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Die Welt · 1900-03-16 · 11 (16.3.1900) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
11 (16.3.1900)
Article
Breslau
Date
1900-03-16
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 ,Die & Welt" Nr. 11 glieder erworben hatten, die sie nun verleugnen zu dürfen glauben. Er besprach ferner die YVahlkämpfe an der Akademischen Lesehalle in Berlin, welche wohl jeden kurzsichtigen Optimisten über das Vorhandensein einer starken antisemitischen Strömung an den Universitäten belehren dürften. Eine Abwehrbewegung sei 1886 von Breslau aus durch die „Viadrinen" ins Leben gerufen worden. Doch seien solche Verbindungen der Abneigung der jüdischen „bürgerlichen Kreise^ ausgesetzt. Es sei eine Sache localer Arbeit, durch Begründung von Discutierclubs darauf hinzuwirken, dass die jüdischen Gefühle der Jugendjahre nicht späterhin erkalten und dass man einer ehrlichenMitarbeit sicher sein könne. Denn nicht darauf komme es an. recht viele Juden in Amt und Würden zu wissen, wenn sie eben nur Beamte, aber keine Juden mehr seien. Ein Jude, der vergesse, dass er ein Kämpfer für seine jüdischen Brüder sein müsse, sei nicht wert, Jude zu heissen. England. London. Die „Anglo Jewish Association" hatte, wie Sie bereits gemeldet haben, ein Comite gewählt, das über die in der Hülsner-Affaire zu unternehmenden Schritte berathen sollte. Das Comite, von dessen Arbeiten man sich viel vprsprach. hat nichts zustande gebracht und ist auseinander gegangen. Es verlautet, dass sich die Wiener Cultusgemeinde gegen eine öffentliche Behandlung der Angelegenheit von Seite der englischen Judenheit ausgesprochen habe. Inzwischen wird im Kreise der „Maccabeans" über Antisemitismus discutiert. Ich war bei einer Debatte anwesend und gewann die Ueberzeugung, dass auch die Discussionen in dieser angesehenen Körperschaft der jüdisch-englischen Intellectuellen nichts Erspriessliches zeitigen. — Miss d'Avigdor, eine um die jüdische Armenpflege hochverdiente Dame, die der zionistischen Bewegung sehr zugethan ist, kam jüngst von einer zu speciellen Zwecken unternommenen Reise nach Jerusalem zurück. Es handelte sich um die Rothschild'sche Mädchenschule. In dem Berichte, den sie der „A. J. A." erstattete, hob sie rühmend den Unterricht in der hebräischen Sprache hervor. Sie bemerkte, dass sich die jüdischen Kinder aus eigener Initiative der hebräischen Sprache bedienen. Miss d'A v i g d o r fand vielen Beifall. J. de H. Amerika. New - York. In Syracuse fand kürzlich eine grössere Versammlung statt, zu welcher seitens der dortigen Gesinnungsgenossen schon seit mehreren Wochen Vorbereitungen getroffen wurden. Redner ist Stephan S Wise. — Die jüdischen Studenten in New-York hielten am 24. v. M. eine grosse Versammlung zu Ehren von Doctor G. Gottheil und Professor Richard Gottheil. Ausser Reden über den Zionismus kamen verschiedene hebräische Lieder zum Vortrage, die entusiastischen Beifall fanden. Unter den Anwesenden befanden sich zahlreiche Hörer des jüdisch-theologischen Seminars. Montreal (Canada). Aus verschiedenen Mittheilungen sind die Leser der „Welt" über die Fortschritte der zionistischen Bewegung in Canada unterrichtet. Wir nehmen heute Gelegenheit, ihnen über den Präsidenten der canadischen Federation ClarenceJ. de Sola einige biographische Notizen zu geben. Mr. de Sola steht mitten in der Bewegung, seitdem der Zionismus Eingang in Amerika gefunden, und es ist in der Hauptsache das Werk unseres ausgezeichneten Gesinnungsgenossen, wenn in Canada heute schon eine