Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 12 (23.3.1900)
- Article
- Die Cypernfrage
- Date
- 1900-03-23
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 12 »Die $l Welt- Seite 3 welche keine Zionisten sind, aber dem Projecle des Herrn Trietsch freundlich gegenüberstehen, völlig ausser Spiel. Herr Trietsch nennt sich politischer Zionist, als solcher wohnte er dem letzten Congresse als Delegierter einer amerikanischen Gruppe bei, und mehrmals erklärte er, dass er als politischer Zionist »ein Project dem Congresse unterbreite. Was uns anbelangt sind wir der Ansicht, dass der Zionismus sich mit der Cypernfrage nicht zu befassen habe. Und nicht aus theoretischen Gründen allein sind wir dieser Meinung, mehr noch aus praktischen. Die Propaganda des Herrn Trietsch scheint uns im höchsten Grade schädlich. Würde er sich darauf beschränken, mit den zu seiner Verfügung stehenden Mitteln die Realisierung der Angelegenheit zu betreiben, so könnten wir ihr gleichgiltig gegenüberstehen. Aber er wendet sich an die jüdischen Massen, an jene Massen, die, unter dem grässlichsten Elend leidend, jedem folgen, der ihnen die schnellste Besserung verspricht. Der Mann aus dem Volke, obwohl Zionist im Innern seines Herzens, hofft immer auf die Entdeckung irgendeines Eldorados, .wohin er seine Schritte lenken könnte. In Rumänien werden gewiss viele Familien das Project mit Freuden begrüssen und zur sofortigen Auswanderung bereit sein. Wenn man aber in Betracht zieht, welche Opfer es gekostet hat, bis der Zionismus dahin gelangte, die Massen des jüdischen Volkes zu organisieren, in der Absicht, dem V o 1 k s w i 11 e n Geltung zu verschaffen, so wird man uns zugestehen müssen, dass jeder Versuch, der dieses Gebäude niederzureissen oder nur zu erschüttern imstande wäre, verwerflich erscheinen muss. Was sich in Hasel während des dritten Congresses abspielte, ist doch gewiss sehr bezeichnend. Man erinnere sich nur, wie das Project aufgenommen wurde. Man braucht nicht gerade an die „Fanatiker* zu denken, die das Project in so lärmender Weise ablehnten. Herr Trietsch scheint uns ein gewissenhafter Mann zu sein. Aber er begeht einen ernsten taktischen Fehler. Er sollte für solange verzichten, bis alle zur Ausführung seiner Idee nöthigen Bedingungen eintreffen, um dann mit Erfolg, dafür agitieren zu können. Er braucht dann auch um die Ausführung nicht besorgt zu sein. Möge er im Stillen arbeiten, möge er von der englischen Regierung die Erlaubnis zur Colonisierung zu erhalten suchen, an Menschenmaterial wird es ihm nicht fehlen. Wozu eine vorherige Propaganda? Bedarf er für sein Project der jüdischen öffentlichen Meinung? Keineswegs. Weil aber Herr Trietsch in anderer Weise vorgeht, weil er Verwirrung in unsere Reihen trägt, ist es Pflicht der politischen Zionisten, ihm entgegenzutreten und die jüdischen Massen zu warnen. („L'Echo Sioniste".) Perez Smolensky und der zionistische Gedanke. (Aus dem am 7. März 1900 gehaltenen Vortrage.) Von Leo Rafaels. Perez Smolensky wurde am 8. März 1842 zu Monastyrczyne im Mohilewer Gouvernement geboren. Der kleine Perez war von frühester Kindheit an mit der Sorge aufs innigste vertraut. Sein Vater war in guten Verhältnissen gewesen, aber gerade als Perez zur Welt kam, erlitt er in seinen Geschäften einen Verlust nach dem anderen, und als vollends eine Feuersbrunst auf dem von ihm gepachteten Gute ausbrach, war er gezwungen, seine Heimatstadt zu verlassen und sich in der Fremde nach einem Erwerbe umzusehen. Perez blieb mit seiner Mutter und den Geschwistern in dem Städtchen zurück. Glücklicherweise war die Mutter unseres Perez eine tüchtige Frau von altem Schlage: