. Arbeiter sind in öffentlicher Versammlung über ihre Führer, Mitglieder des Strikecomites. hergefallen und haben sie auf der Tribüne in barbarischer Weise misshandelt

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