Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 11 (16.3.1900)
- Article
- Ein Judendrama [Rezension]
- Date
- 1900-03-16
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 11 „Die # Welt" Seite 13 mit landläufigen Redensarten, bekämpft. Und für einen Gesinnungswechsel liegt bis jetzt kein Anzeichen vor. Aber bei der Leetüre des Stückes drängt sich obige Ansicht unwillkürlich auf. Möglicherweise hat die unwiderstehliche Wucht der Thatsachen die subjective Anschauung des Verfassers in den Hintergrund gedrückt. Man höre: In einem kleinen galizisehen Städtchen lebt bescheiden der Fuhrmann Menasse mit seiner Frau Malka und seinem Sohne Josef. Eines schönen Tages kommt er zur Einsicht, dass mit dem schwindsüchtigen Gaul und der altmodischen Kutsche nicht weit zu gelangen ist. Er verkauft diese Habseligkeiten und beginnt Wuchergeschäfte zu betreiben. Das Glück begünstigt ihn. In kurzer Zeit bringt er ein namhaftes Vermögen zusammen. Wie es so oft geschieht, stellt sich infolge dessen bald die gebärende Wertschätzung seitens der Mitbürger ein. Der ehemalige Kutscher wird mit Ehren förmlich überhäuft. Er ist Präses des Cultusvorstandes, Mitglied des Gemeinderathes. Vorsitzender einer Unzahl von Vereinen, mit einem Worte ein Potentat nach der Vorschrift. Er geniesst so unbedingtes Vertrauen, dass viele bei ihm ihre Gelder deponieren. "Unter anderen übergibt ihm auch der greise Talmudist Jochaj. der auf seine alten Tage nach dem Heiligen Lande auswandert, gegen einen Schein die Summe von 8000 Gulden. Davon soll ein Theil ihm nach Jerusalem zugeschickt, der Rest den Verwandten ausgefolgt werden. Ersteres geschieht auch durch einige oahre. Unterdessen macht der Sohn Menasses. Josel, eine radicale Wandlung durch. Er hatte durch längere Zeit die in der Nähe wohnende Tochter eines Beamten. Rosa, beobachtel, und zu seinem Erstaunen bemerkt, dass diese sich in einer ganz eigenartigen Atmosphäre bewege. Sie lese Bücher, die in einer ihm unverständlichen Sprache geschrieben sind, spreche und benehme sich nicht wie die Leute seiner Umgebung, sondern ganz so wie „jene dort". Er fasst den Entschluss, ihr ähnlich zu werden, um sich ihr nähern zu können. Heimlich stiehlt er sich aus des Vaters Hause, begibt sich nach der Hauptstadt, und nach jahrelangen Mühen und Entbehrungen kehrt er eben heim als Doctor der Medicin. Zu gleicher Zeit kommt auch Jochaj aus Jerusalem wieder zurück. Menasse verweigert ihm nämlich die Zahlung weiterer Raten. Er behauptet, von Jochaj bloss achthundert Gulden erhalten zu haben, die bereits erschöpft seien. Der Schein ist irgendwo verloren gegangen. Vergebens legen sich die Vorsteher, der Rabbiner, die angesehensten Bürger ins Mittel. Menasse bleibt hartnäckig bei seiner Weigerung. Da fordert ihn Jochaj auf, die Wahrheit seiner Behauptung durch einen feierlichen Eid vor der versammelten Gemeinde in der Synagoge zu bekräftigen. Menasse nimmt diesen Vorschlag an. Darob grosse Aufregung in der ganzen Gemeinde. Die ältesten Mitglieder können sich nicht eines ähnlichen Falles entsinnen. Nun greifen in die Handlung der Sohn Menasses, Doctor Josef und Fräulein Rosa ein. Dieses Paar fesselt in hohem Masse unsere Aufmerksamkeit. Es sind dies geradezu classische Beispiele unserer heutigen Jugend. In der dumpfen Ghetto-Atmosphäre aufgewachsen, haben sie in der ersten Zeit vielleicht ein ehrliches Sehnen nach besseren, lichteren Zuständen empfunden. Diesem innerlichen Zuge blindlings folgend, haben sie sich allmählich vom Judenthum entfernt, jeden Zusammenhang mit ihm verloren. Die Ergebnisse und Formen der arischen Cultur haben sie sich wohl äusserlich angeeignet. Aber der innere Kern, der wahre Inhalt derselben, blieb ihnen fremd. So stehen sie da wie Strohhalme, ohne feste Basis, ohne Lebensinhalt. Die eigenen Volksideale haben sie gewaltsam aus dem Herzen gerissen, die fremden sind ihnen verschlossen geblieben. Bei der ersten ernsten Probe gleiten sie denn auch aus. Sie finden sich schliesslich im Verbrechen. Josef hat den Schein Jochajs in einem alten Buche gefunden und sucht nun den Vater vom