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Die Welt · 1900-03-16 · 11 (16.3.1900) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
11 (16.3.1900)
Article
Hamanität - Humanität - Nationalität
Date
1900-03-16
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 11 *Die & Welt** Seite 3 ist gleichfalls begreiflich. Sie waren wie geblendet von den Strahlen der jungen Sonne, sie stürzten sich blindlings auf die lange entbehrten Rechte, sie gaben ohne Bedenken ihr Ich preis, um sich mit dem Volke, unter dem sie lebten, zu verschmelzen. Erst wenn dann eine Reaction eintritt, erst wenn sich wieder ein Hamanismus regt, erst wenn Stimmen laut werden, die da sagen: „Es gibt ein Volk..." — erst dann ist der richtige Zeitpunkt da: das Volk erwacht und erblickt sein Ideal in der nationalen Selbständigkeit, in der Rückkehr in sein altes Land. Serubabel ist es nicht gelungen, das jüdisr-he Reich wiederherzustellen. Die Bewegung war verfrüht, sie war nur von einigen Priestern und Adeiigen hervorgerufen worden, das Volk, das jüdische Volk aber stak noch zu tief im Golus, um die Idee begreifen zu können. Aber auch zur Zeit Mordechais und Esthers waren die Juden noch nicht reif — die Assimilation stand noch in höchster Blüte; erst nach den Tagen Hamans, nachdem die Schrecken des Hamanismus die Juden aufgerüttelt hatten, erst dann konnte da.s dumpfe Gefühl sich zu einer klaren Llee krystaliisieren, bis es einem Esra gelang, die Idee zur Ausführung zu bringen. Und dieses Bild gibt uns die rMegilah".-- Mordechai war der einzige, der sich vor Haman nicht bücken wollte. Als Grund für sein Verhalten gab er an: „dass er Jude sei." — Niemand kannte dies Geheimnis, niemand hatte in ihm den Juden erkannt, er war ja im königlichen Rathe gesessen, seine Adoptivtochter war des Königs Frau. Erst durch seine eigene Aussage erfährt man von seinem Judenthum; auch Haman erfährt es, und das Vergehen des einen Juden wird gleich zum Verbrechen des ganzen jüdischen Volkes gestempelt — genau wie in unserer Zeit — und eine allgemeine Verfolgung bricht los. Erst jetzt bekennt auch die Königin Esther sich als Jüdin, bekennt sich auch das ganze Volk zu seiner Nationalität, und eine neue Epoche beginnt Die „Megilah" bricht leider hier jäh ab. Sie berichtet uns nur, dass die Juden nach der günstigen Wendung der Lage wieder als Juden im Lande bekannt geworden sind — aber über die Ereignisse innerhalb des Judenthums, über die Rückwirkungen des Hamanismus auf die Juden selbst erzählt sie nichts. Es ist aber bekannt, dass etwas später, vielleicht schon nach einer Generation, Esra auftrat und die zweite Rückkehr nach Jerusalem veranlasste; denn das Volk war bereits mit seinen Führern eines Sinnes. Die Aera der Hamanität, die eine kurze Zeit hindurch von der Aera der Humanität unterbrochen gewesen war, hat die Juden gewöhnlich zu ihrer Nationalität gefuhrt, zum richtigen Erfassen ihrer Lage und zur Erkenntnis, dass sie im Golus stets jedem Zufalle preisgegeben sind: durch einen Zufall sind sie zum Tode verurtheilt worden und durch den anderen Zufall ist ihnen Rettung erstanden. Soll aber ein Volk seine ganze Existenz dem Zufalle anheimstellen? Soll ein Volk nicht bestrebt sein, für sein ferneres Sein eine positive und sichere Grundlage zu schaffen? Im Golus ist unser Leben oft bloss von einer fremden Person abhängig. Die Laune eines Haman oder Ahasverus ist oft ausschlaggebend für unser Leben oder unseren Tod. Ein Volk muss aber auf eigenen Füssen stehen und selbst Herr seines Schicksals sein. So ist denn von Mordechai bis zu Esra nur ein Schritt. Die Humanität bewirkte die Assimilation, die Assimilation die Hamanität, und die Hamanität wieder die Nationalität. Türkische Marranen. Von Mor. 1. Cohen. In den zwei grössten Städten der europäischen Türkei gibt es heute noch Anhänger der zwei grossen Secten, welche sich im 10., bezw. 17. Jahrhunderl vom Judenthum losgetrennt haben, und seitdem ein streng abge-ch ossenes Dasein führen.