Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-03-16 · 11 (16.3.1900) · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
11 (16.3.1900)
Article
Olmütz / Eg. Zw.
Date
1900-03-16
Page
9 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315863--18503-3367690
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 11 „Die 2$ Welt" Seite 9 In gleichem Sinne verstanden und acceptierten die Juden den Vorschlag der Stadt, einen neuen Centralfriedhof zu errichten, doch da sich jetzt zeigt, dass die Stadt Eigenthum und Verwaltung auch der jüdischen Abtheilung beansprucht, wies der erweiterte Cultusausschuss unter dem unwiderstehlichen Drucke der Judenschaft alle später gemilderten Stadtanträge bedingungslos und einstimmig ab. Da nun auch die Stadt, gestützt auf ihren Einfluss bei den Behörden und das Reichssanitätsgesetz, von ihrem Rechte nicht lässt, dürfte es zu einem Spruche des Verwaltungs-Gerichtshofes kommen, der indes in ähnlichen Fällen wiederholt zugunsten der Juden entschied. Um die Cultusgemeinde zum Ausharren zu bewegen, berief der „Zion" am 8. d. eine Versammlung ein, in der Rabbiner Oppenheim referierte. Es läge den Juden nicht so sehr an der materiellen Einbusse, die immerhin 1000 fl. jährlich betrüge, als an der Kränkung ihrer durch Statut verbürgten Autonomie. Auch dürfen die Juden keine Opfer scheuen, die unbehinderte Bethätigung der den Ahnen stets so theuren Pietät für alle Zukunft zu sichern. Eine dahingehende Resolution und eine Massenpetition richten sich an den Cultusausschuss. Eg. Zw. Bochnia. In Ihrem geschätzten Blatte Nr. 10 vom 9. d. brachten Sie aus „Bochnia" eine Notiz von einem hiesigen Correspondenten. der den Thatsachen nicht ganz entspricht. Der Bezirkshauptmann hat in die Debatte wegen Aufstellung von vier Juden unter den 18 Wahlcandidaten nicht eingegriffen. Die Frage wurde mit mir bloss unter vier Augen seinerseits ventiliert; wir wollten uns über die Zahl der jüdischen Vorwähler vergewissern. Ich war guten Glaubens, dass ich im Interesse des Judentums handle — und ich bin auch heute noch der Ansicht, wenn ich die Zahl bloss auf zwei beschränke, entsprechend dem Verhältnisse der Wählerzahl; ich wollte den antisemitischen Blättern jedwede mögliche Verdächtigung der Juden, als ob es eine jüdische Wählerliste wäre, benehmen. Dies letztere zur Rechtfertigung meiner Handlungsweise, welche hoffentlich von jedem Billigdenkenden gebilligt werden wird. Indem ich um gütige Veröffentlichung dieser meiner Richtigstellung und Rechtfertigung in Ihrem hochgeschätzten Blatte bitte, "zeichne hochachtungsvoll ergeben st Max D r e s n e r. Deutschland. Manchen. Eine vom hiesigen demokratischen Verein veranstaltete Versammlung, worin der Wiener Gemeinierath Lucian Brunn er über die Deutschen Oesterreichs sprechen sollte, wurde von den Antisemiten gesprengt. Vor Beginn warfen die Antisemiten mit Bierfilzen, faulen Aepfeln u. s. w. nach Brunner und dem Vorstandstisch. Bei der Bureauwahl scandalierten die zu einem Drittel anwesenden Antisemiten derart (Juden raus! Wir lassen keinen österreichischen Juden reden! etc.), dass auf Verlangen des Polizeibeamten die Versammlung geschlossen werden musste. Der Beamte gieng sofort weg, worauf wüste Scenen erfolgten, Schlägereien, Bombardement mit Biergläsern. Auch mehrere Verwundungen gab es. Ein grosses Aufgebot von Schutzleuten musste endlich den Saal räumen. Noch in ihrer Gegenwart gab es Schlägereien. Manchen. (Orig.