Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 11 (16.3.1900)
- Article
- Aus Palästina
- Date
- 1900-03-16
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315863-3367557--18486-3367689- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 »Die s£ Weif« Nr. 11 auf. Das Wetter war nicht gerade das günstigste."?SDer Regen, der mit Macht niederprasselte, wollte nicht aufhören. Trotzdem hatten wir unsere Tour nicht zu bereuen. Ueberall grünt es. Der Boden ist sehr gut, er ist Thon bester Qualität, der auf weite Strecken mit Resten alter Backsteine gemischt ist. Wir sahen prächtige Weizenfelder, leider darin auch prächtiges Unkraut, das sich hier einer vornehmen Vernachlässigung seitens der Besitzer erfreut. Ein liebliches Seitenthal ist Fara mit Gras. Weizen und alten Bäumen. Auf der Höhe steht ein Palast des Mudir Mustapha Effendi, der ein Mann von moderner Bildung ist. Zu unserem Erstaunen producierte er uns einen Phonographen. In Jericho fanden wir viel Wasser. Auch diese Stadt ist reich mit Bäumen bepflanzt. Hier ist es angenehm warm, während man auf Jerusalem Schnee fallen sieht. Ich fand mehrere Herren, die hier Winteraufenthalt nehmen. Jericho besitzt sieben Juden, die ein kümmerliches Auskommen finden. Ehedem waren es ihrer mehr. Aber die Chalukah zog sie nach Jerusalem." Die Behandlung. Die New-Yorker „Evening Post" hat eine Sammlung für die Angehörigen des irrsinnig gewordenen Schachmeisters William Steinitz eingeleitet, die recht gute Resultate ereibt. Das Blatt erzählt in Verbindung damit folgende zwei Anekdoten von Steinitz. Auf der Ausstellung in Paris 1878 zeigte ein Engländer Steinitz einen Shilling, den er an der Uhrkette trug. „Dieses Geldstück habe ich durch Sie vor fünfzehn Jahren mit einer Wette beim Schach gewonnen," sagte der Engländer zu Steinitz. „Wahrscheinlich oin ich an dem Abend, an dem Sie durch mich den Shilling gewonnen, hungrig zu Bette gegangen," antwortete St einitz und spielte damit auf die bittere Armut an, in der er jahrelang gelebt hatte. Vor einigen Jahren, als Steinitz in einem Irrenasyl in Russland untergebracht war, hatte ihn ein Arzt gefragt, wie er behandelt sein möchte. „Bitte, behandeln Sie mich wie einen Juden, lassen Sie mich aus Russland ausweisen," hatte Steinitz schlagfertig erwidert. Kurz darauf wurde er als „gesund" entlassen. Bildungsfeindliche Fleischsteuer. Aus Jassy wird berichtet : Während sich in Folge ihrer Nothlage tausende von armen rumänischen Juden zur Auswanderung drängen, wird in intelligenten und wohlhabenderen israelitischen Kreisen Rumäniens darüber Klage geführt, dass die Regierung durch das in neuester Zeit erflossene Verbot der unter dem Namen der „Gabela" von den meisten israelitischen Cultusgemeinden des Landes eingehobenen Fleischsteuer zahlreiche israelitische Gemeindeschulen zur Schliessung zwingt. Denn in den weitaus meisten Fällen waren es die Ergebnisse dieser Selbstbesteuerung, aus welchen die Erhaltung der israelitischen Schulen bestritten wurde, und würde die durch das Verbot der „Gabela" herbeigeführte Schliessung der letzteren umso schwerer empfunden werden, als die Kinder der nicht naturalisierten rumänischen Israeliten ebenso wie die aller Fremden nur ganz ausnahmsweise und auch dann nur gegen Entrichtung eines hohen Schulgeldes in den staatlichen Volksschulen des Landes Aufnahme finden können. Koloman Szeil und die ungarischen Juden. Das in_B udap e s t erscheinende jüdisch-confessionelle Blatt „Egyenlöseg" theilt in seiner letzten Nummer einiges über eine Unterredung mit, die ein jüdischer Reichstags-Abgeordnet er mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Koloman v. S z e 11 gelegentlich des Egan-Rummels hatte. Herr v. Sz eil soll sich diesem jüdischen Reichsatgs-Abgeordneten gegenüber beiläufig folgendermassen geäussert haben : „In den, Kreisen der ungarischen Judenheit sind über mich falsche Meinungen verbreitet. Die Juden meinen, ich würde ihre Thätigkeit nur ungerne sehen, und wenn man mir auch nicht gerade nachsagen kann, dass ich das Treiben der Reactionäre direct unterstütze, so sei es dochThatsache, dass ich diese Dunkelmänner in ihrer Wühlarbeit zum mindesten nicht behindere. Demgegenüber kann ich nur auf meine bisherige öffentliche Thätigkeit verweisen, aus der sich alles eher ergibt, als das, dass ich antisemitische Gesinnungen hege.