Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 11 (16.3.1900)
- Article
- Arische und semitische Moral
- Date
- 1900-03-16
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 11 ,Die j$ Welt" Seite 5 Dünger sein, auf dem der Arier Adelstamm aufwachsen könne, und alle hundert Jahre eine Blume treibe gleich der Aloe. Tschandala darf nur Knoblauch und Zwiebel essen mit dem Geschmacke der Fäulnis, und niemand darf ihm Korn bringen oder Flüchte, oder Wasser und Feuer. Tschandala darf kein Wasser aus den Flüssen oder Quellen holen, sondern nur aus Sümpfen und Pfützen. Tschandala darf sich nicht waschen, sondern das Wasser soll ihm nur gereicht werden, um seinen Durst zu löschen. Tschandala darf nie eine Hei'nstätte haben : er soll die Kleider tragen von Leichen, nur Scherben benützen für seine Speisen und zum Gottesdienste nur böse Geister haben. Das ist das Gesetz des weisen Manu. Diese arische Moral trat nun in den Kampf mit der semitischen, als durch Jesus Christus und seine Jünger die semitische Moral aus dem engen Kreise eines Volkes ihren Zug durch die ganze Welt antrat. Herrenmoral gegen Sclavenmoral. Denn die Juden bedeuten den Sclavenaufstand in dem Reiche der Moral, sagt Nietzsche. Dieser Aufstand ist auf der ganzen Linie siegreich gewesen; in ganz Europa und überall, wo Europäer herrschen, herrscht auch die semitische Moral. Ueberall sind auch die Juden die Wortführer der Enterbten gegen die Günstlinge des Schicksals: von einem Moses, Jesus Christus und Mohammed angefangen bis zu Marx und Lassalle. Die semitische Moral herrscht unumschränkt. Aber wer Augen hat zum Sehen und Ohren zum Hören der merkt, dass die arische Moral sich zu neuem Kampfe rüstet. Ueberall erhebt sie kühn ihr Haupt; und nach dem Gesetze der Welle wird sie, ungewiss wann, aber sicher einmal wieder triumphieren. Auch deshalb müssen wir Zionisten an einer gesicherten Heimstätte unseres Volkes bauen, damit an dem Tage, da die arischen Völker die semitische Maske, die sie nur noch unwillig tragen, endgiltig abwerfen, unser Volksthum in einem sicheren Neste geborgen ist. Denn das scheint ja die Bestimmung der Juden zu sein, dass sie von ihrem Horste aus zuschauen, wie ein Volk nach dem anderen, eine Cultur nach der anderen vergeht; sie aber blicken unentwegten Auges auf das Hochgericht der Völker und bauen unermüdlich an der Vervollkommnung ihres Menschenthums. Smolensky-Feier. Wien, 8. März. Zu Ehren weiland Perez Smolenskys fand gestern abends im Festsaale des „Hotel Continental" eine von der jüdisch-akademischen Verbindung „Kadimah" veranstaltete Gedenkfeier statt, die einen überaus solennen Verlauf nahm und sich zu einer imposanten zionistischen Kundgebung gestaltete. Der Beginn war auf 8 Uhr festgesetzt, doch schon um halb S Uhr war der Schauplatz der Festlichkeit gedrängt voll. Mit einer kurzen Begrüssung der Riesen Versammlung eröffnete der Präses der „Kadimah", Herr stud. jur. Feingold, den Commers — als solcher stellte sich die Erinnerungsfeier dar. Vor allem begrüsste der Redner die Wiiiwe des Dichters, sodann Herrn Dr. Herzl nebst Gemahlin, sowie die übrigen Mitglieder des Actions-Comites, ferner Herrn Landesschulrath Dr. Gustav Kohn, Rector Schwarz, Dr. Awinowitzky und Gemahlin etc. Es wurde das Bundeslied der „Kadimah:£ gesungen, und nun bestieg, jubelnd begrüsst, Professor Leon Kellner die Tribüne, um die Festrede zu halten. In fünfviertelstündigem meisterlichen Vortrage gab der Redner eine Biographie unseres grossen nationalen