Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 9 (2.3.1900)
- Article
- Jokai und Masaryk
- Date
- 1900-03-02
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 ,Die & Welt" Nr. 9 zu den Dichtern, von denen man in allen civilisierten Ländern spricht, auch dort, wohin noch keine ungarische Grammatik gedrungen ist; Masaryk ist einer der wenigen czechischen Gelehrten, deren wissenschaftliche Leistungen sich das Heimatsrecht in der Gelehrtenwelt erobert haben. Was Wunder daher, wird man wohl denken, dass man in Ungarn wie in Böhmen voll glühender Dankbarkeit, voll überschäumenden Enthusiasmus, voll berechtigten Stolzes die Namen der Männer nennt, die ihrem Vaterlande so viel Ehre machten . . . Nun, die Dankbarkeit, der Enthusiasmus, der Stolz, das sind ja ganz hübsche Sachen, und wir werden gewiss nicht leugnen, dass Jokai und Masaryk wohl berechtigt sind, den Zoll dieser Gefühle von ihren Landsleuten einzuheimsen. Aber wenn man nicht gerade der Wahrheit ins Angesicht schlagen soll, oder wenn man nicht so begriffstützig ist, um den Schall einer Ohrfeige mit dem eines Kusses zu verwechseln, so wird man zugeben müssen, dass die Kundgebungen, mit denen der Dichter und der Gelehrte derzeit verfolgt werden, verdammt wenig mit Verehrung und Hingebung gemein haben. Die grosse, aus dem gebildeten und dem ungebildeten Pöbel zusammengesetzte Menge stürmt zwar hinter den beiden mit lauten Rufen her, aber es ist kein Hosiannah, das sie erschallen lassen. Die Namen der beiden schweben auf unzähligen Lippen, aber nicht mit Segens- und Dankesworten gepaart. Die enthusiasmierten Ungarn und die begeisterten Czechen finden auch jetzt überschwängliche Lobeshymnen, aber die gelten nicht den Jokais und Masaryks, diese haben Worte der Schmähung, der Missachtung, der Erbitterung zu hören. Kennt man nicht die Missethaten der beiden? Der Dichter der ritterlichen Nation, der poeta laureatus, der in so vielen seiner Romane die unbesiegbare, über alle irdischen Schranken sich hinwegsetzende Macht der Liebe geschildert, hat am Abend seines Lebens das ungeheuerliche Verbrechen begangen, selbst rücksichtslos dem Zuge seines Herzens zu folgen und einer — Jüdin seine Hand zu reichen. Jokai hatte von seiner Erwählten nicht das Opfer ihrer Religion verlangt, aber es ist bekannt, dass von Mitgliedern der vornehmsten und mächtigsten Gesellschaft Ungarns die höchsten Anstrengungen gemacht wurden, Jokai von seiner Liebe oder zumindest seine Braut von ihrem Glauben abzubringen. Keines von beiden gelang und seitdem ist der Dichter, dem viele auch vorher schon seine Menschenliebe ohne Unterschied der Confession als eine macula levis nachtrugen, in immer weiteren Kreisen geächtet und verurtheilt Der weisse Kopf des grossen Dichters erregt nicht mehr Ehrfurcht, sondern regt zu spöttischen Scherzen an, man verhöhnt ihn, man macht sich lustig über ihn. Jokai besass stets genug Menschenkenntnis, um auch die niedrigen Regungen und die gemeinen Instincte der Menschen zu ergründen, er täuscht sich nicht über die Gefühle, die ihm von so vielen Mitgliedern des „Adels" entgegengebracht werden, er empfindet die Stiche, die man ihm versetzt, mit der Feinfühügkeit des Dichterherzens, wenn er auch philosophisch darüber lächeln mag. Er sieht den Boycott, dem er verfällt und zieht die Gonsequenzen daraus. So hat er vor einigen Tagen erst erklärt, dass er sich genöthigt sehe, die Stelle des Vorsitzenden der ungarischen Friedensfreunde niederzulegen, weil