Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 9 (2.3.1900)
- Article
- Jüdische Musik
- Date
- 1900-03-02
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 9 ,;Die 2& Welt1 Seite 3 bei den Indern die Gita Gowinda (Krishnas Entzweiung mit der Radha, Gesänge der beiden Chöre). In den Prophetenschulen wurde die Musik gelehrt und beschränkte sich nicht nur auf den Gottesdienst; die Jünglinge, welche S a u 1 entgegenziehen, ^musicieren, und Saul selbst scheint der Macht der Töne eine gewisse mystische Wirkung zuschreiben, als er David vor sich kommen und Harfe spielen lässL Diese Mystik ist den alten Hebräern von den Aegyptern überkommen, welche bekanntlich die Musik mit einer Zahlensymbolik umgaben, deren geheimnisvolles Wirken nur den Priestern bekannt war. Ueber den Einsturz der Mauern Jerichos beim Schalle der Posaunen schreibt P. de Bretagne in dem Buche „de excellentia musicaeantiquae Hebraeorum": „at ex omni parte miraculosa fuit destructio murorum Jerichuntis", wozu Ambros die Bemerkung macht, dass zur selben Zeit der Aufbau der Mauern von Theben durch Amphions Laute stattgefunden haben soll. Im ersten Tempel scheinen nur Männer gesungen zu haben, im zweiten auch Jungfrauen; zur Zeit Davids waren jedenfalls nur Sänger thätig und der Frau«nchor wurde erst später von Aegyptern angenommen, wo ausschliesslich Frauen sangen.*) Ueberhaupt wurden Formen des ägyptischen Cultes von den Juden nachgeahmt, was beispielsweise aus den Worten des Dichters im Psalm 68, 26 hervorgeht : „Voran gehen die Sänger, dahinter Saitenspiele rinmitten paukenschlag ender Jungfrauen." Nun findet sich aber eine Abbildung, welche einen Festzug in genau dieser Weise darstellt, in ainem ägyptischen Grabe zu Theben. (Rosellini mon. civ.) Ueber die bei den alten Hebräern gebräuchlichen Instrumente wurde schon viel geschrieben und gestritten, Bestimmtes wei den wir wahrscheinlich nie wissen, da es eine Unmöglichkeit ist, über Klang nnd Stimmung von Instrumenten zu urtheilen von denen wir im besten Falle eine dürftig erhaltene Abbildung haben. Ein Orchester hat ganz gewiss zum Tempeldienste gehört, und nach Henricus Hochius bestand dasselbe aus: y2—6 Nebeln (phönikische Harfe), 2— \-2 Fiöten,^2iindestens ~i Trompeten und einigen Cymbein, letztere war lediglich ein Dirigierwerkzeug; in dem Tractate über hebräische Musik (Schilte hagibborim) sind 36 Instrumente angegeben, in der Bibel finden sich jedoch nur 16. Ueber die Bedeutung vieler Namen ist man nicht im klaren; zum Beispiel sind über die Magrapha die merkwürdigsten Sagen verbreitet. Die einen wollen wissen, es sei dies eine Riesenorgel gewesen, deren Klang man zehn Meilen weit hörte, andere halten sie für eine Kohlenschaufel, wieder andere für eine Pauke u. s. f. Was uns aber vor allem interessiert, ist der Gesang. Welcher Art waren die Melodien, und ist uns etwas von original-jüdischen Weisen überliefert worden? Für die Melodie ist die Tonleiter massgebend, da jene von dieser ihr charakteristisches Gepräge erhält. Bekanntlich hat es vor unserer siebenstufigen Scala eine Unzahl anderer gegeben, und in China, den Südsee-Inseln, sowie bei den meisten Naturvölkern finden wir jetzt noch Tonreihen, welche ganz andere Intervalle aufweisen als unsere. Die Meinung der Forscher über die Tonleiter der alten Juden ist getheilt; einige nehmen eine fünfstufige (wie bei den Chinesen und Indern), andere eine siebenstufige Scäla an; dass sich die JL e v i t e n der siebenstufigen, das Volk aber der vierstufigen bedient haben, ist eine Hypothese, die zwar von wissenschaftlicher Seite aufgestellt und mit der Mystik, welche die heilige Siebenzahl umgab, begründet wurde, nichtsdestoweniger aber lächerlich genannt werden muss. An den Gesängen im Tempel nahmen schon zur Zeit Davids alle im Heiligthum versammelten