anspruchslos in ihren persönlichen Bedürfnissen, arbeitsam, den Kindern gegenüber von ungetrübter Heiterkeit in allen Lagen des Lebens. Die brave Frau half sich, so gut es gieng. über die Jahre des Elends hinweg: endlich kehrte ihr Mann heim und ein neues Leben begann. Der vierjährige Perez wurde jetzt unter der unerbittlichen Aufsicht der Mutter im Hebräischen unterrichtet, und bald darauf auch in das Studium des Talmud eingeführt. Perez war ein Wunderkind, und man sagte ihm eine grosse Zukunft voraus. Als er elf Jahre alt war, brachte seine Mutter das grösste Opfer ihres Lebens: sie Hess ihn in die Fremde ziehen. Perez wanderte *.u Fuss nach Sklow, um dort in der „Jeschiwe" die höchste Ausbildung im Talmud, wie in den nachtalmudischen Schriften zu erhalten. Diese Art von Schulen, welche zur Zeit Mendelssohns noch in Berlin, bis vor wenigen Jahrzehnten noch in Ungarn und Mähren vorhanden waren, sind heute wohl nur noch in Russland und Galizien zu sehen, und gehen auch dort dem Aussterben entgegen. Smolensky hat uns in seiner erfolgreichsten Erzählung „Im Labyrinthe des Lebenseine naturgetreue Schilderung der russischen ...Jeschiwe'' gegeben. Uns Modernen eine unsympathische, unbegreifliche Anstalt. Kinder von zehn Jahren kommen fast ganz mittellos in die Stadt, mit keiner anderen Empfehlung, als ihrem Wissen versehen. Jeder Ankömmling wird vom Vorsteher der Schule geprüft. Vom Ergebnisse dieser Prüfung hängt es nun ab — nicht ob er aufgenommen wird oder nicht, denn keinem, der anklopft, wird da der Eintritt versagt — sondern ob er unter grösseren oder geringeren Entbehrungen seine Lehrzeit vollenden wird. Zeigt ein Kind Begabung und Fleiss, so werden ihm in wohlhabenden Familien Freitische gewährt, und auch für nothdürftige Unterkunft und Kleidung ist dann gesorgt. Als Mendelssohn Dessau verliess, um seinem Lehrer Fränkel nach Berlin zu folgen, erhielt er sich in der Hauptstadt Preussens nach der gleichen Methode: er „ass Tage", wie der Jeschiwe-Ausdruck lautet, und bekam von der Wohlthätigkeit' reicher Glaubensgenossen gerade genug, um die Miete für ein Dachkämmerchen zu erschwingen. Für die Kinder der Jeschiwe ist das Schulhaus jahraus jahrein die gesammte sinnliche, die talmudische Literatur die gesammte geistige Welt. Die Natur mit ihren Geheimnissen und Offenbarungen ist für sie nicht vorhanden, denn Feld und Wald werden gerade nur flüchtig aus der Ferne gesehen; mit dem Treiben der Menschen, mit allem, was gemeinsame Kräfte und höhere Triebe zur Verschönerung des Lebens schaffen, kommen die armen Jungen nie in Berührung. Gemäss der alten Regel in den Sprüchen der Väter gehen die Wünsche eines Jeschiwe-Schülers nicht über die allerprimitivsten Bedürfnisse hinaus: Brot und Salz ist hinreichende Kost, die blosse Erde genügend als Bett. Es ist recht schwer, modernen Menschen einen Begriff von dem Unterrichte zu geben, wie er in einer Jeschiwe zehnjährigen Kindern zutheil wird. Was tausende und abertausende von Männern während der letzten fünfzehnhundert Jahre unter allen Himmelsstrichen Asiens, Afrikas und Europas aus dem Talmud hinaus- und in ihn hineinerklärt haben, Civil- und Criminalrecht, Fragen ritueller Natur, Sitte und Brauch, alles, was nur irgendwie die religiöse Seite der Lebensführung betrifft — alles das wird mit diesen Kindern discutiert. Es ist natürlich von vornherein ausgeschlossen, dass die Schüler bei jedem Mangel an Anschauung den Inhalt, das We-;en der discutlerten Dinge begreifen : daher bildet sich mit der Zeit die Fähigkeit heraus, jede Frage an ihrer formalen Seite zu fassen, und das weitere Ergebnis ist jene kniffige Art zu denken, die man mit Un-