-Corr.) Zu einem grossen moralischen Erfolge des Zionismus gestaltete sich der Discussions-Abend des hiesigen Vereines für jüd. Geschichte und Literatur vom 24. v. M. Herr Dr. L. Holländer hielt ein Referat über das Thema: „Der Zionismus im Lichte der Staats- und Gesellschaftswissenschaft." Der Redner sprach in überaus sachlicher und vornehmer Weise. Er drückte den Zionisten in Worten, warmer Anerkennung seine Symphathie aus, gab jedoch seinem Zweifel an der Möglichkeit der Realisierung des Zionismus Ausdruck. Nach Herrn Dr. Holländer sprach Herr Rabbiner Dr. Werner. Er sagte unter anderem: „Der Zionismus ist ein edler Irrthum, darum muss er mit edlen Waffen bekämpft werden." Der Zionismus widerspreche der jüdischen Religion und widerstreite unseren Staatsbürgerpflichten. Darum müsse man ihn ablehnen, aber Achtung müsse man vor denen haben, die so unerschrocken für ihr Judenthum eintreten, und treuen könne man sich über die jüdische Jugend, die jetzt an einer so idealen Bewegung theilnehme. Von Seite der Zionisten ergriff nun das Wort Herr C i t r o n. Redner widerlegte kurz einige von Herrn Dr. Holländer in gutem Glauben begangene Irrthümer und wandte sich dann gegen die Ausführungen unseres Herrn Rabbiners. Er wies darauf hin, dass kein Widerspruch zwischen Zionismus und Judenthum bestehen könne, denn das ganze Judenthum sei stets zionistisch gewesen. In den Psalmen und in den Dichtungen Jehuda Halevys, ebenso in der neuhebräischen Poesie; sei der Zionismus zu finden. Der Zionismus bedeute auch keine Undankbarkeit gegen das Deutschthum. Für die Emancipation hätten die Juden in mehr als einer Beziehung ihrer Dankbarkeit Ausdruck gegeben. In Kunst und Literatur, in Wissenschaft und in Gewerbe, in Industrie und Handel hätten die Juden ehrlich mit den Deutschen zusammengearbeitet und hätten nicht unwesentlich zur Blüte des Deutschen Reiches beigetragen. Von dieser gemeinsamen Arbeit wollen die Zionisten sich nicht ausschliessen. Aber sie vergessen nicht, dass sie noch Millionen Brüder in tiefster socialer, ethischer und cultureller Noth haben, denen geholfen werden muss. Die Kleincolonisation könne es nicht, hier sei der Zionismus das einzige Heilmittel. Nicht mit Hilfe wohlthätiger Sammlungen könne man auf die Dauer colonisieren, sondern mit einem Instrumente nach Art der „Jüdischen Colonialbank". Redner schloss mit dem Wunsche, dass die deutschen Juden bald die Bedeutung des Zionismus erkennen möchten und sich zu einer offenen Organisation zusammenschlössen. Als Herr Citron seine Rede beendigt hatte, folgte ihm stürmischer Beifall des grössten Theiles der Versammlung, und zahlreiche Herren nahmen nach Schluss der Versammlung die Gelegenheit wahr, ihm ihre Sympathie für den Zionismus auszusprechen. Es sprachen ein Herr Crohnheim und dann Herr Bernstein. Letzterer wandte sich mit viel Geschick gegen einzelne Aeusserungen der vorhergehenden Redner, ohne zum Zionismus selbst Stellung zu nehmen. Als letzter Redner sprach dann Herr Kahn aus Frankfurt a. M. Er wandte sich mit grosser Entschiedenheit gegen die von Herrn Rabbiner Dr. Werner aufgestellte Behauptung, der Zionismus stehe im Widerspruche mit der jüdischen Religion, und seine Ausführungen fanden ebenfalls vielen Beifall. Alles in allem bedeutete der Abend insoferne einen Erfolg, als von allen Rednern der Zionismus als eine edle und sympathische Bewegung dargestellt wurde. Das Interesse für den Zionismus ist jetzt hier recht bedeutend, und eine von Zionisten veranstaltete grosse Volksversammlung wäre sicherlich von Erfolg begleitet. L y n k e u s. Breslau. Im hiesigen „Jüdischen Rede- und Discutierclub Graetz" fand kürzlich eine sehr zahlreich besuchte Versammlung statt. In derselben hielt Herr Paul P o s e n e r einen Vortrag über „Studententhum und Antisemitismus". Der Redner führte etwa das Folgende aus: Für den Juden sei es ein Gebot der Selbstverteidigung, alles das kennen zu lernen, was auf seine rechtliche und wirtschaftliche Stellung Einfluss haben könne. Darum müsse er auch mit den Universitäten vertraut werden, auf denen die geistigen Führer des Volkes, die Männer des Wissens und der Macht ihre Ausbildung erhalten. Redner gab eine Uebersicht der auf den deutschen Hochschulen bestehenden Verbände. Insbesondere wies er darauf hin, dass die fa*bentragenden Corporationen ihren guten Ruf nicht zum mindesten durch die rege Activität der jüdischen Begründer-Mit-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.