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Die Welt · 1900-03-16 · 11 (16.3.1900) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
11 (16.3.1900)
Article
[Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
Date
1900-03-16
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 11 „Die s£ Welt* Seite 7 entschwindet, so dünkt ihnen das ein grosser Verlust. Die Erinnerungsbilder in ihrem Gehirne scheinen ihnen ebensoviel wert zu sein, wie irgendein Stück greifbaren, compacten Gutes. Darum haben sie auch ihr Geschichtswerk von Land zu Land getragen und mit ängstlicher Sorgfalt behütet. Mit Hilfe der Bibel konnten sie alle Erinnerungen auffrischen und sich dem Wohlgefühle der Reminiseenzen hingeben. Man kann behaupten: wer sich an mehr Erlebnisse erinnert, der hat mehr Erlebnisse gehabt. Ereignisse, deren man sich nicht erinnert, haben sich eigentlich gar nicht zugetragen. Eine Lebensperiode, die aus dem Gedächtnisse weggewischt ist, ist gewissermassen überhaupt annulliert. Sie war nie da. Daraus erklärt sich der Erinnerungstrieb daseinssüchtiger Menschen und Völker. Reiche Erinnerungen, reiches Leben, Der Erinnerungstrieb ist der in die Vergangenheit rück*- verlängerte Selbsterhaltungstrieb. Darum sind auch die Juden oft für ihre Bibel, für ihren Erinnerungsschatz, für ihre Vergangenheit in den Tod gegangen. Sie haben das Jetzt geopfert, um nicht ein jahrtausendelanges Einst zu annullieren. Aehnlich, wie man sich für eine künftige Generation, für eine Reihe noch ungeborener Erlebnisse opfert Die zeugende Zelle reibt sich zugunsten Zukünftiger auf. Die Juden leben mit Vorliebe in einer nicht-gegenwärtigen Zeit. Sie lieben es, mit ihren Gedanken dem Jetzt voranzueilen oder zurückzutauchen in die Vergangenheit. Wie ein Mensch, der mit dem Leibe in der Gegenwart weilt, doch sein Geist ist immer anderwärts. Entweder mit Erinnerungen oder mit Entwürfen beschäftigt. So eine Art Zerstreutheit. Erwin Rosenberger. Hartley und der Zionismus. Von D. Markus in Köln. In England ist der Gedanke des Zionismus von jüdischer und nichtjüdischer Seite verhältnismässig sehr früh erfasst worden. Bedeutende Staatsmänner, wie Lord Beaconsfield, und berühmte Poeten, wie die gottbegnadete Dichterin G. Elliot, haben ihm bekanntlich wiederholt in ihren Schritten warmen Ausdruck verliehen. Weniger bekannt dürfte die Thatsache sein, dass bereits um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts der bedeutende Arzt und Begründer der Associations-Psychologie Hartley die Rückkehr der Judenheit nach Palästina als eine in ihrem nationalen Charakter wohlbegründete Nothwendigkeit erkannt hatte. Der Arzt David Hartley hat sich in der Geschichte der Philosophie hauptsächlich durch sein im Jahre 1749 erschienenes zweibändiges Werk: „Observations on Man, his frame, his duty, his expectations" ein Ruhmesblatt gesichert. In dem ersten Theile dieses Werkes unternahm er die vollständige Zurückführung des menschlichens Denkens und Empfindens auf Gehirnschwingungen und eine Erklärung des ganzen psychischen Lebens vermittelst des Associations-Gesetzes, während er im zweiten Theile die scheinbar gähnende Kluft zwischen Wissen und Glauben mit allen Machtmitteln speculativen Denkens zu überbrücken suchte. Als guter Christ zeigt er sich hier mit den biblischen Schriften, sowie der Geschichte unseres Volkes wohl vertraut und weist wiederholt darauf hin, dass die Juden niemals ihren nationalen Charakter verlieren werden. Besonders interessant ist