Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 10 (9.3.1900)
- Article
- Die Juden in Böhmen
- Date
- 1900-03-09
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 10 *Die & Welt" Seite 3 sich deutsch fühlender Juden. Durch diese Stellung der Juden, die unter den Deutschen Prags auch das numerische Uebergewicht hatten, kam es, dass sich unter den Deutschen ein Antisemitismus kaum breit machen konnte, und dass sich andererseits unter den Czechen die Begriffe „deutsch" und -Jude" verwirrten. So hörte ich einmal aut dem Graben in Prag, als die antisemitischen Burschenschaften ihren Bummel hielten, ^einen Czechen zu seinem Begleiter die Worte sagen: „Sam£ Zidy" (Lauter Juden). Als nun im December 1897 Badeni gehen musste, kam es zu jenem wohlorganisierten Plünderungszug, durch den hunderte von Juden ihre Existenz verloren. Später bekamen diese Excesse ein nationales Mäntelchen umgehängt, indem man sie als deutschfeindlich hinstellte. Wie dem auch sein mag, jedenfalls sind die Juden ohne Unterschied der Nationalität geplündert worden, und der czechische Pöbel liess sich die aus einem Laden mit deutscher Aufschrift geraubten Semmeln gerade so gut schmecken, wie etwa das Brot, das er einem czechischen Juden entrissen hatte. Der Hochdruck des czechischen Terrorismus und die Beweiskraft zersplitterter Spiegelscheiben und zerbrochener Firmentafeln erschütterte viele Prager Juden in ihrer deutschen Gesinnung, die deutschen und zweisprachigen Firmentafeln verschwanden und machten czechischen Platz, die jüdisch-deutschen Eltern in der Provinz schickten ihre Söhne nicht nach Prag, sondern nach Wien, kurz, die Juden in Prag hörten auf, sich für das Deutschthum zu exponieren, die czechisch-nationalen Juden, die die Tage der Plünderung als eine Art Belastungsprobe für ihrenationaleVertrauenswürdigkeit ansahen, triumphierten und fühlten sich mit Stolz als Czechen. Doch bald kam auch für sie der Verfallstag ihrer nationalen Ueberzeugung, und zwar infolge des Verhaltens der Czechen in der Polnaer Affaire, die Erbitterung unter den czechischen Juden nahm zu, und in einer im October 1S99 in Prag abgehaltenen Generalversammlung des Centraivereines der czechischen Juden, der „Narodni jednota eesko-zidovska", kam diese Erbitterung dadurch zum Ausdruck, dass auf Antrag des Dr. Reiner beschlossen wurde, die czechisch-jüdischen Vereine aufzulösen und auf diese Weise gegen die schmähliche Behandlung seitens der Czechen zu protestieren. So sind denn die Prager Juden in der unangenehmen Lage eines Menschen, der sich zwischen zwei Stühle setzt: sie haben eine harte politische Schule durchgemacht, in der sie eine Wahrheit erfahren konnten, und auch gelernt haben, dass sie nämlich Juden und nur Juden sein müssen, und dass ihre bisherige Schwäche, ihr Judenthum, in Hinkunft ihre Stärke sein wird und sein muss. Den deutschen Juden geht es ziemlich gut. der Antisemitismus grassiert zwar überall, soweit in Böhmen die deutsche Zunge klingt, aber er macht sich meist nur gesellschaftlich bemerkbar. Dass man in manchen radicalen Städten, z. B. Eger, Saaz u. a. als Jude nicht über die Gasse gehen kann, ohne mit „Hepp, Hepp-, „Saujud" oder ähnlichen Höflichkeiten begrüsst zu werden, dass bei besonderen Festlichkeiten den Juden einige Fensterscheiben eingeschlagen werden, daran haben sich die dortigen Juden schon gewöhnen müssen. Immerhin ist man in den deutschen Städten, namentlich wenn überdies eine Garnison daselbst ist, auch als Jude seines Lebens und Eigenthums ziemlich sicher. Gesellschaftlich sind die Juden vollständig von ihren arischen Mitbürgern abgeschlossen. Dass ein Jude Mitglied eines Gesang- oder Schützen verein es ist, gehört zu den grössten Seltenheiten, höchstens finden sich Juden in Stenographenvereinen, die sich ja aus dem Kaufmannsstande recrutieren, und in einigen wenigen Radfahrvereinen. Ein besonderes Capitel des deutschen Vereinslebens bilden die Turnvereine. An diesen kann man deutlich den Auflösungsprocess des ehemaligen Liberalismus erkennen. Bis zum Ende der Achtzigerjahre waren die Juden beinahe in allen Städten Mitglieder, und zwar that- und geldkräftige Mitglieder der Turnvereine, trugen Cravatten, die aus den vier F waren, kurz gaben sich mit Eifer und Aufopferung der deutschen Turnsache hin. In rascher Aufeinanderfolge stellte sich nun ein Turnverein nach dem anderen auf streng arische Grundlage und schloss die Juden aus, so dass auf einem im vorigen Jahre abgehaltenen Gauturntage der Antrag auf arische Abstammung der Mitglieder mit grosser Majorität angenommen wurde. Die wenigen noch liberalen Turnvereine, z.B. Prag, Teplitz