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Die Welt · 1900-03-02 · 9 (2.3.1900) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
9 (2.3.1900)
Article
Für und Wider
Date
1900-03-02
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 9 ,Die & Welt" Seite 13 hätte, nur 24 Stunden auszuhalten." „Sie sind auch kein Boere, Herr Löwy," meinte Herr Schmidt mit einem gewissen Lächeln, „übrigens trösten Sie sich, ich würde mir's auch überlegt haben, mich am Modderriver ins Boerenlager hineinzusetzen. Es ist einfach eine grandiose Strammheit." „Strammheit — Strammheit", sagte Herr Müller kopfschüttelnd, „ich glaube, das ist keineswegs der richtige Ausdruck. Dieser Boerenmuth, wie er sich da im südafrikanischen Kriege äussert, ist mit der Tugend, die Sie „Strammheit" nennen, überhaupt nicht zu vergleichen. Die gewöhnliche Strammheit, die landläufige Tapferkeit, die auf den Schlachtfeldern, auf dem Mensurboden, in der Arena gedeiht, hat immer einen starken komödiantenhaften Zusatz. Diese Tapferstrammen sind nur dann Helden, wenn sie neben sich eine Coulisse sehen, wenn sie unter sich etwas wie Bühnenbretter spüren. Das riecht alles nach Lampenöl. In der todesmuthigsten Fechterstellung erkennt man noch das Marionettenhafte, den Draht eines Regisseurs, mag er nun „Unparteiischer" oder „General" oder sonstwie heissen. Das zwingt sich alles zur Tapferkeit und schielt mit einem Auge nach dem Publicum; schauen Sie sich aber einmal die Boeren an, die muss man dazu zwingen, dass sie ihren Todesmuth ablegen. Haben Sie gelesen, wie die junge Boerenmannschaft sich gegen die Capitulationsidee mit Händen und Füssen gesträubt hat? Lieber sterben. Ah, es sind Prachtkerle! In diesem Boerenmuthe ist etwas Urwüchsiges, Natürliches, Ungekünsteltes, das zu unbedingter Bewunderung hinreisst. Und die Frauen und Kinder! Da schauen Sie mal zum Fenster hinaus, sehen Sie sich dort auf dem Trottoir die zwei Damen an, glauben Sie, dass die mit ihren Männern in den Krieg ziehen würden? Die wären nicht einmal zu einem Experiment zu haben, wo man eine Zerrüttung der kunstvollen Frisur aufs Spiel setzt, viel weniger zu einem Wagestück, wo es sich um den ganzen Kopf handelt. Wissen Sie, wenn man sich vorstellt, dass solche Helden durch eine erdrückende Uebermacht gezwungen werden, die Waffen dem Gegner zu Füssen zu legen, mit gesenktem Auge und brennenden Wangen durchs caudinische •Joch zu ziehen — — es ist eine Tragödie. Was mag in so einem Boeren vorgehen, wenn er die Waffe, mit der er zusammengewachsen ist, dem Todfeinde ausliefern muss V „Merkwürdig! Dieser Umschwung in den Ansichten'. Wer Sie vor einer Woche reden gehört hat — und wer Sie heute reden hört —." „Lieber Herr Schmidt, ich könnte Ihnen den „merkwürdigen Umschwung" des Langen und Breiten auseinandersetzen, aber ich will nicht ins Philosophieren verfallen: nur eines: mit dem Gefühle war ich immer auf Seite der Boeren. Homo sum; wenn ein Starker über einen Schwachen herfällt, führ ich Sympathie für den Schwächeren. Das sind Menschlichkeiten. Bei jeder Strassenbalgerei können Sie das an sich beobachten. — Mit dem Verstände — — Du mein Gott, man hört das, man liest dies, die Zeitungen schreiben weise Artikel über die Cultur, die auf dem Spiele steht etc. etc., und Sie wissen ja, mit ein bisschen Geschick kann man jedem alles einreden: aben ich bin lieber Mensch mit tausend Menschlichkeiten, als so ein geklärter Weiser. Es ist ja hübsch, ein paar Tage die Sachen von irgendeiner hohen, culturellen, civilisatorischen Zinne zu betrachten, man fühlt sich so erhaben, aber für gewöhnlich ist mirs am liebsten, wenn ich mich meinen Sympathien und Abneigungen, unbeeinflusst von jeder Gescheitheit, frei hingeben kann. Ich verzichte auf die erhabene Zinne." „Ich glaube," wandte Herr Löwy ein, indem er die Stirne in tiefsinnige Falten legte, „ich glaube, die Boeren sind so muthig und todesverachtend, weil