Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 9 (2.3.1900)
- Article
- Die kleine Rahel
- Date
- 1900-03-02
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „Die x£ Welt4 Nr. 9 Sacher-Masoch zum Modell dienen können; es war reizend. Frau Brandgold weiss gut, dass diese Reisenden für längere Zeit Logis nehmen werden, denn in acht Tagen wird das Neujahrsfest gefeiert. Das ist für den Artikel des Berufsschnorrers Hochsaison. Der Kennerblik auf den rüstigen Mann und das vor Gesundheit anscheinend strotzende Mädchen lässt Frau Brandgold die Unglücksprophezeiung nicht unterdrücken, dass der Jude öfter als es ihm lieb sein werde, die Aufforderung zu arbeiten vernehmen dürfte. Frau Brandgold erzielt damit nicht die vermuthete Wirkung. Der Jude blickt zuversichtlich auf den Hals seines Kindes, und morgen geht's an die Arbeit. Der Rausch-hakol hat für dergleichen Besuch eine bestimmte Geldsumme präliminiert und ist dadurch jeder Verpflichtung des persönlichen Empfanges enthoben. Dann kommt der Seelsorger daran. Der aber hat keine Zeit, für dergleichen Seelen zu sorgen. In sieben Tagen hören seine andächtigen Zuhörer seinen geistreichen Erörterungen über Chesed weemes andächtig zu, und das muss doch gemacht werden. Ein Blick auf den Barbestand des Armenfonds, und ein dienstbarer Geist fertigt dann den Besuch ab. Vor diesen Subalternen produciert der Vater sein Kind nicht. Die Liste von Frau Brandgold ist gross, da findet er dazu noch Gelegenheit. Hier hat er wieder Halt zu machen. Eine beschäftigte Hausfrau öffnet und beginnt mit der ihr längst geläufigen Sittenpredigt. Schon will sie die Thür schliessen, da betastet der Jude den Hals seines Kindes, und die Hand, an der man früher nur Schmutz bemerken konnte, hält eine Metallröhre fest. Das Kind erfasst den Kaftan seines Führers, versucht Athem zu schöpfen, hustet, da steckt der Jude die Metallröhre väterlich besorgt in den Hals der kleinen Rahel. Die Frau erfasst Mitleid und Entsetzen zugleich, reicht dem Bettler eine Krone, will aber nichts mehr sehen noch hören. Vielleicht macht dem Juden das Geldstück so viel Freude, oder der gelungene Tric; jedenfalls ist er guter Dinge. Er merkt gar nicht, dass ihn ein Wachmann beobachtet, wie er von Haus zu Haus geht; jetzt fasst er ihn beim Kragen, und er muss in den Arrest wegen Bettelei, vielleicht wegen unbefugter, dann wird er abgeschoben in die Heimat, in die süsse Heimat Indessen war die Sitzung der jüdischen Gemeindeväter beendet, die Gebete gereiht, wie sie Gott wohlgefällig sein dürften, Cantoren und Vorbeter an ihre Plätze gestellt. Nach gethaner Arbeit eilen diese Häupter der Gemeinde nachhause und begegnen dieser sonderbaren Gesellschaft. Es sei schon ganz gut, dass man einmal ein Kxempei statuiere, man werde ja furchtbar belästigt, nicht mehr auszuhalten. Aber der Bettler hat nur einen grässlichen Gedanken, er wird das Neujahrlest im Arrest zubringen müssen. Das rührt die Herren wenig, sie sorgen nur dafür, dass ihre Gemeindemitglieder andachtig sein können. Nun die letzte Zuflucht, ein Griff an den Hals des Kindes, die Metallröhre erglänzt vor den Augen der Brüder aus dem Westen.... Ueber ihre Intervention wurde, der Bettler und sein Kind vor den Feiertagen auf freien Fuss gesetzt. Die Metallröhre hat noch oft Dienste geleistet. Unter hunderten von Andächtigen sieht man ganz rückwärts im Gotteshaus den jüdischen Bettler. Seine Augen