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Die Welt · 1900-03-16 · 11 (16.3.1900) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
11 (16.3.1900)
Article
[Ohne Titel] / Jüdische Kolonialbank <Direktion>
Date
1900-03-16
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „Die & Welt?- Nr. 11 vor längerer Zeit die Allotementbriefe (Zutheilungsbriefe) zur Uebermittl.ung an die Zeichner abgegangen. In dieser Zuweisung der Allotementbri-fe haben die Unleserlichkeit vieler Unterschriften und Adressen, sowie die Niehlbefolgung der von der „Jüdischen Colonialbank" publicierten Verlautbarungen manche Störung: verschuldet. Wir fordern hiermit alle Zeichnungsstellen, Vereine und Vertrauensmänner auf, die für London bestimmten Li-ten deutlich und in lateinischen Schriftzeichen zu füliren, und wiederholen zur Vermeidung von Missvers tändnissen im Folgenden den Zahlungsmodus, der bei allen Rateneinzahlungen strengstens zu befolgen ist. Subscribenten, welche bereits im Besitze ihrer AHolenlentbriefe sind, haben die weiteren Unten ah eine der Zahlstellen, die auf der Rückseite der Allotementbriefe für alle Länder genannt sind, ge en Empfang einer Bestätigung zu bezahlen. Diese Zahlstel en sind berechtigt, für Rechnung der „Jüdischen Colonialbank* lechtsgiltig CJeMer in Empfang zu nehmen und zu quittieren. Die Zahlstellen quittieren die Raten auf den Zutheilnngsbriefen in den hierfür vorgedruckten Rubriken. Der Coupon, welcher sih neben d'eser Hubrik befindet, ist vom Subscribenten zu unterschreiben und wird durch die Zahlstelle nach London geschickt. Hat der Subscribei.t bereits alle Raten bezahlt, so kann er den in allen Rubriken quittierten Allotementbrief direct oder durch Vermittlung seiner Zahlstelle an die „Jüdische Colonialbank" in London einsenden, worauf die Zustellung der Actien an ihn erfolgt. Es steht auch jedem Subscribenten frei, seine Ratenzahlungen direct an die „Jüdische Colonialbank* in London zu leisten. Die Betätigung erfolgt dann ebenfalls von London. Alle anderen Subscribenten aber, welche bisher ihre Allotementbriefe noch nicht erhalten haben, mögen dieselben an der Stelle (Tankstellen, Vereine, Vertrauensmänner) reclamieren, wo sie subscribiert haben. Das Directoiium der „Jüdischen Colonialbank". London E. C, 49 Leadenhall street. Statuten-Revisionscommission. Nachtrag. (Die jüdische Colonialbank.) § 99 soll lauten: Die Qualifikation eines Directors (welcher nicht Gouverneur-Director ist) soll sein, dass derselbe allein und nicht in Gemeinschaft mit irgendeiner anderen Person eingetragene Actien der Gesellschaft vom nominellen Betrage von 500 Ff. St. besitzt. Es steht aber dem Aufsichtsrathe das Recht zu, in einem bestimmten Falle auch eine geringere Anzahl von Actien als nöthige Qualifikation eines Directors zu erklären. Ein erster Director kann Ihätig wirken, ehe derselbe eine Qualifikation erworben hat. Es ist nöthig, dass jeder Gouverneur-Director ein Mitglied der Gesellschaft ist. Die Woche. Wien, 13. März 1900. Die Juden werden demnächst ihr Purimfest feiern. Wir werden also Freu lengesänge anstimmen, weil wir vor Jahrtausenden einmal vom persischen Könige Ahasveros nicht umgebracht worden sind. Das Wörtchen „Wir" ist das Merkwürdige an der Sache. Vor Jahrtausenden haben Menschen ein bestimmtesErlebnisgehabt, undMenschenvon heute empfinden dieses Erlebnis, aishätte sich'sin ihrem eigenen Dasein ereignet; sie lachen und sind guter Dinge, weil eine ferne, ferne Generation, deren Gebein in alle Winde zerstäubt ist, einmal Grund zum Lachen gehabt hat. Und der Frohsinn dieser Menschen von heute ist