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Die Welt · 1900-03-09 · 10 (9.3.1900) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
10 (9.3.1900)
Article
Aus dem Tagebuche des Privatiers Abner Juda
Date
1900-03-09
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 ,Die Welt" Nr. 10 Dabei wird er den Umstehenden bedeutungsvolle Blicke zuwerfen. Und ich werde vor Scham nicht wissen, in welches Loch ich mich verkriechen soll. --In dem ganzen Gespräche mit Fritz bin ich den Zeitungsthemen peinlich ausgewichen. Ich wollte keine Unterhaltung über Politik anschneiden. Wer weiss denn, in welchem „politischen Lager" er jetzt steht! Vielleicht ist er „gemässigter" Antisemit. „Theoretischer" Antisemit. Es wäre mir dann unangenehm, wenn er mir die Leitsätze seiner politischen Weltanschauung auseinandersetzen würde. Oder am Ende ist er gar „freisinnig". Ein Philosemit. Er hätte mir dann mit freundschaftlicher Protectormiene erklärt, dass er nicht von der absoluten Verderbtheit aller Juden durchdrungen sei, es gebe auch unter den Juden anständige Leute, und er glaube nicht daran, dass die Juden zur Osterzeit Christenkinder sehlachten u. s. f. — Und ich hätte ihm vielleicht dankbar die Hand drücken müssen, ich hätte gerührt sein müssen von so hochherzigem Freisinn, ich hätte mich mit einigen zarten Complimenten für seine Freundlichkeit revanchieren müssen. „Ja, wenn alle Christen so dächten!" hätte ich schliesslich geseufzt. — Eine niederträchtige Situation! Dieses „philosemitische" Wohlwollen ist eigentlich unerträglicher, als eine antisemitische Beschimpfung. Es ist infam demüthigend, wenn einem jemand die treuherzige Versicherung gibt: „Du, ich glaube nicht, dass Du manchmal im Jahre kleinen Chri.<tenmädchen den Hals durchschneidest. Und ich schäme mich auch nicht, manchmal mit Dir zu verkehren." Wenn mir jemand sagt: „Sie sind ein Ritualmörder", so kann ich ihm wenigstens das Nasenbein oder die Zahnreihe beschädigen. Aber was thue ich, wenn mir einer sagt: „Sie sind kein Ritualmörder"? Da bin ich wehrlos. Ich muss ein dummes Gesicht machen und dankbar lächeln. 4. März. In Galizien haben fromme Nonnen ein Judenmädchen aus dem Elternhause weggelockt und irgendwo in einem Klosterschlupfwinkel versteckt. Der Vater des entwendeten Mädchens wandert nun, wie weiland Göttin Ceres, durch die Fluren des Landes, von Kloster zu Kloster, um das Töchterchen wieder der finsteren Macht zu entreissen. Er hat ebenfalls ein langes, wallendes Gewand. Bei den Nachforschungen sind ihm die Behörden, soweit sie eben können und wollen, behilflich. Aber mir scheint, er wird auf diese Weise das Kind schwerlich aufstöbern. Er kann doch nicht jeden Kellerwinkel der Klöster untersuchen. Und die frommen Schwestern scheinen ziemlich gerieben zu sein und geben nicht so leicht heraus, was sie einmal drinnen haben, in den Klöstern. Die Angelegenheit wurde schon im Abgeordnetenhause besprochen; sie wirbelt auch sonst ein bisschen Staub auf. Interessant ist die Vertheidigungstaktik der Clericalen. Die Schlaumeier drehen den Spiess um und kreischen, dass ihnen unrecht geschehe — dass die Juden in die Klöster einbrechen — Sacrileg — Hilfe!