Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-03-02 · 9 (2.3.1900) · p. 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
9 (2.3.1900)
Article
Schneidemühl [Nachricht]
Date
1900-03-02
Page
10 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315861--18218-3367254
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 10 „Die 2$ Welt" Nr. 9 aus Transvaal ein, welche nach Russland in ihre Heimat befördert wurden. Sie erzählten, dass sie während des Krieges Transvaal verlassen hätten, nach dem Friedensschluss jedoch dahin zurückkehren würden. Russland. Kossow. Am 13. v. M. wurde der hiesige Cultus- und Gemeinderath Herr M. H. Gärtner zu Grabe getragen. Der Verblichene war das Muster eines jüdischen Bürgers. Seiner religiösen Gesinnung nach streng orthodox, war er doch abhold jeder Intoleranz. Seinen regen Sinn für das Gemeinwohl der hiesigen jüdischen Bevölkerung suchte er bei jeder Gelegenheit zu bethätigen, und er scheute keine Mühe, wenn es galt, den armen Brüdern mit gutem Rath und milder That an die Hand zu gehen. Auch wir Zionisten verlieren in diesem Manne einen eifrigen Agitator. Er gieng seinen orthodoxen Gesinnungsgenossen mit gutem Beispiele voran, indem er eine Anzahl Actien der Jüdischen Colonial- Bank zeichnete und den Subscriptionsbetrag voll einzahlte. Hierdurch trog er dazu bei, dass die Agitation für die Bank und den Zionismus im allgemeinen auch unter den Orthodoxen grosse Erfolge aufweisen konnte. Unsere Mitbürger erwiesen diesem lieben Verstorbenen denn auch in würdiger Weise die letzte Ehre und bereiteten ihm ein imposantes Leichenbegängnis. Ehre seinem Andenken! S. A. H. Rowno. Die hiesigen Zionisten haben eine Samstag- Schule gegründet, in welcher für die niedrigen Schichten des jüdischen Volkes hebräische Spracheurse stattfinden. Odessa. Die Commission zur V'ertheilung von Unterstützungen für arbeitslose Juden, welche unter der Leitung des bekannten Wohlthäters und Publicisten Doctor M. G. Margulies steht, ist jetzt mit derVertheilung von Kohle, Brot und Kleidern beschäftigt. Die jüdischen Studenten haben eine statistische Tabelle arbeitsloser Juden zusammengestellt. Es ergab sich, dass nur im Centrum Odessas, abgesehen von den Vororten, ca. 35.000 Juden ohne Arbeitsgelegenheit und in der dringendsten Nothlage sind. Allerlei Nachrichten, In San Francisco vermachte der verstorbene Capitän Julius Friedman dem jüdischen Altersheim die Summe von 250.000 Dollars. Ausser dieser Summe erhielten zahlreiche andere jüdische und christliche Wohlthätigkeits- Institute Schenkungen, zum Theil von sehr hohem Werte. Am 11. März d. J. feiert Herr Markus Weissmann- Chaies, einer der bedeutendsten Gelehrten und Dichter, den das Judenthum unseres Jahrhunderts aufzuzählen hat, in Wien seinen 70jährigen Jubeltag. Länger als fünfzig Jahre gehört Weissmann-Chaies der jüdischen Literatur an, in welcher er unter dem populär gewordenen Namen n"1S2 eine kaum zu übersehende Zahl der gediegensten und geistvollsten Arbeiten, sowohl in Prosa als gebundener Rede, geliefert hat. Wer aber „Moach- — nomen est omen — in seiner Gesammtheit kennen lernen will, den verweisen wir auf jenes vorzügliche Werk, das unter dem Titel „D i b r e Chachamim re-chidötha ra" eine alphabetisch geordnete Anthologie der schönsten Allegorien, Parabeln und Sentenzen bietet, die je in hebräischer Sprache erschienen Weissmanns Stil und Tendenz hat die Kritik schon längst als vornehm anerkannt, und es erübrigt uns nur noch, ihm wegen seiner ausgezeichneten Herzens- und Charaktereigenschaften als Jude, Mensch und G elehrter die wohlverdiente