echt und natürlich, die Freudenstimmung der Juden, die das Purimfest feiern, ist durchaus aufrichtig und ungekünstelt. Wir sind von Jugend auf an diese Erscheinung gewöhnt, und darum kommt uns ihr merkwür diges Wesen gar nicht recht zum Bewusstsein. Wir meiken kaum das Wunderbare in diesem seelischen Vorgange. Da macht ein Mensch einen Sprung zurück in ein graues Jahrtausend. Er empfindet plötzlich die Heiterkeit die ein anderer, verschollener Mensch empfunden hat, er freut sich eines Ereignisses, das er nie erlebt hat, er vertauscht plötzlich sein Fühlen mit dem Fühlen eines längst verstorbenen Unbekannten. In der Feststimmung, sind zwei Elemente, die uns verblüffen müssen. Zunächst das ungeheure Erinnerungsvermögen. Die Juden voltigieren mit einer ausserordentlichen Gewandtheit in die entlegenste Vergangenheit zurück, sie haben eine riesenhafte geistige Sprungkraft. Jetzt stehen sie mitten im Lärm des modernen Lebens, im nächsten Momente treten sie in die Synagoge, hüllen sich in den Gebetmantel und schwingen sich wie mit Doctor Fausts Mantel in wenigen Augenblicken hinüber ins alte Perserreich und wandeln an der Seite Mordechais durch die Strassen der Hauptstadt Susa. Die zweite erstaunliche Eigenschaft, die sich da offenbart, ist die Verwandlungsfähigkeit der Juden. Sie hüpfen nicht nur flink mitten ins alte Susa hinein, sie finden sich dort auch vorzüglich zurecht. Im Nu haben sie sich in die Gedanken und Gefühle der damaligen Juden hineingelebt. Sie schlüpfen förmlich in die Seele der altpersischen Juden hinein, sie fühlen sich ganz als Zeitgenossen Mordechais, sie vergessen, dass um die Aussen wand der Synagoge eine späte andere Zeit brandet. Wach träumend gehen sie in der alten Königsstadt herum, spüren zitternd das drohende Schwert Hainaus über ihrem Haupte und jubeln auf, wenn die Rettung kommt: W i r sind gerettet! Die Feste der Juden sind denn auch anderer Art als die Feste der anderen. Die Juden feiern meist eigene Erlebnisse. Das „Wir" spielt darin eine grosse Rolle, eine Art persönlicher Erinnerung. Die anderen feiern an ihren Festtagen zumeist Heilige, die ausser oder über dem Volke stehen. Die Juden sagen an ihren Festen: Wir sind durchs rothe Meer gezogen, w i r sind durch Esther errettet worden. Die anderen sagen an ihren Feiertagen: Er ist geboren worden, e r hat den Märtyrertod erlitten. In den Festen der anderen ist weniger persönliche Erinnerung. Sie feiern einen zweiten oder einen dritten. Daraus ergibt sich dann auch folgender Unterschied: die Feste der Juden knüpfen meist an Erlebnisse des gesammten jüdischen Volkes an, die Feste der anderen an Erlebnisse einzelner Personen. Dadurch erhalten die Feste eine verschiedenartige Tendenz. Der Heiligencult ist mehr berechnend. Der Mensch erwartet von dem Schutzpatron Gutes und sucht sich seiner Huld zu versichern, indem er ihm gewisse Festtage einsetzt. Die Juden sind weniger berechnend, sie haben weniger Nebenabsichten. Wenn sie die Esther feiern, so denken sie nicht daran, dass die Esther, freundlich gestimmt durch so viele Purim-Feste, bei Gelegenheit die Juden wieder einmal aus irgendeiner Fährlichkeit retten wird. In den Festen der Juden ist eine ziemlich reine Dankbarkeit. Jene Dankbarkeit, die nicht mit der Hoffnung auf einen möglichen Empfang fernerer Wohlthaten versetzt ist Die Feste der Juden sind meist „Gedenkfeiern" im ureigensten Sinne des Wortes. Die Juden haben den Trieb, sich Erinnerungen hinzugeben. Ein Drang, in vergangene Tage hinabzusteigen. Wenn eine Erinnerung ihrem Gedächnisse

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