Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 10 (9.3.1900)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1900-03-09
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 10 ,Die & Welt" Seite 13 In der letzten vorliegenden Nummer von „L'Echo Sioniste" wird die Errichtung einer jüdischen VolksbiMiothek in Paris proponiert, die zu einer absoluten Notwendigkeit für die dortigen ärmeren Juden geworden sei. „Jewish World'* weist in einer seiner letzten Nummern darauf hin, dass der Ruf der Juden Oesterreichs nach einer Organisation nur im Sinne des zionistischen Programms ver wirklicht werden kann. Es wiederhole sich die alte Geschichte, dass in Zeiten der Noth die Juden sich immer zusammenfinden. Dieser Zusammenschluss sei immerhin erfreulich, und daher möge man auch heute darüber hinwegsehen, von welcher Seite der Ruf nach nationaler Einigkeit zuerst ausgegangen, und wie man diesen mancherorts noch heute aufnimmt. Bücherwelt. Levinstein Gustav: 1. Die Taufe. Gross-Lichterfelde bei Berlin. (November 1S99, ± Auflage.) ± Warum die Juden nicht Christen werden können. Gross-Lichterfflde. Der schlichte Verfasser des „Buches der Frommen" im 13. Jahrhundert schreibt einmal : „Das Verhalten der Juden richtet sich an den meisten Orten nach dem Verhalten der Christen." Also schon im Mittelalter, das doch die Confessionen entzweit. Wir können das bekannte Wort variieren, und es gilt für alle Zeiten: „Wie es sich christelt, so jüdelt es sich." Man vergleiche nur das religiöse Leben und Denken der deutschen Juden mit dem der österreichischen, ob es annähernd nicht so sich verhält, wie der Protestantismus zum Katholicismus. Der Gottesdienst der deutschen Juden gipfelt in der Predigt, in ihren religiösen Anschauungen überwiegt die Bibel, ihre Religion wird durch „etwas Philosophie" abgekühlt und abgehärtet, das religiöse Gefühl mit „philosophischer" Phrase verbrämt — so ganz „religionsphilosophisch" nach der Art Schleiermachers und seiner Nachfolger. — Der Verfasser dieser Broschüren — ein Laie, um kirchlich zu sprechen — ist auch so ein „protestantischer- Jude. In gutem Sinne, ohne den üblen Beigeschmack. „Wir wären arm, wenn wir dahintreiben müssten im Strome der Zeit, blinde, willenlose Geschöpfe ewig waltender Gesetze, ohne Glauben an eine höhere Macht". „Dem Innersten unseres Wesens ist das Bewusstsein des Absoluten immanent", also philosophieren wir mit dieser kleinen Voraussetzung. Auf den religiösen Stamm wird ein philosophisches Zweiglein gepfropft, und munter wächst der Baum der Religionsphilosophie, der sich bei den Religiösen und Philosophen zeigen kann. Der Baum spriesst aus dem Boden und dem Wesen des Protestantismus hervor. Da wir Menschen — so schliesst der Verfasser — eine Religion brauchen, die jüdische abereiner, vortrefflicher ist als die anderen, darum „protestiert" er gegen die Taufe, bekämpft die protestantische „Judenmission", entzieht ihr wenigstens ihre moralische Berechtigung. Sie bietet einfach den Convertiten gar nichts: die biblischen Anschauungen sind viel gesünder, menschlicher, ethischer und reiner als die des Evangeliums. Das Neue, das der Ueberläufer im Christenthum findet, ist wertlos, das Wertvolle aber ist nicht neu, ist biblisch, ist jüdisch. Den äusseren Anlass zur Veröffentlichung der ersten Broschüre bot dem Verfasser das Erscheinen des „K u r z g e f a s s t e n Handbuches d er Mission unter Israe 1", von Dalman und Gottheil, das in den Wahnsinn der Judenmission „wissenschaftliche" Methode hineinbringen will. Die zweite Broschüre ist eine Replik auf die Kritik, die die erste seitens eines selbst die -ludenmission bekämpfenden Pfarrers erfahren hat. Beide Broschüren sind schön — fast in biblischem Stil — geschrieben, zwei Predigten besserer Sorte. Sie können wirken. Ob sie es thun werden ist fraglich, denn diejenigen, auf die sie wirken sollten, werden sie nicht lesen. Die Ueberläufer verlangen nach innerer, religiöser Stärkung am allerwenigsten. Von den Schriften gegen die Taufe und christliche „Judenmission" gilt das Wort: Entweder braucht man sie nicht oder sie helfen nichts. j. b. 7VÄ njZ? m"Cin mwT (Die zelm Gebote für die Söhne Zions) von Ch. Koty k. Warschau 1899. Der pompöse Titel ist das einzig Unmoderne an diesem Büchlein. Von wirklicher, echter Liebe zu seinem Volke erfüllt, will der Verfasser besonders den Massen ein Lehrer, ein Erzieher sein. In einem