Dichters, eines der besten, die die neuere hebräische Literatur aufzuweisen hat. Der Redner schilderte den Werdegang Smolenskys: wie sich der Dichter unter den grössten Entbehrungen zu der Höhe seines Könnens und Schaffens emporrang und zum jüdisch-nationalen Publicisten wurde, der nur darauf bedacht war, seine Brüder aus der Enge des Ghettos zum Lichte der geistigen Freiheit und des nationalen Selbstbewusstseins hinanzuleiten. Darum aber, meinte der Redner, sei das Fest der Erinnerung an Perez S m o 1 e n s k y keine Todtenfeier, sondern ein Geburtsfest; es werde die Geburt eines modernen Judenthums feierlich begangen, die Wiedergeburt Israels, die Perez Smolensky in seinem Leben und in seinen Leiden so heiss ersehnt hat. Im Jahre 1882 erliess unser Dichter die erste Kundgebung für den Zionismus, die bei den Gründern der „Kadimah" mächtigen Anklang fand. Smolens ky war es auch, der den Irrthum beseitigen half, als sei das Hebräische eine todte Sprache. Er schrieb alle seine Werke in einem herrlichen Hebräisch, das dem Gedanken- und Empfindungsinhalte der Gegenwart vollkommenen Ausdruck gab, wie des Dichters im Jahre 1869 zuerst herausgegebene Zeitschrift documentiert, der er den Namen „Haschachar" („Die Morgenröthe") gegeben. Unter tosendem Applaus beendete Prof. Kellner seine nach Form und Inhalt gleich hervorragende Festrede. Nun trat die jüdisch-akademische Sängerschar in Action und brachte in prächtiger Weise Leo Rafaels' „Psalm", componiert von Prof. Ignaz Brüll, zum Vortrag. Der Componist, Arm in Arm mit dem Dichter, musste immer und immer wieder auf dem Podium erscheinen. Der Chor aber quittierte den Applaus durch Wiederholung des zweiten Verses. Es sollte die Reihe an Herrn Dr. Schnirer, den ersten Präses der „Kadimah\ kommen. Leider war derselbe verhindert. An seiner Stelle nahm Herr Dr. S. Werner das Wort und hielt eine zündende Ansprache. Redner verglich den Smolensky-Commers mit dem Commerse am ersten Baseler Congresse. Wie damals, so begehen wir heute eine erhebende nationale Feier. Wir gedenken derer, die den Bau begonnen und nicht vollenden konnten, aber die Bahn uns gewiesen haben, auf der wir vorwärts zu schreiten haben. Der nächste Redner war Herr Dr. Herzl. Er sprach über den Zionismus, für diejenigen nämlich, die vielleicht zum erstenmale in einer zionistischen Versammlung sich befänden. Als letzter Redner kam Herr Dr. Kahn an die Reihe, der in formvollendeter hebräischer Rede Smolenskys Verdienste um die Modernisierung unserer Nationalsprache erörterte. Und nun zu den übrigen Nummern der Programms. Herr Prof. Ignaz Brüll brachte eine eigene Composition „In arabischer Weise" zum Vortrage. — Herr Professor Gärtner sang drei Lieder desselben Componisten und erntete reichen Applaus, so dass er sich zu einer Zugabe entschliessen musste. — In Frl. Rottstein lernten wir eine vorzügliche Liedersängerin kennen. Namentlich Schuberts „Der Tod und das Mädchen" wurde von der Künstlerin hinreissend vorgetragen. Die Zahl der im Laufe des Tages und während der Feier von nah und fern eingelaufenen Zustimmungsadressen und Telegramme belief sich wohl auf mehr als 500. In vorgerückter Nachtstunde schloss der Vorsitzende die Festversammlung, die allen Theilnehmern in lebhafter Erinnerung bleiben dürfte. H. B—r. Kundmachung des Jewish Colonial Trust (Jüdische Colonialbank) Limited. An die einzelnen Zahlstellen, Vertrauensmänner und Vereine, welche Subscriptionen für die „Jüdische Colonialbank" entgegengenommen haben, sind bereits