— Ich meine die Karalten, welche in Constuntinopel eine ziemlich ansehnliche Gemeinde bilden, und die Neutürken, Sabbathianer oder Minim genannt, welche von jeher fast nur in Saloniki wohnen und dort gegenwärtig mehr als dreitausend Seelen zählen. Sind die Gegensätze zwischen uns Juden und den Karäern schon unversöhnlich, um wieviel grösser ist erst die Kluft welche diese zwei vom alten jüdischen Stamme längst abgefallenen Zweige voneinander scheidet. Schon die Zeit ihres Abfalls, dann die Richtung, der Gedankeninlialt und die historischen und religiösen Motive desselben sind unüberbrückbare Scheidewände zwischen Karaiten und Sabbathianern. Man merkt hei den Vertretern beider Richtungen die Zugehörigkeit zum jüdischen Volksslamme heute noch sofort heraus, ihre Blutverwandtschaft verräth sich auf den ersten Blick, und trolzdem stehen sie sich so fremd gegenüber, trotzdem meiden sie sich so ostentativ, schliessen sich gegenseitig so hermetisch ab, dass eine Absichtlichkeit nicht zu verkennen ist. Öder liegt vielleicht ein psychologisches Phänomen dahinter? Sind sich diese lebendigen Denkmäler aus jenen kritischen zwei Epochen der jüdischen Geschichte vielleicht des grossen Unrechts bewusst, das ihre Vorfahren dein jüdischen Volke einst angethan und hassen sie sich gegenseitig, um ihr eigenes Gewissen zu betäuben? Dann aber wäre es schwer erklärlich, dass beide Lager, Karaiten und Sabbathiauer, die anderen, die wirklichen Juden in rührender Uebereinstimmung hassen. Und das ist der Fall; jedes Kind in Constantinopel und Saloniki wird diese Thatsache bestätigen. — Der Türke dagegen macht keinen Unterschied zwischen Juden und Karalten; er weiss nichts von sadducäi.-chen Anschauungen oder von der mündlichen Ueberlieferung. — Für ihn ist derjenige ein Jude, welcher den Sabbath heilL-t und die Speisegesetze einhält. Die anderen Scheidewände beachtet und kennt er nicht. Bei guter Laune gibt er den Juden und den Anhängern des Karäerlhums den Ehrentitel „ Jahudilar" (Juden), in schlechter Stimmung schin pft er beide Richtungen „Chifutlar". Den Sabbathianern gegenüber verhält sich der Mohammedaner frostig bis ans Herz hinan, voll Zweifel und Misstrauen. Trotzdem die Jünger jenes sonderbaren Messias seit nahezu dritthalb Jahrhunderten den Islam angenommen haben, somit als wahre und echte Rechtgläubige gelten so lten, will d>-r Mohammedaner noch immer nichts von ihnen wissen. Er glaubt an die Aufrichtigkeit dieser Leute nicht, er traut ihnen nicht. Der Uebertritt des Sahbathai Zewi zum Islam in jenem denkwürdigen Augenblick, da Sultan Mahomed IV. drei vergiftete Pfeile auf ihn abschlössen lassen wollte, war denn doch ein zu burlesker Act, und der wahre Mohammedaner ist so würdevoll und ernst, besonders in Glaubenssa'-hen. — Und dann, was hat nicht jener Mehmed Capidji-Raschi — dies der türkische Name Sabbathais — auch nach seinem U< bertritte für Allotria getrieben! Jedermann in Saloniki weiss oder glaubt zu wissen, dass die Emissäre und Jünger Sabbathais noch viele, viele Jahre nach dem Tode ihres Heiligen heiniliche Juden waren, in den Moscheen hebräische Gebete lispelten und die jüdischen Feste versteckt feierten. Mag sein, dass dies jetzt nicht mehr der Fall ist und dass die heutige Generation der Sabbathianer sich vom Judenthum vollständig losgelöst hat, Mohammedaner sind sie

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