reinen, modernen Hebräisch und in populärer, erweiterter Jargonübersetzung setzt er dem jüdischen Volke seine zehn (sie) Fehler aus und verlangt ihre Beseitigung. Gewiss hat der französische Historiker Michelet recht, wenn er einmal schreibt, dass unsere Fehler eigentlich die Fehler der Völker sind und alle diejenigen anklagen, die uns durch den Druck an Leib und Seele verunstaltet. Allein das thut nichts, die Fehler sind unser und wir müssen sie ablegen. Das ethisch erhebende und sittlich befreiende Moment, das im Zionismus liegt, kann diese Erziehung freilich fördern. Doch ist der Verfasser kurzsichtig, wenn er meint, dass schon das Ideal und das unserem Volke immanente ethische Fühlen über das Milieu siegen könne, dass sie stärker sind als die grosse ökonomische Noth und die sociale Zurückdrängung, die eben diese Fehler zur Welt gebracht haben und die beseitigt werden müssten, wenn die Erziehung und ethische Veredlung erfolgreich sein sollen. Dem Büchlein wäre jedenfalls zu wünschen, dass es in die Hütten unserer Massen dringe, denn es kann nur Gutes stiften. j. b. „ J a 1 k u t M a c h i r i". Sammlung halachischer und hagadischer Stellen aus Talmud und Midrasch zu den Psalmen. Von Rabbi Machir ben Abba-Mari. Zum crstenmale nach einer Handschrift herausgegeben und mit Noten sowie einer Einleitung versehen von Salomon ßuber. Berdyczew 1899. (J. Scheftel.) „Jalkut Machiri" (Sammlung des Machir) ist ein aus dem XIV. Jahrhundert stammender -Midrasch", der bis nun handschriftlich aufbewahrt war. Sein Inhalt besteht aus moralischen Sentenzen, Sagen und Legenden, die, aus verschiedenen talmudischen und nachtalmudischen Schriften gesammelt, einen Commentar zu den Psalmen bilden. Zu n z war der erste, der für den im Midrasch-Schriftthum enthaltenen Born alter jüdischer Lebensweisheit Verständnis erweckt hat Seine Arbeit kann aber nicht Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Der giösste Theil der heute bekannten Midraschim lag zu seinen Lebzeiten handschriftlich in den verschiedenen Bibliotheken verborgen und war in der Gel ehrten weit kaum dem Namen nach bekannt. Erst später erschienen die Midrasch-Editionen vonJellinek, Weiss, Friedmann und Bubcr. von denen der letztere auf diesem Gebiete am meisten geleistet hat. Nicht weniger als 15 dickleibige Midraschin sind durch ihn aus den Bibliotheken zu Rom, Parma, London, Cambridge, Oxford etc. ans Tageslicht gefördert worden. Manche dieser von Buber herausgegebenen Midraschim enthalten grösstentheils Wiederholungen aus bereits bekannten Schriften. Es gibt aber keinen unter ihnen, der nicht eine gewisse Bedeutung für die jüdische Wissenschaft hätte. Auch der am wenigsten Neues bietende Midrasch hat wissenschaftlichen Wert, weil er Aufschlüsse und Erklärungen zu schwierigen Stellen in anderen Midraschim liefert. .Die Worte der Thora", sagt der Talmud, „sind aufschlussbedürftig an der einen Stelle und aufschlussreich an einer anderen Stelle". Die Buber'schen Editionen sind demzufolge eine reiche Fundgrube für den kommenden Zunz, dem sie die Arbeit ungemein erleichtern und die Wege ebnen werden. G. B. Feuilleton. Grenzwächter. Erzählt von Max Kleinberg. „Dr. Kohn, Sie benehmen sich unanständig! Sie kehren mir den Rücken, und das ist unanständig'.*' „Herr!" springt, zornroth im Antlitze, ein älterer Herr mit markantem Bismarck-Kopf auf: doch er beherrscht sicli — „Kellner! zahlen!" -Aber, Herr Doctor, regen Sie sich doch nicht auf, der Mann ist ja todtbetrunken," sucht der alte Baumeister Lübke zu beschwichtigen. „Oho!" erhebt sich da Herr Wladziciejczyk. „Oho! Meine Herren! Wir sind Deutsche! Und Ihr habt mich zu Eurem Präsidenten gewählt! Und ich erkläre, der Czyzoswki hat recht, der Kojn hat sech ünanständig benümmen!" Zustimmend nickte Herr Czyzowski, und einige andere Germanen auf — ski und — owiez, schlugen beifällig die Handflächen aneinander. Inzwischen hatte Dr. Kohn seine Zeche beglichen und das Local verlassen. Er war vor ungefähr einem Menschenalter aus Galizien in das halb deutsche, halb polnische, schlesische Städtchen eingewandert, in dem unsere Geschichte spielt, um hier eine Advocaturskanzlei zu eröffnen. Als gebürtiger Galizianer hatte er sich seinerzeit in den polnischen Vereinen des Ortes einschreiben lassen, es auch in denselben bald zu einer ehrenvollen Stellung gebracht, ohne übrigens je radical-national gewesen zu sein. Da kam