Meineid zurückzuhalten. Menasse geräth in grosse Verlegenheit. Da erscheint ihm ein Retter in Rosa. Doctor Josef hatte kurz vorher um ihre Hand angehalten, die sie ihm auch mit Rücksicht auf das Vermögen und' die Stellung Menasses zu geben beabsichtigt. Nun drohen alle ihre Hoffnungen mit einemmale in nichts zu zerrinnen. Rasch entschlossen fordert sie von Josef um den Preis ihrer Liebe die Auslieferung des Scheines. Diese geschieht auch bald, wenn auch nach einigem Sträuben. Die weitere Entwicklung erfolgt rasch. Menasse leistet einen Meineid vor geöffneter Bundeslade in der Synagoge. Die unmittelbare Folge davon ist, dass er jedes Ansehen in der Gemeinde verliert. Er wird von allen Ehrenstellen verdrängt. Er verfällt bald in Trübsinn und am Tage der Grabsteinlegung für Jochaj, dem aus Kummer ob des furchtbaren Verbrechens das Herz brach, werden seine Sinne völlig umnachtet. Josef und Rosa sind jetzt bereits Mann und Weib. Aber die verpestete Atmosphäre, die sie zusammengebracht, vergiftet ihnen jeden Augenblick und verscheucht jegliche Freudigkeit aus ihrem Leben. Sie finden wohl momentan Linderung in der Leidenschaft. Aber kaum ist der Rausch verflogen, so steigt immer wieder das Verhängnis furchtbar drohend vor ihre entsetzten Augen. Sie fliehen dann einander. Hat nun Feldmann ein nationales Judendrama geschaffen? Wir glauben, diese Frage könne nur in gewissem Sinne bejaht werden. Es ist eine gründliche, ehrliche Arbeit. Das Milieu, die Personen, die Handlungen, die Episoden, der allgemeine Grundton sind echt jüdisch. So ein Festmahl am „Sitnchat Thora" im Hause Menasses, so eine Scene in der Synagoge oder am Friedhofe, die tönen einem ins Ohr, wie lange nicht vernommene, aber umso lieblichere Klänge aus der lieben, alten Heimat. Manche Gestalten erscheinen direct von der jüdischen Gasse auf die Bühne hinübergebracht. Und doch lässt das Stück ein allgemeines Unbehagen, eine ästhetische Unzufriedenheit zurück. Woher mag das kommen? Nun, man gewinnt den Eindruck, das Bild sei nicht vollständig, der Dichter sei in der Mitte des Weges stehen geblieben. Das jüdische Gefühl, das jüdische Herz aber bäumt sich zu energischem Proteste auf. Täuschen wir uns nicht. Diese Decadence, dieser grauenhafte Niedergang der moralischen und ethischen Begriffe sind leibhaftige Wahrheit. Aber dann wäre auch die umgekehrte Seite der Medaille zu zeigen. Wenigstens einige Lichtseiten, einige Hoffnungsstrahlen würden da wohlthuend wirken. Sie würden das Bild erst zu einem Ganzen, auch in künstlerischer Beziehung machen. Der Jammer und das Elend, die Entartung und der Verfall des Judenvolkes, aber auch seine Hoffnungen und seine Bestrebun gen, seine Tugenden und seine Wünsche harren des Meisters. Das wäre eine würdige Aufgabe für einen wahren, grossen Poeten. Feuilleton. Lieder eines Bekehrten. VL Ein Jude sein .. .! Ein Jude sein heisst unter stetem Ringen Als ein Märtyrer durch das Leben zieh'n. Und wenn der Muth schon fast gebrochen schien, Aufs neue wieder sich emporzuschwingen. Ein Jude sein heisst unter Ketten schmachten Im Joche tausendjähr'ger Sclaverei, Und doch als Mensch sich fühlen stolz und frei, Wenn and're auch als Paria ihn verachten. Ein Jude sein heisst dulden und ertragen Verfolgung, Hass und Ungerechtigkeit Und selbst im allertiefsten Weh und Leid Voll festen Selbstvertrauens nicht verzagen. Ein Jude sein heisst irren durch die Lande Als Fremdling angesehen und als Feind, Doch mit dem Leidensbruder fest vereint Durch tausend unsichtbare Seelenbande. Ein Jude sein heisst glüh'n im Freiheitsdrange Begeist'rungsvoll für Gleichheit und für Recht, Als Freier leben wollen, nicht als Knecht, Und todesmuthig trotzen jedem Zwange. Ein Jude sein heisst kämpfen, bluten, streiten Für seines Volksthums heil'ges Ideal, Und stets belebt von neuem Hoffnungsstrahl Voll Selbstbewusstsein in die Zukunft schreiten. Ein Jude sein heisst voller Glut sich sehnen Nach Zions einst'ger, ach erlosch'ner Pracht Und fern in der Verbannung düst'rer Nacht Des Heimatland's gedenken unter Thränen! Paris, im März 1900. Heinrich Grünau.