in dieser Beziehung der von ihm im genannten Werke *) aufgestellte Lehrsatz: „Es ist wahrscheinlich, dass die Juden in Palästina werden wieder eingeführt werden." Die Beweise, welche der Philosoph für seine Behauptung anführt, sind theilweise der Heiligen Schrift entlehnt, die ich als jedem Juden bekannt voraussetzen und *) Vgl. Hartley s Betrachtungen, aus dem Englischen übersetzt. Rostock und Leipzig, 1772. Bd. 2, S. 720. daher übergehen darf, zum Theile den damaligen Umständen der Juden entnommen, welche ich wörtlich hier citiere: 1. ** ) Die Juden sind jetzt ein von allen den Nationen, unter welchen sie leben, unterschiedenes Volk. Sie scheinen daher von der Vorsehung für irgendeine solche (iunstbezeugung aufgehoben zu sein, nachdem sie die verdiente Züchtigung erlitten haben. 2. Sie werden in allen Ländern der bekannten Welt gefunden. Und dies stimmt mit manchen merkwürdigen Schriftstellen überein, in welchen von ihrer Zerstreuung und Rückkehr gehandelt wird. o. Sie haben kein Erbtheil in irgendeinem Lande .. . 4. Sie werden mit Verachtung und Härte und zuweilen mit grosser Grausamkeit von den Nationen, unter welchen sie sich aufhalten, behandelt Infolge dessen müssen sie bereitwilliger sein, nach ihrem Lande wieder zurückzukehren. 5. Sie stehen untereinander durch die ganze Welt in Briefwechsel. (Der Philosoph hatte wahrscheinlich die Responsen-Literatur im Auge.) 6. Der grösste Theil von ihnen spricht und schreibt sowohl das Rabbinisch-Hebräische, als auch die Sprache des Landes, in welchem sie leben. Sie besitzen daher, soweit es sie angeht, wirklich eine Universal-Sprache und einen U n i v e r s al - C h a rakt er, welcher Umstand ihre Rückkehr mehr, als wir uns vorstellen, erleichtern kann. 7. Die Juden erhalten sich stets in einer Hoffnung und Erwartung, dass Gott sie einmal in ihr Land bringen werde. Tribüne. (Für das in dieser Rubrik Publicierte ist die Redaction nicht verantwortlich.) Die Gefertigten, als derzeitige Leiter der akademischen Verbindung „Kadimah", danken allen ihren Freunden und Gönnern für die anläslich der Smolensky-Feier übersandten G lückwünsche. I. A. d. A. C. JUC. Littmann, JUC. Feingold, dz. XXXdz. X- * * * Die jüdische Vereinigung „Jordania", Wien. Verein von Handelsangestehen und Beamten, veranstaltet Mittwoch den 21. März a. c, um S Uhr abends, in Rosners Restaurant, IL, Praterstrasse (Lloydhof), eine öffentliche Vereinsversammlung. Tagesordnung: 1. DieSonntagsruhe imHandelsgewerbe. (1 ieferent: Robert Schwa b.) 2. Discussion. Gäste aller Parteischattierungen herzlichst willkommen. * ä * Israelitisch-theologische Lehranstalt. Das Sommer-Semester beginnt Dienstag den 24. April. An diesem Tage finden die Aufnahmeprüfungen statt; die Vorlesungen beginnen Mittwoch den 25. April. W i e n, 12. März 1900. Prof. Dr. Schwarz, Rector. Weltchronik. Eine eigenartige Demonstration gegen die Ernennung eines jüdischen Unterlieutenants inscenierten die Officiere eines französischen Garnisonsstädtchens. Sie nahmen sämmt- Uch an dem zu Ehren des jüdischen Lieutenants veranstalteten Bankett theil, verliessen aber, als der Oberst des Regimentes den usuellen Toast auf den Ernannten ausbrachte, demonstrativ das Local. Die Sache dürfte ein Nachspiel haben. Aus Palästina. Einem uns freundlichst zur Verfügung gestellten Privatschreiben entnehmen wir folgende Stelle : ,Freitag brach unsere kleine Reisegesellschaft von Tiberias *•) ibid. S. 421 f.

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