Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 10 (9.3.1900)
- Article
- Mit der Reitpeitsche
- Date
- 1900-03-09
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die # Welt" Nr. 10 ihm „Ruhe verschaffe." Nachdem noch verschiedene gereizte Aeusserungen auf beiden Seiten laut geworden, nannte Freese den Kanter einen „unverschämten Kerl", worauf dieser zurückgab: „Sie können mich garnicht beleidigen!" Kanter strengte hierauf" gegen den Amtsrichter eine Klage an. Das Siegener Schöffengericht erkannte aber nach dem „Sieg. Volksblatt" am Freitag, dass Amtsrichter Freese straffrei bleibe, weil Kläger durch Gegenbeleidigung sich gerächt habe. Der Gerichtshof habe zu einer Verurtheilung Freeses kommen müssen wegen der Aeusserung „unverschämter Kerl", wenn Klüger nicht darauf beleidigend erwidert hätte: „Sie können mich gar nicht beleidigen!" Die Aeusserung des Amtsrichters Freese von dem Durchpeitschen der Juden könne als Beleidigung des Klägers nicht gelten, da eine Absicht, diesen dadurch zu beleidigen, nicht erwiesen sei. Die antisemitischen Krawalle in Rumänien. Kürzlich sollte vor dem Jassyer Gerichte der Process derjenigen rumänischen Bürger und Studenten stattfinden, welche an den vorjährigen antisemitischen Krawallen als Arrangeure und Führer betheiligt waren. Aus der umfangreichen Anklageschrift, welche dem Untersuchungsrichter Oswald Teodoreanu wirklich zur Ehre gereicht, weil in ihr ein in Rumänien ungewöhnlich freimüthiger und unabhängiger Ton angeschlagen wird, sei Folgendes hervorgehoben: In Berlad hatte ein aus Studenten und Journalisten bestehendes Comite eine antisemitische Versammlung einberufen. Es betheiligten sich an derselben viele Einwohner der Vorstadt, der sogenannten Mahala, und einige Schüler des dortigen Gymnasiums unter der Führung gewisser Lehrer. Nach der Versammlung wollten die Besucher derselben unter Leitung des Comites an den Fenstern und Läden der Judenhäuser das Müthchen kühlen. Dieser Versuch prallte aber an der Böswilligkeit der Juden ab. Diese setzten sich nämlich zur Wehr, und die antisemitischen Radaubrüder retirierten in einem Zustande, welcher zwar geeignet war, ihren Judenhass zu steigern, sie aber nichtsdestoweniger belehrte, dass es in Berlad mit dem „praktischen" Antisemitismus noch Zeit habe. Um sich an den Berlader Juden zu rächen, organisierte dasselbe Comite eine Versammlung in Jassy. Ein Aufruf erschien, welcher die Jassyer Bürger aufforderte, sich in grosser Zahl am Versammlungsorte einzufinden, damit man würdig protestieren könne gegen die frechen Juden, welche in der alten Rumänenstadt Berlad es gewagt hatten, sich an friedlich manifestierenden christlichen Bürgern zu vergreifen. Im Aufrufe wurden die Rumänen ersucht, ihre Häuser am Versammlungstage zu beflaggen, gewissermassen als Zeichen, dass sie sich dem Proteste anschliessen. Wie man sofort in Jassy wusste, hatte dieses Ersuchen den Zweck, die unbeflaggten jüdischen Häuser kenntlich zu machen. Dennoch fand sich kein Jude, der durch Aufziehen der Flagge es vei-sucht hätte, sich dem Schicksale seiner Connationalen zu entziehen. Die Versammlung war gut besucht, und die „Bürger" hatten sich mit Knüppeln und Steinen versehen. Mittlerweile hatte man aber dem Comite die Nachricht überbracht, dass die jüdischen Arbeiter in den Judenvierteln sich zum Widerstande vorbereiten. Eingedenk der Berlader Prügelei eilten die Comite-Mitglieder zur Polizei und erklärten, dass sie keine Verantwortung übernehmen für die Folgen der Versammlung, sondern um Verstärkung der Wache ersuchten. Die Polizei beeilte sich damit nicht, und