Andächtigen theil, wie aus zahlreichen Stellen der Bibel hervorgeht. Viele Psalmen wurden von einzelnen vorgesungen *) Vergl. hierzu Esra 2, 65, Nehemia 7, 67. und der Chor der Anwesenden fiel nach jeder Strophe mit einem Refrain ein (s. Psalm 136: „Preiset den Herrn, denn ewig währet seine Gnade!" u. a. m.). Sollte nun der Vorbeter in seiner „heiligen" Scala vorgesungen und die Gemeinde in der profanen erwidert haben? Dies ist schon aus dem Grunde unmöglich, weil das Volk gewiss nur die zuletzt gehörten Worte resp. Töne wiederholte, und es nicht dem Belieben des einzelnen überlassen bleiben konnte, welche Melodie er anstimmen wollte; dazu muss man noch bedenken, welchen künstlerischen Eindruck zwei gänzlich verschiedene Tonleitern*) nebeneinander machen — geradeso, wie wenn heutzutage mitten in einer Oper ein Chor von Südsee-Insulanern ihre heimatlichen Weisen anstimmen würde! Ich halte es für wahrscheinlich, dass die Juden,sich der vierstufigen Scala, des sogenannten Tetrachordes bedienten; dies war auch bei den Griechen der Fall, deren Musiksystem wir setir genau kennen, da es nach und nach von allen civilisierten Völkern des Alterthums übernommen wurde; es ist nicht anzunehmen, dass das jüdische Volk, welches doch sonst griechischem Einflüsse leicht zugänglich war, sich gerade dem Eindringen einer auf verhältnismässig sehr hoher Stufe stehenden Kunst widersetzt hätte; ausserdem spricht noch folgende Thatsache für das Tetrachord: Nach der Zerstörung des zweiten Tempels wurden die Juden in alle Welt zerstreut, ihr Staat gieng unter, und trotzdem sie sich, wohin immer sie kamen, von den übrigen Einwohnern absonderten, fand doch überall eine mehr oder minder merkliche Assimilation statt; sie gewöhnten sich daran, die Sprache des Landes zu sprechen, und auch die Musik konnte sich dem Einfluss der Umgebung nicht entziehen; so kommt es, dass wir heute in portugiesischen, italienischen, französischen, deutschen, polnischen und türkischen Tempeln die verschiedensten Weisen singen hören. Und doch gibt es wenige Melodien, welche allen gemeinsam sind; dazu gehört vor allen das „Schema Jisroel" und der Lobgesang der Mirjam: „Lobsinget unserem Gott, der gestritten iür uns, der Ross und Reiter gestürzet in das Meer!" Bei Naumann findet sich eine Zusammenstellung der Melodien aus den verschiedensten Ländern, nach welchen diese Worte vorgetragen werden, und alle sind im wesentlichen, d. h. in Rhythmus und Stimmführung gleich, alle umfassen aber auch nur vierTöne(in einzelnen Fassungen sogar nur drei); da sich aus der Gleichheit dieser Melodien mit nahezu vollkommener Gewissheit der Schiuss ziehen lässt, dass sie auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen sind, dieser aber nur in die Zeit vor der Diaspora fallen kann, so haben wir in diesen wenigen Gesängen augenscheinlich Denkmäler alter jüdisch-nationaler Tonkunst vor uns. _ (Schiuss folgt.) Jokai und Masaryk. Von Max Rotter. Von den beiden Männern, deren Namen wir an die Spitze dieser Ausführungen stellten, war in den letzten Tagen vielfach die Rede. Man wird dies wohl begreiflich finden, wenn man weiss, dass der eine, Jokai, ein Dichter ist, der mit seinem Ruhme die Welt erfüllte und seinem Vateriande auf dem Schlachtfelde, auf dem die Geister miteinander kämpfen, mit nie welkender, stets sich erneuernder, unsterblicher Jugend zahllose Siege und Triumphe errungen hat. Und man weiss, dass der zweite, Masaryk, ein Forscher und Gelehrter ist, der sein ganzes Leben dem Dienste seiner Wissenschaft, der Erzieuung der Jugend, dem Fortschritte und der Wahrheit gewidmet hat. Jokai gehört *) Tonleiter und Tonart sind zwei nicht zu verwechselnde Begriffe; zwei verschiedene Tonleitern sindz»B.: c, d, e, f, g, a, h und c, e, f, g, a; Tonarten: uie erstere und g, a. h, c, d, e, fis, g.