* — Als der betreffende jüdische Reichstags-Abgeordnete hierauf seiner Meinung dahin Ausdruck gab, es wäre vielleicht, um den in Umlauf gesetzten Gerüchten wirksam entgegenzutreten, am Platze, dass Herr v. S z e 11 eine ähnliche Erklärung öffentlich abgebe, meinte Herr von Szell, das gienge schon auch deshalb nicht, weil eine solche Erklärung gerade eine ge gentheilige Wirkung hätte. Schliesslich ersuchte er den betreffenden jüdischen Reichstags-Abgeordneten, den ungarischen Juden in der ihm geeignet erscheinenden Weise zur Kenntnis zu bringen, von welchen Principien er sich ihnen gegenüber leiten lasse. Es sind das die absolut liberalen Principien Franz Deäks. Hiermit war die interressante Unterredung zu Ende. Amnestie. Die Brünner „Lidove Noviny" melden in einer Wiener Depesche, der Justizminister habe dem Abgeordneten Dr. S i 1 e n y mitgetheilt, dass sechs wegen der vorjährigen czechischen Excesse verui-theilten Personen amnestiert wurden. Der Wochenbericht des Matrikelamtes der Wiener isr. Cultusgemeinde vom &5. Februar bis 4. März verzeichnet 62 Geburten, 2i Trauungen und 35 Sterbefalle. Preisausschreibung für eine Broschüre Ober den Zionismus. Der „Budustschnostj" wird aus Wilna mitgetheilt. dass zur Verfügung des „Israelitischen Vereines" in Wilna eine Summe von 100 Rubeln hinterlegt worden ist als Preis Für die beste Broschüre, welche in populärer, leichtfasslicher Sprache das Wesen des Zionismus auseinandersetzen soll. Die Grundzüge der Broschüre sollen etwa die folgenden sein: Definition des Begriffes „Zionismus". Kurze Uebersicht der zionistischen Bestrebungen in verschiedenen Perioden der jüdischen Geschichte. Allgemeine Darlegung der gegenwärtigen Lage des jüdischen Volkes an allen seinen Wohnsitzen. Unmöglichkeit des dauernden Fortbestandes der Judenheit und der jüdischen Culturunter solchen Umständen. Der Zionismus als Mittel zur Lösung der sogenannten „Judenfrage". Der Zionismus als culturelle und nationale Bewegung. Die Möglichkeit einer Realisierung der zionistischen Bestrebungen. Kurze Skizzierung der Bewegung während der letzten 18 Jahre. Verschiedene Strömungen unter den Zionisten. Die Congresse und ihre Bedeutung. Resume. Die Broschüre muss 3 bis 4 Druckbogen enthalten und in der hebräischen, russischen oder Jargon-Sprache geschrieben sein. Bei gleichmässigen Vorzügen hat die hebräische Sprache das Vorrecht. Das Manuscript ist mit irgendeiner Devise zu versehen und dieselbe Devise auch auf dem geschlossenen Couvert zu verzeichnen, welches die Adresse des Verfassers birgt. Die Broschüre verbleibt Eigenthum des Verfassers. Endtermin für die Einsendung der Manuscripte ist der 1. Juli 1900. Die Manuscripte sind zu schicken an Herrn J. A. Goldberg, Wilna (Russland). Personalnachricht. Freitag den 16. März, 12 Uhr mittags, findet im Festsaale der Wiener Universität die Promotion des Herrn cand. med. David Kreisling A. H. der „Kadimah" zum Doctor der gesammten Heilkunde statt Correspondenzen. Olmatz. Unerhörtes geht vor. Die sonst so getreue Cultusgemeinde ist mit der städtischen in heissen Streit gerathen. Ihre jetzigen beiden Friedhöfe nämlich, die, als der Stadterweiterung hinderlich, aufzulassen sind, liegen nebeneinander, während Eigenthum und Verwaltung getrennt sind.