nun erzählt die Anklageschrift, wie die Manifesteinten das unbewohnte Geschäftsviertel durchzogen, die Läden erbrachen und ausraubten, allerdings auch da nicht ohne Widerstand. Die jüdischen Arbeiter hatten sich zum Schutze ihrer Familien kampfbereit gemacht, die heldenhaften Antisemiten hüteten sich aber, den betreffenden Strassen (Rothe Brücke, Lange Brücke etc.) auch nur nahe zu kommen. Unter grossem Andränge begann der Process. Da einige der Zeugen nach Amerika ausgewandert sind, andererseits aber die Vertheidigung die Vorrufung des Polizeipräfecten, welcher mit Geld zur Organisation der Versammlung beigetragen hat, als Zeugen beantragte, dazu noch für alle Fälle das in Rumänien bewährte Verschleppungsmittel der unvollständigen Procedur bereitgehalten wurde, musste das Gericht die Verhandlung vertagen. Aus Palästina. JaCa, Februar. Die Fremden-Saison hat heuer unter besonders günstigen Umständen begonnen, und damit einige Abwechslung in das sonst noch ziemlich eintönige Leben des Heiligen Landes gebracht. Am L2± d. M. wird der Dampfer „New-England" (1 t.fcX) tons) der Dominion Line mit einigen hunderten Vergnügungsreisenden erwartet. Am 2C>. d. M. der Dampfer „Augusta Victoria" der Hamburg-Amerika-Linie mit Reisenden aus Amerika. Vorige Woche lag hier die prachtvolle Yaeht des amerikanischen Milliardärs Astor vor Anker, der inzwischen das Land nach allen Richtungen durchquert hat. Aus den Colonien. Der Secretär der „lea", Herr Mcyersohn. wird täglich hier erwartet. Die R o t hs c h i 1 d*schen Colonisten und Beamten erwarten von seinen Verfügungen eine Klärung der jetzt ziemlich wirren Situation. Ueber die Intentionen der „Ica" ist vorderhand noch nichts bekannt. Man weiss dagegen von den Colonisten, dass diese in der Folge einen solchen Heerbann von Beamten wie bisher mit dem eigenen Gut und Blut zu erhalten nicht gewillt sind. Sie wollen ihren Colonien mit freigewählten Vertretern selbst vorstehen. In der Durchführung dieses Plaues, der Selbstemancipation der Colonisten, liegt das ganze künftige Glück der jüdischen Ansiedlungen im Heiligen Lande. Das Wetter war bisher das herrlichste. Ein ewiger Frühling. Alles grün in herrlichster Blüte, die Luft von Wohlgerüchen aller Art geschwängert Das alles finden aber — man mustere die Scharen der ankommenden Reisenden — bloss die Christen. Die Juden, die im Winter reisen können oder der Gesundheit halber müssen, gehen lieber an die Riviera : das klingt, glauben sie. schöner, als Palästina. B. Correspondenzen. O esterreich-U ngarn. Wien. Unter der Spitzmarke „Ein Jude über den Mord in Polna" bringt das „Deutsche Volksblatt" vom 1. d. M. (Abendblatt) ein sensationelles „Circular an die Juden in Deutschland". Dasselbe rührt, wie das Blatt mittheilt, von einem gewissen Leopold Landau in Pforzheim her, ist vom 18. Februar 1!>U0 datiert und gipfelt in der Behauptung, „dass die Mordthat in Polna den Schächtschnitt und die Blutleere aufweist, ebenso war der Kopf der Leiche nach altjüdischem Gebrauche verhüllt". — Landau behauptet ferner, rdass es Secten gäbe, welche der „Kabbala", das ist Mythologie, Engel- und Götterlehre, huldigen, und wenn es Secten gibt, welche derselben huldigen, so haben wir mit denselben nichts gemein, und wenn eine jüdische Verbrecherbande existiert, welche sich der Kabbalisten und ihrer abergläubischen Wunderthätigkeit bedient, so ist es selbstverständlich, dass wir eine solche Bande nicht vertheidigen, sondern aufs schärfste bekämpfen". Zum Schlüsse dankt die Redaction des „Deutschen Volksblatt" Herrn Leopold Landau für seine Aufklärung, „die uns vollständig