sind feucht, er betet inbrünstig, er . erfleht Gesundheit für sein Kind, für seine kleine Rahel. Indessen klammert sie sich an den Strohsack, schöpft mühsam Athem und hustet. Frau Brandgold versorgt sie reichlich mit Wasser; das ist ihr Glück. Hinter einem schwarzen Wagen wankt ein bedauernswerter Mensch. Drei Tage haben aus dem rüstigen Manne einen zerknirschten Greis gemacht. Seine Augen bedeckt er mit der rechten, in der linken hält er eine Metallröhre. Hinter ihm gehen, ihrer Würde bewusst, die mildthätigen Vorstände der Wohlthätigkeitsvereine, dann die] Familie Brandgold. Sie geben der kleinen Rahel das letzte Geleite. Hat ein Kind das Unglück, infolge einer Krankheit an einer Verlegung des Kehlkopfes zu leiden, dann reisen die Eltern mit ihm zu einem berühmten Arzte. Der nimmt eine Operation vor, und wenn sie gelingt, erhält der Patient eine Trachealcanüle, gewöhnlich aus Metall: die ersetzt die Luftröhre. So kann das arme Geschöpf Gottes jahrelang vegetieren, aber es bedarf einer wahrhaft mütterlichen Pflege. Es muss wohl behütet sein vor Kälte, Sturm und Regen. Sonst tritt eine Entzündung ein, eine gefährliche Entzündung. Dann hilft kaum mehr Nothnagel, noch sonst ein Mensch der Welt, dann kommt der Tod. — Die kleine Rahel liegt schon begraben. Der Abschied des armen Bettlers von Frau Brandgold war erschütternd. Dort auf dem Strohsack hat seine brave Rahel geendet. Frau Brandgold rollen die Thränen über die gefurchten Wangen. Sie hat auch Kinder verloren. Der Bettler wankt zum Bahnhof; in der rechten hält er den Fahrpreis, in der linken Hand die Metallröhre. Frau Brandgold hat wieder viele Gäste bekommen. Es gibt keine Schlechtigkeit, keine Niederträchtigkeit, die nicht den Juden von ihren Hassern schon angedichtet worden wäre; aber zarten Familiensinn, treue Kindesliebe hat ihnen noch keiner abgesprochen. Den Juden, der einer Mutter die Tochter raubt, sein Kind mordet, den fürwahr muss Frau Sorge sehr liebevoll an ihr Herz gedrückt haben. Emil Krasny. Briefkasten. A. S—r, Braila, H. G. Wronke. Schön empfunden, aber zur Veröffentlichung leider nicht geeignet. J. R., VI., Gumpendorferstrasse. Besten Dank für die klugen Anregungen; ein grosser Theü soll beherzigt werden. Spende. Für die hungernden Bergarbeiter in Boryslaw: Armand Bernheim in Mülhausen anlässlich der 40jährig. Stiftungsfeier des „Les enfants d'Jsraei" K 70.86 Geldsendungen können in recommandierten Briefen erfolgen. Es wird Papiergeld aller Staaten angenommen. Anstatt kleiner Münze können Briefmarken beigeschlossen werden. Verschiedene Nummern des Jahrganges 1S99 können zur Propaganda an Vereine gegen blosse Entrichtung des Portos abgegeben werden. — .forto für Oesterreich und Deutschland für 5 Kilo Kronen 0.60 Serbien „ 5 J5 )} 1.— Russland „ i 7) ü.— Rumänien 5 i.ä5 England '„ 5 „ „ 2.35 Irland „ 5 »» » id.6U Vom Neujahr 1900 an haben wir dem Verlage „Tuschijah" in Warschau unsere Vertretung für Russland übergeben. Die demnächst zur Ausgabe gelangende Agitations- Nummer (deutsch) wird nur gegen Voreinsendung des Betrages von 30 Heller, 30 Pf., 15 Kop. abgegeben. ,D37tDtD*6:3:£nirafi DjnsruiK 9 n: arims? wn iTOx isn »"3 jyabsmpä vxx? om "pn djh3K3 /in fs?öö^ps7:is fpesoDsm» njn ppoöia s^jra -wn -ip-irwiK p^nia dw»*^* -ro isrnpaopp □jn B"1» 1-7 ppööu *r-r 0*3*01373» jptMjH$2* \yv T1X ptD^rmP tö'VBBJP JÖ^JH 0811 dj?1?1?» ,jpainp .pbbqn 12s fjnapinpa "p^nppsnac sn3*a*B$"©