er die Wahrnehmung gemacht habe, dass die reichen Katholiken in — seinem Protestantismus ein Hindernis zum Anschlüsse an diese Gesellschaft erblicken. Jokai bleibt immer der vornehme, edle, zarte Dichter. Er schiebt fälschlich seine Confession vor, um aus Galanterie für eine Dame, das ist ihm auch die eigene Gattin, von deren Religionsbekenntnis nicht sprechen zu müssen. Aber Jokai weiss, dass ihm in dem vorurtheilslosen, über confessionelle Unterschiede erhabenen Ungarn sein Verbrechen oder vielmehr das Verbrechen seiner Gattin niemals verziehen wird. Sollen wir noch besonders des Verbrechens gegenken, um dessentwillen Professor Masaryk verfolgt wird? Man kennt es zur Genüge. Man weiss, dass er für die Missethat büsst, an die Schuldlosigkeit eines Juden zu glauben, den man zum Ritualmörder stempeln will. Dafür verhöhnen ihn seine Schüler, verachten ihn die Grossen, verfolgen ihn mit infernalischem Hasse die czechischen Presslakaien. Masaryk muss seine Vorlesungen schliessen, er wird gemieden wie ein Verräther, beschimpft und verhöhnt wie ein bezahlter Söldling des Feindes. Nichtswürdige Pressbanditen, denen im Gerichtssaale nachgewiesen wurde, dass sie neben der Lust an der Infamie von dem speculativsten Gesehäftsantisemitismus geleitet sind, der sie nährt, erhält, bereichert, schleudern gegen Masaryk, der seiner Ueberzeugung bisher nur die schwersten Opfer gebracht hat, die Insulte, dass er einen Geschäfts-Philosemitismus betreibe. Das Gesindel hat den Spiess umgedreht und möchte nun Masaryk jene eklen Motive unterschieben, von denen es selbst beseelt wird. Und die alberne, thörichte und bethörbare Menge, die es glaubte, dass der vielfache Millionär Zola für einige lumpige hunderttausende von Francs alles, seine Ehre, seinen Namen, seine Zukunft in die Schanze geschlagen habe, die wird es sich auch einreden lassen, dass der unabhängige, von der selbstlosen Liebe zur Wahrheit erfüllte Masaryk, als er die schwersten Opfer seiner Ueberzeugung brachte, eigentlich — ein Geschäft gemacht hat. Seltsame Zeiten sind es, in denen wir leben, und seltsam sind die Menschen, die wir sehen. Es genügt, dass der Beste und Edelste nicht gesonnen ist, in das Hepp-Hepp-Geschrei gegen die Juden einzustimmen, und er wird sofort verfehmt und geächtet wie die Juden selbst. . . oder irren wir uns *? Glauben wir vielleicht, dass die Menschen unserer Zeiten so seltsam sind, während sie thatsächlich nie anders waren Ada m. Eine Beschwerde. Die hessischen Juden haben folgende Besehwerde an die Volksvertretung gerichtet: Vor mehr denn fünfzig Jahren wurde in unserem engeren Vaterlande durch das Gesetz vom 2. August 1S48 die religiöse Freiheit proclamiert und die Gleichheit der religiösen Bekenntnisse und ihrer Bekenner vor dem Gesetze festgelegt. Mit der Erstehung eines einigen Deutschland wurde für alle Theile unseres Vaterlandes das Gesetz vom 7. Juli 1SG9 zur unantastbaren Geltung erhoben, nach welchem „die Befähigung zur Bekleidung öffentlicher Aemter von dem religiösen Bekenntnis unabhängig ist". Zur Zeit der Hochflut des Antisemitismus wurde einer Deputation der israelitischen Gemeinden Darmstad t, Giessen und Mainz als VVillensmeinung Seiner Königlichen Hoheit des Hochseligen Grossherzogs mitgetheilt, dass „in den ihnen verfassungsmässigundgesetzlich zustehenden Rechten nach dem Willen Seiner Königlichen Hoheit deren israelitische Untertha n e n ebenso geschützt werden sollen, wie diejenigen anderer Bekenn tnisse*.