Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 10 (9.3.1900)
- Article
- Wien / H. B-r.
- Date
- 1900-03-09
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr- 10 ,Die i> Welt" Seite 11 befriedigt, da sie die erste Enunciation eines Juden ist, welche bestätigt, was wir wissen wollten". Man könnte an einen „Aufsitzer" denken, dem Herr Vergani zum Opfer gefallen ist, wie jüngsthin bei dem „Millionen für Hülsner"-Circular. Aber — ein ganz kleines, unscheinbares Etwas macht diese Annahme zuschanden. Uns liegt nämlich ein Telegramm desS ynagogen- Rathes Pforzheim, datiert 3. März, vor, das folgendermassen lautet: „M eldung des Synagogen-Rathes Pforzheim: Leopold Landau befindet sich seit 2. Jänner in der Irrenanstalt Illena u." .Man bedenke: Ein Mann, der seit dem 2. Jänner in einer Irrenanstalt interniert ist, vermag unterm 18. Februar ein Circular „An die Juden Deutschlands" zu richten, in dem er nicht etwa um seine Befreiung bittet, sondern nachweist, ..dass die in den letzten zehn Jahren in Frage kommenden Blutmorde von jüdischer Seite nicht so ohneweiters von der Hand gewiesen werden können ..." H. B—r. Bolechöw. Die hiesige ruthenische Intelligenz betreibt eitrig die Gründung eines Consumvereines, der bestimmt ist, die jüdischen Klein kauf leute unserer Stadt ganz an den Bettelstab zu bringen. Zu diesem wohlthätigen Zwecke constituierte sich ein Comite, welches vor kurzem eine Liebhabervorstellung zugunsten der geplanten „Wohlfahrtseinrichtung" veranstaltete. Es wurde ein antisemitisches Gelegenheitsstück aufgeführt, das den Titel „Aredarz" (Der Judenpächter) führt und einen hiesigen ruthenischen Geistlichen zum Autor hat. — Der hiesige zionistische Verein entfaltet eine lebhafte Thätigkeit. Neben der Sammlung von Schekelgeldern und der Verbreitung der zionistischen Idee pflegt der Verein mit grosser Sorgfalt die hebräische Literatur. Auch auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit ist unser Verein erfolgreich thätig. Um die Agitation machen sich namentlich die Herren A. Halpem und E. Schorr verdient. N. L. Bochnia. Ein crasser Fall von jüdischem Antisemitismus spielte sich jüngst hier ab. Bei der sogenannten Landtagsvorwahl, in der diejenigen IS Wähler nominiert wurden, welche einen Abgeordneten in den Landtag an Stelle des verstorbenen Dr. Horschat zu wählen haben,waren auch zwei Juden zugegen: die Herren P. Schanzer und Max D r e s n e r. Der Abgeordneten-Candidat Bürgermeister Dr. Mais stellte den Antrag, es mögen drei Juden gewählt werden. Hierauf meinte der Bezirkshauptmann, dass es billig wäre, mindestens vier Juden zu wählen. Nun erhob sich Herr D r e s n e r und erklärte, es genüge vollständig, wenn zwei Juden gewählt würden... Natürlich wurden die zwei anwesenden Juden gewählt. Allerlei Nachrichten, Der Sultan hat seine Zustimmung gegeben zur Bildung eines Consistoriums für die Juden in der Türkei. Den Vorsitz wird der Inspector der Marine, Isak M o 1 c h o Pascha, führen. Im Bonn wurde vor kurzer Zeit ein „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" gegründet. Am Eröffnungsabend hielt unser ehrwürdiger Gesinnungsgenosse Doctor Rülf einen Vortrag über das Thema „Was wir sollen und wollen", der nunmehr auch als Broschüre erschienen ist. Das „Berliner Jahrbuch pro 1897" enthält wieder einige interessante Daten üher die Betheiligung der Juden an Verbrechen aller Art. In Berlin wohnen 5u/0 Jviden, die sich auf die 4 grossen Rubriken wie folgt vertheilen: Verbrechen und Vergehen gegen Staat und