Palme des vollsten Lobes zu ertheilen. Möge der in stiller Zurückgezogenheit hier in Wien, ET., Zwerggasse 5, anspruchslos lebende Gelehrte sich noch lange des Glückes einer ungetrübten körperlichen und geistigen Frische zu erfreuen haben! In einer der bevölkertsten Strassen des New-Yorker Judenvitrtels, der Orchard Street, wurde jüngst ein „Erholungs- und Gesellschaftshaus" für jüdische Mädchen eröffnet. Sämmtliche Räume der Anstalt sind an jedem Abend derart überfüllt, dass man bereits an den Kauf eines benachbarten Grundstückes zum Zwecke der Vergrösserung denkt. Das „Erholungshaus" verdankt seine Entstehung dem Zusammenwirken verschiedener Vereine, die mit relativ geringfügigen Mitteln die Gründung bewerkstelligten. — Auch in Philadelphia ist ein solches Erholungshaus vor wenigen Wochen eröffnet worden, das sich gleicherweise grossen Zuspruchs erfreut. In Hanau starb der aus Prag gebürtige Provinzial- Rabbiner Dr. Koref, ein im Kreise seiner Amtsgenossen hochangesehener Mann. In Bromberg wurde vor einiger Zeit die Stelle eines Lehrers an der städtischen höheren Mädchenschule ausgeschrieben. Es meldete sich nur ein Bewerber, ein Jude. Er wurde mit 6 gegen 5 Stimmen dem Magistrate zum Engagement vorgeschlagen. Der Schuldirector aber erhob Protest mit der Begründung, Dr. A. sei J u d e. Schliesslich schloss sich auch der Magistrat dieser Ansicht an. Das Interessante dabei ist aber, dass der protestierende Schuldirector bei den letzten Reichstagswahlen Candidat der Freisinnigen Volkspartei war. In einer Schilderung des „Berl. Tgbl." über das Deutschthum am „Goldenen Horn" wird auch des „Israelitischen Turnvereines" rühmend gedacht. Derselbe bildet mit dem „Deutschen Turnverein" den Mittelpunkt des Turnwesens r.m Bosporus. In sehr sympathisch gehaltenen Artikeln wird der neue Rabbiner von Malmö, Dr. Wohlstein, £leichzeitig der erste, den die Gemeinde anstellte, von der gesammten Tagespresse in Schweden begrüsst und namentlich der meisterhaften Einführungsrede, des Kopenhagener Oberrabbiners Dr. G o i t e i n reiche Anerkennung gezollt. Die hochgeachtete Protectorin der israelitischen Taubstummen-Anstalt in Wien, Frau Annica Benvenisti, wurde vom Kaiser durch die Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone geehrt. Frau Benv enisti ist auch Vorsteherin der israelitischen Volksküchen, um die sich die Dame bedeutende Verdienste erworben hat. Unter dem Titel „J e s c h u a h" hat sich dieser Tage in Wien ein jüdischer Hilfs- und Darlehens verein gebildet. Der Zweck des Vereines ist, kleinen jüdischen Kaufleuten, Gewerbetreibenden, Angestellten, Lehrern durch unverzinsliche Darlehen ihre Existenz zu erleichtern. Vereinsnachrichten, Wien. Die jüdische Vereinigung „Jordania" veranstaltete Donnerstag den 7. Februar in Ullmanns Restauration (Leopoldstadt, Malzgasse) eine öffentliche Vereinsversammlung, die ziemlich stark besucht war. Der Referent, Vice-Präses Nathan Gross behandelte in längerer, wiederholt von Beifall unterbrochener Rede die wirtschaftlichen Ursachen des Zionismus, der allein ein ökonomisches Ziel für das jüdische Volk bilden könne. Wenn es auch für gewisse Leute durch Taufe scheinbar möglich wird, dem Antisemitismus zu entschlüpfen, so gilt das doch nicht für die Masse des jüdischen Volkes, die nach wie vor von der* arischen Umgebung boycottiert und dadurch auch wirtschaftlich ruiniert würde. Der Antisemitismus bekämpft die Juden auf ökonomischer Basis nur so lange nicht, als die Entwicklung des eigenen Landes noch ihrer als wirtschaftende Individuen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.