sie auf einem niedrigeren Cultumiveau stehen als wir. Sie verstehen offenbar den Wert des Lebens nicht so hoch zu schätzen, wie die Menschen von vollendeter Cultur. Je höher ich mein Ich bewerte, desto mehr werde ich mich hüten, meine Person in Gefahren zu stürzen. Es gibt eine Feigheit, die nichts anderes ist als ein starkes, überstarkes Vollgefühl des eigenen Ich. Und es gibt auch einen Muth, der seine Wurzeln in der Beschränktheit, in einem niedrigen Taxieren der eigenen Persönlichkeit hat. Die Null kommt nicht zum ausgebildeten Bewusstsein ihres Ichs und ist zur Selbstvernichtung leicht zu haben. Vielleicht ist die Stärke des Selbsterhaltungstriebes ein Mass für die Höhe des Menschen." „Hören Sie mir auf mit Ihrem Gerede," fiel Herr Müller unwillig ein, „ich will Ihnen Folgendes sagen. Herr Löwy: die Boeren kämpfen für ihre Unabhängigkeit, ihre Selbständigkeit, für die Freiheit ihrer Scholle. Menschen, die sich einer Fremdherrschaft nicht beugen wollen, haben gewiss keinen Mangel an Selbstgefühl. Leute, die lieber in den Tod gehen, als dass sie auf die eigene Scholle verzichten, sind gewiss keine Nullen mit verkrüppeltem Selbstbewusstsein: — ich will Ihnen Folgendes sagen, Herr Löwy : Wenn jedes Volk — verstehen Sie mich, Herr Löwy — wenn jedes Volk, das auf fremder Scholle wohnt, mit solchem Heroismus sich gegen Ketten auflehnen und mit Todesverachtung nach Freiheit ringen würde, wie die Boeren. dann würde man jedem Volke, jedem Volke mit solcher Sympathie begegnen, wie den Boeren . . . Haben Sie verstanden, Herr Löwy —?" R. Die kleine Rahel. Das Haus war ein verrufenes. Es gehörte zu jenen, die bei Tageshelle einen moralischen Ekel hervorrufen, und davor wollte das Auge des Gesetzes die friedlichen Bürgerssöhne und eifrigen Beamten des Städtchens bewahren. Der Hausherr schlug in heller Verzweiflung die Hände über dem Kopfe zusammen. Kam er doch um seine Jahresrente, denn welcher anständige Mensch wird in dem Hause wohnen wollen? Aber was die Härte des österreichischen Gesetzes dem treuen Unterthan angethan hatte, das paralysierte das milde Verbot eines anderen Staates, galizische Juden im Lande zu dulden. So wurde die Familie Brandgold Mietpartei. Ein Jahr bettelte sie sich bereits durch; aber das Geschäft gieng schlecht. Die Epilepsie, an der der pater familias litt, trug wenig ein. Möge er den Schnaps lassen, wetterten die mildthätigen Vorstände der Wohlthätigkeitsvereine und waren dabei nicht unlogisch. Wie der hohe Adel mit Podagra zur Welt kommt, so sind die jüdisch-galizischen Epileptiker geborene Alkoholiker. So lehrte die Noth das jüdische Weib — es gibt auch ein anderes, als das der Nahida Remi — hausieren. Aber für das Kistchen Orangen und die mehr oder weniger faulen Aepfel braucht man doch nicht ein ganzes Haus! Und wenn auch in der Schmaizsaison ein Gänschen gestopft wurde — das ist zwar eine jüdische Specialität. aber dazu genügt doch der kleine Stall. Wozu die vielen Zimmerchen in dem kleinen Hause? Die Familie Brandgold gx-inste das Elend von vier Wänden zur Genüge an. Wer einmal in einer Stadt lebte, die an der Bahnstrecke Wien—Krakau liegt, der weiss, dass es dort viel Fremdenverkehr gibt. Sittliche und leibliche Noth treibt die Juden Galiziens der Metropole zu, und unterwegs macht man Abstecher. Man sammelt materielle Kräfte, um das Ziel zu erreichen, und das ist — Prof. Nothnagel. Die kranken Juden Galiziens wissen von ihm, dass er Präsident des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus ist, viel genauer, als man in Wien von der Existenz dieses Vereines etwas weiss. Auf der Hin- und Rückreise sind diese Stammesgenossen Gäste der Frau Brandgold. Das Häuschen wird Hotel. Die Frequenz lässt nichts zu wünschen übrig. Da kommt eines Tages ein rüstiger, schöner Mann an. merkwürdigerweise ohne Weib, an seiner Seite nur ein Kind. Aber das hätte

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