öffentliche Ordnung überhaupt 4815, davon Juden 245 oder 5°/0; Verbrechen und Vergehen gegen die Person 7470, Juden 199 oder 2T/10%; Verbrechen und Vergehen gegen das Vermögen 10.117. Juden 275 oder 27i»% '-. Verbrechen und Vergehen im Amte 20, Juden keine. Anstatt 1123 Bestrafungen fallen auf Juden nur 719 oder 3a/t07„. Von den 245 Vergehen gegen die öffentliche Ordnung kommen allein 121 auf Vergehen gegen die Sonntagsruhe; unter 1007 wegen Betruges bestraften Personen befinden sich 49 Juden, also genau 5",„. Der Unterschlagung machten sich 1SS4 Personen schuldig, darunter 59 Juden oder 3%- Vor 10 Jahren wurde in Boston eine Hebiäi.sche Industrieschule eröffnet, hauptsächlich, um die Kinder eingewanderter Juden zu amerikanisieren. Heute verfügt das Institut über ein zweistöckiges Gebäude und beschäftigt 550 Kinder. Die Unterrichtscurse bestehen im Modellzeichnen. Hand- und Maschinnähen, Flicken, Stopfen, Kleider- und Putzmachen, Kochen etc. Ausserdem wird in der Schule Gesang- und Religionsunterricht ertheilt. Die Regulierung der Prager Judenstadt gefährdet den Fortbestand eines der ehrwürdigsten Denkmäler der Vergangenheit: des alten Judenfriedhofes. Es ist indes begründete Aussicht, dass dieses Denkmal, dem kaum ein zweites an die Seite zu stellen ist, in seiner Gänze erhalten bleibt. Die Stadtverordneten schlössen sich der Petition der jüdischen Gemeinde an, und es verlautet, dass auch der „Verein zur Erhaltung von Alterthümern" in dieser Beziehung Schritte bei der Regierung unternehme. # Wie jüdisch-amerikanische Blätter melden, rühren unter 9 Häuserstiftungen, die dem protestantischen Waisen - hause in San Francisco in letzter Zeit testamentarisch hinterlassen wurden, G von Juden her. Als im cubanischen Feldzuge von der amerikanischen Armeeleitung für die zahlreichen jüdischen Soldaten einige Erleichterungen während der hohen Feiertage verlangt wurden, Erleichterungen, die. ohne der Disciplin Eintrag zu thun, hätten gewährt werden können, da verhielt sich, wie erinnerlich, das amerikanische Kriegsministerium ablehnend. Die englische Regierung hingegen hat bereits Ordre ertheilt, dass den jüdischen Soldaten der Cap-Armee während der kommenden Osterfeiertage nach Möglichkeit Diensteserleichterungen verschafft werden sollen. Der Abgeordnete Dr. Gessmann hat im österreichischen Reichsrathe den Antrag eingebracht, es möge den Juden der Handel mit Devotionalien und christlichen Erbauungsbüchern untersagt werden. Sollte der Antrag durchgehen, so würde den jüdischen Fabrikanten auch die Anfertigung von sogenannten Rosenkränzen zu untersagen sein. Diese gottesdienstlichen Artikel werden nämlich sowohl in Deutschland, wie in Oesterreich in grossen Massen von jüdischen Häusern erzeugt. Vereinsnachrichten. Wien. Der Einzelverein ..Wien" des „Zion" veranstaltet am 15. März — Purim — im Festsaale des „Bayrischen Hof" einen Costümball ohne Costümzwang. Der Vorverkauf der Eintrittskarten findet täglich im Vereinslocale, IL, Gredlergasse 9 (gegenüber der Fruchtbörse) vormittags 9—10, nachmittags 3—4 und abends 6—7 Uhr statt. Wien. Am 1. d. M. fand im Locale des Einzelvereines „Leopoldstadt-Praterstrasse" des Verbandes „Zion" eine öffentliche Vereinsversammlung statt. Auf der Tagesordnung standen: 1. Das Referat des Herrn Dr. Leo Sofer über „Die Wiener Juden und der Zionismus": 2. das Referat des Herrn Alfred Weissberger über „Die wirtschaftliche Seite des Zionismus" und 3. Discussion. Herr Dr. Leo Sofer zeichnete in knappen Strichen die Wiener Judenschaft, wie