grosse Anzahl Vereine vorhanden sind, deren Arbeit eine fruchtbringende genannt werden darf. Schon vor zehn Jahren veröffentlichte de Sola eine Artikelserie, worin er der Einwanderung von Juden in Palästina in grösserem Massstabe — mit Erlaubnis der Regierung — das Wort redete und zu diesem Zwecke die Schaffung eines Actions-Comites vorschlug, um für die Propagierung der Idee in' allen Kreisen der Judenheit zu wirken. Es war daher nur natürlich, dass er mit Auftreten des politischen Zionismus das Programm des Baseler Congresses warm begrüsste und für das neue Zionsbanner zu werben begann. Es gelang ihm. für Canada in einer im Jänner 1S98 stattgehabten Versammlung einen Centraikörper zu schaffen, der sich seitdem eine Achtung gebietende Stellung in der Bewegung errungen und soeben sich ein Organisations- Statut gegeben hat. Die Wahl Mr. de Solas zum ersten Präsidenten der Federation bildet die verdiente Anerkennung für sein Wirken und Schaffen für die zionistische Idee im englischen Nordamerika. Im übrigen gehört de Sola zu den einflussreichsten Mitgliedern der sephardischen Gemeinde der Hauptstadt, in deren Vorstand er seit vielen Jahren eine einflussreiche Stellung bekleidet. Namentlich ist er um den Unterricht bemüht, und jeden Sonntag besucht er persönlich die Schule, um sich von den Fortschritten zu überzeugen. Auch als Geschichtsforscher hat er sich einen' geachteten Namen erworben, er ist correspondierendes Mitglied der Amerikanischen Historischen Gesellschaft und der Jüdisch-historischenGesellschaft von England. Ausser diesem seinem gemeinnützigen Wirken hat ClarenceJ. deSola noch eine „Nebenbeschäftigung" als Eisenbahn- und Brücken- Ingenieur. Sein Name steht in Verbindung mit den grössten Bauten dieser Art in Canada. De Solas Vater war der berühmte Abraham de Sola, einer der gelehrtesten Juden Cauadas und bis zu seinem Tode Professor für orientalische Literatur an der Mc. Gül-Univertität Sein ältester Bruder Rabbi Meldola d e S o 1 a ist Rabbiner der sephardischen Gemeinde. Die Familie entstammt einem alten spanischjüdischen Geschlechte, das viele berühmte Namen verzeichnet. Allerlei Nachrichten. Interessant sind die Ziffern, welche eine russische Zeitung über die Betheiligung der russischen Juden am Ackerbau veröffentlicht. Im Königreich Polen gehören den Juden 455.700 Acres, und zwar im Gouvernement Kaiisch 69.122, Warschau 61.225, Radom 2S.341, Kjeletz 51.500, Petrikow 3S.832, Lomza 26.712, S u n a i m 45.370, S i e d 1 e t z 54.429, L u b 1 i n 33.335 und P 1 o t z k 47.24S. In Russland gibt es im ganzen 96.930 Juden, die Ackerbau treiben, und ausserdem 10.274 Tabakpflanzer, Weinbauer und Obstzüchter. In der bekannten Töchterschulen-Angelegenheit in Berlin verlangt die „Volkszeitung", dass Staat oder Commune soviel paritätische Schulen bauen sollen, als dem Bedürfnisse entsprechen. Dann würden die confessioneilen Sonderbestrebungen von selbst wegfallen. In jeder Glaubensgemeinschaft — meint das Blatt — fänden sich Leute genug, um eine paritätische Schule zu gründen und zu unterhalten. Der Thierschutzverein in Mannheim beschäftigte sich mit der Sch ächtfrage und kam nach den hierüber eingeholten Gutachten zu der Ueberzeugung, dass das Schächten die humanste und entsprechendste Tödtungsart sei. Einen ähnlichen Beschluss fasste der Thierschutzverein Regensburg. In der Versammlung des letztgenannten Vereines bemerkte Bezirksarz» Munkenbeck, dass beim Schächten keinesfalls von einer Thierquälerei die Rede sein könne.

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