und einige andere, traten daraufhin aus dem Gauverbande aus: zu bemerken wäre nur noch, dass r.uch in diesen liberalen Turnvereinen eine starke antisemitische Strömung herrscht, die aber diese Vereine doch noch nicht antisemitisch machen konnte, da zur Statutenänderung eine grössere Majorität, entweder 3/s oder gar 3U nothwendig ist. So sehen wir. dass die Juden von den Deutschen, trotz ihres redlichen Willens, sich zu assimilieren, überall zurückgestossen wurden. Ja, selbst die Mehrzahl der deutschnationalen Schutzvereine stehen dem jüdischen Gelde feindselig gegenüber, was schon sehr viel bedeutet, und wenn ein Jude für deutsche Zwecke etwas leisten will, muss er sich eben eine Ortsgruppe des Deutschen Schulvereines aussuchen, die noch nicht judenrein ist, oder zum Bund der Deutschen Nordwestböhmens, zum Nordwestbündel, wie ihn die Antisemiten wegen seiner geringen Bedeutung nennen, wandern, während die grösste Organisation der Deutschen, nämlich der Bund der Deutschen inJBöhmen, keinen Juden aufnimmt. Die Lage der Juden unter den Czechen ist aber noch, namentlich in letzter Zeit, bedeutend schlechter. Zu dem alten Judenhasse ist nämlich ein neuer Factor seit der Polnaer Affaire hinzugekommen, das ist das Märchen vom Ritualmorde. Man muss wissen, in welcher Wreise damals gegen die Juden gehetzt wurde, wie selbst die liberalsten czechischen Blätter die angebliche Thatsache vom Ritualmorde verbreiteten, wie Extrablätter mit immer neuen Sensationsnachrichten ausgegeben und Ansichtskarten, die von abgezapftem Christenblute nur so trieften, massenhaft verkauft wurden, um dieses helle und plötzliche Auflodern des Judenhasses verstehen zu können. Ein Jude konnte damals in einer czechischen Stadt thatsächlich nicht über die Gasse gehen, ohne dass er mit verschiedenen Schimpfwörtern, ah denen die czechische Sprache so reich ist, begrüsst wurde, man sprach ihn als „Hülsner" an und machte allerlei verheissungsvolle Geberden, man schrieb den Juden Drohbriefe, in denen man ihnen Plünderung und Brandlegung in sichere Aussicht stellte. Und als dann anfangs October 180!* die Sprachen Verordnung aufgehoben wurde, machte sich die Erbitterung der Czechen in Excessen gegen die verhassten -luden Luft, die iu allen czechischen Städten, hauptsächlich in Pilsen und Prag, stattfanden. Da die Juden auf dem Laude noch bedeutend schlechter daran sind, so ist es leicht begreiflich, dass die Juden Böhmens aufs höchste beunruhigt sind und dass die Judenfrage einer raschen Lösung bedarf. Der Vollständigkeit halber will ich erwähnen, dass sich auch ziemlich viele Juden, namentlich in zweisprachigen Gegenden und im industriereichen Nordböhmen, der socialdemokratischen Partei angeschlossen haben. Diese Partei hat sich aber mit der im Vordergrunde stehenden Judenfrage nie befasst und wird auch nicht in der Lage sein, dies zu thun, da in Böhmen, wo noch nicht einmal das Verhältnis der Socialisten beider Landessprachen streng geregelt ist, viele für diese Partei wichtigere sociale Fragen ihrer Erledigung harren. Die Juden Böhmens, mögen sie sich nun deutsch oder czechisch gefühlt haben, jedenfalls haben sie das eine gelernt, dass die Deutschen und Czechen mit einer seltenen Einmüthigkeit ihre Feinde sind und dass den Juden nur durch Juden geholfen werden kann. Mögen sie die Hoffnung auf eine bessere messianische Zeit aufgeben, in der der Wolf neben dem Lamme und der Löwe neben dem Schafe friedlich leben wird. Denn es wird noch mindestens ebenso lange dauern, bis der Wolf neben dem Abeles und der Löwy neben dem Bfeznovsky ruhig wohnen wird. Jüdische Musik. Von Leo Fleischer. ^Schluss.) Hiermit sind wir bei einer Frage angelangt, welche in letzter Zeit die Gemüther sehr erhitzt hat, und die kein Geringerer wie Professor Steinthal neuerdings aufgeworfen hat, ich meine die Frage: Gibt es eine jüdischnationale Musik? Zunächst sollte wohl die Frage beantwortet werden : Hat es eine solche gegeben? Denn auch hierüber ist man nicht einig: jedenfalls muss man sich über die Vergangenheit geeinigt haben, bevor man über die Gegenwart urtheilt. Wie man zur Zeit des ersten Tempels sang, wird uns wahrscheinlich immer ein Geheimnis bleiben : denn die Davidisch-Salamonischen Tempelmelodien wurden durch keine Notenzeichen fixiert: mit der Zerstörung des ersten Tempels (5S7) hatte der Dienst im Gotteshause und mit ihm die Musik ein Ende: in Babylon antworteten die Exilierten auf die Aufforderung: „Singet uns doch ein Lied von Zion!" — »Wie sollen wir singen das Lied des Herrn im fremden Lande Nach der Wiederherstellung durch Cyrus hatte man schwerlich die alten Melodien unverändert