--das ist ein alter Kniff, er wird aber vielleicht seine Wirkung nicht verfehlen. Unsere Juden sind etwas ängstlich und lassen sich leicht einschüchtern. Da kommen immer die Beschwichtigungs- Hofräthe: »Um Gotteswillen, liebe Glaubensgenossen, nur kein Aufsehen erregen! Man hat ein Judenmädchen geraubt — gut! — lassen wir Gras über die Sache wachsen! Ihr seht doch, was für einen Lärm die Clericalen schlagen, wenn man das Kind zurückfordert. Wir vergrössern nur den Antisemitismus. Um Gotteswillen, nur kein Aufsehen!" — Man kann den Leuten eigentlich die Aengstlichkeit nicht verdenken. Das Gefühl der Schwäche steckt ihnen tief in den Knochen. Jede Minorität hat schlotternde Beine. Und sie haben ja thatsächlich schon manche üble Erfahrung gemacht. Sie haben gelernt, noch die linke Wange hinhalten, wenn sie auf die rechte einen Schlag erhielten. Eine Moralphilosophie, die nicht ganz jüdisch ist. Aber solches Entgegenkommen beruhigt den Gegner einigermassen. 7. März. Beim Mittagmahl habe ich heute im Restaurant ein wenig Bierbankpolitik belauscht. Zwei Tische von mir entfernt sassen zwei Herren, die augenscheinlich den „besseren" Classen angehörten. Der Dialog bewegte sich ungefähr in folgendem Fahrwasser : „Bitte, er hat recht gehabt, dass er im Abgeordnetenhause den Antrag gestellt hat. Ein Antrag, der jüdischen Händlern den Handel mit christlichen Gebetbüchern und Devotionalien verbieten und den jüdischen Fabrikanten die Erzeugung von Rosenkränzen unmöglich machen will, ist ganz vernünftig." „Gewiss! gewiss! Wer weiss, wo so ein jüdischer Hausierer bei Nacht die christlichen Gebetbücher aufhebt. Vielleicht gar neben dem Talmud." „Lieber bet' ich gar nicht, eh' ich von einem Juden das Gebetbuch kauf. (Vertraulich.) Mit Rosenkränzen — unter uns gesagt — geb' ich mich überhaupt nicht ab, auch wenn sie von Christen hergestellt sind." „Warum?" „Na, weisst Du — Rosenkranz — Rosenkranz — der Name ist mir viel zu jüdisch." (Meuchlings publiciert von Erwin Rosenberger.) Kundmachung des Jewish Colonial Trust (Jüdische Colonialbank) Limited. An die einzelnen Zahlstellen, Vertrauensmänner und Vereine, welche Subscriptionen für die „ Jüdische Colonialbank" entgegengenommen haben, sind bereits vor längerer Zeit die Allotementbriefe (Zutheilungsbriefe) zur Uebermittlung an die Zeichner abgegangen. In dieser Zuweisung der Allotementbriefe haben die Unleserlichkeit vieler Unterschriften und Adressen, sowie die Nichtbefolgung der von der „Jüdischen Colonialbank" publicierten Verlautbarungen manche Störuno: verschuldet. Wir fordern hiermit alle Zeichnungsstellen, Vereine und Vertrauensmänner auf, die für London bestimmten Listen deutlich und in lateinischen Schriftzeichen zu führen, und wiederholen zur Vermeidung von Missverständnissen im Folgenden den Zahlungsmodus, der bei allen Rateneinzahlungen strengstens zu befolgen ist. Subscribenten, welche bereits im Besitze ihrer Allotementbriefe sind, haben die weiteren Raten an eine der Zahlstellen, die auf der Rückseite der Allotementbriefe für alle Länder genannt sind, gecen Empfang einer Bestätigung zu bezahlen. Diese Zahlstellen sind berechtigt, für Rechnung der „Jüdischen Colonialbank" rechtsgiltig Gelder in Empfang zu nehmen und zu quittieren. Die Zahlstellen quittieren die Raten auf den Zutheilungsbriefen in den hierfür vorgedruckten Rubriken. Der Coupon, welcher sich neben dieser Rubrik befindet, ist vom Subscribenten zu unterschreiben und wird durch die Zahlstelle nach London geschickt. Hat der Subscribent bereits alle Raten bezahlt, so kann er den in allen Rubrikeri quittierten Allotementbrief direct oder durch Vermittlung seiner Zahlstelle an die „Jüdische Colonialbank" in London einsenden, worauf die Zustellung der Actien an ihn erfolgt Es steht auch jedem Subscribenten frei, seine Ratenzahlungen direct an die „Jüdische Colonialbank*

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