Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 8 (23.2.1900)
- Article
- Brüderchen und Schwesterchen
- Date
- 1900-02-23
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ni. 8 ,Die x£ Welt" Seite 15 hinaus. Als sie ein paar Schritte gegangen waren, blieb Jenta stehen und sagte: „Warf eine Secunde, ich hab' was vergessen." Sie lief ins Haus, küsste das weisse Antlitz auf dem Strohsack und steckte das grosse Gebetbuch in die starren Hände. Sie hatte das nicht thun wollen, solange Jankel sie sah; er hätte sie ausgelacht. Dann eilte sie, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen, hinaus und holte ihren Bruder ein, der stramm weitermarschiert war. Büsche und Hecken waren von der Sonne in goldige Nebel eingehüllt; die Vögel zwitscherten in den Bäumen, und die Leute sagten: „Wie schön sie singen." Die Schmetterlinge schlugen vor lauter Lust und Uebermuth in der Luft Purzelbäume. Ueberall war Fröhlichkeit und Leben — überall, nur nicht in der kleinen Lehmhütte, die die Kinder eben verlassen hatten, die aber etwas Besseres und Heiligeres enthielt, denn in ihr wohnte der Engel des Friedens, der alle Wunden heilt und die Engel des Lebens und des Leidens versöhnt. Jankel und Jenta waren eine ganze Stunde auf den Beinen gewesen, und die Anstrengungen der Reise legten sich ihnen schwer in die Glieder; da erreichten sie die Ausläufer des Waldes, und das weiche Moos und der Sonnenschein, der auf den Blättern spielte, schien zur Ruhe einzuladen. „Wie kühl es hier ist,* sagte Jankel und warf sich ins Gras, „wir könnten uns ausruhen und zu Mittag essen." Jenta stimmte dem Vorschlage bereitwilligst bei und setzte sich neben ihn; und nachdem sie all ihren Mundvorrath verzehrt und ein klein wenig ihren Hunger gestillt hatten, streckten sie sich behaglich aus. Es war lange her, seit sie auf so weichem Lager geruht hatten. „Jenta, weck' mich nur bestimmt auf, falls ich einschlafen sollte," murmelte Jankel. „Ja," antwortete Jenta, schon halb im Schlaf, und kaum hatten sich Jankels Augen geschlossen, als auch schon die ihrigen dem Beispiele folgten. Der kalte Abendthau weckte Jankel aus seinem Schlummer. „Jenta, Jenta," rief er, „die Sonne ist schon untergegangen. Komm' schnell, bevor es ganz dunkel wird." Jenta sprang auf, suchte mit den Augen die Tageshelle und fand nichts als einen schwachen, düster-rothen Streifen, der im Westen schimmerte. Sie zitterte ein wenig. „Meinst Du nicht, dass es besser wäre, wenn wir vom Walde fort, über freies Feld giengen?" „Warum, wenn ich fragen darf?" „Weil im Walde Zigeuner oder Gespenster sein könnten." Jankel wollte sich gerade in die Brust werfen und hochmüthig von seinem Muthe und ihrer Feigheit sprechen, als sein Blick auf die immer länger werdenden Schatten fiel, und so antwortete er denn kleinlaut: „Ich glaube. Du hast recht, Jenta." Eine kleine Weile giengen sie stumm nebeneinanderher. „Wie dunkel es ist. nicht?" flüsterte Jenta. „Kann es in der Nacht hell sein?" fragte Jankel. „Aber es wird nicht lange dauern; der Mond wird gleich aufgehen." Und er unterdrückte das Zittern in seiner Stimme, bevor Jenta es bemerkte. Aber trotz Jankels Voraussage kam der Mond noch lange nicht hervor. Die kleinen Reisenden giengen — die Hände fest ineinander gelegt — eine Brombeerhecke entlang, die in der Finsternis gar nicht enden wollte. „Kennst Du wirklich den Weg?" fragte Jenta, ganz ausser Athem. „Frag' nicht so viel, komm lieber," antwortete Jankel unwirsch. Aber es war so still und unheimlich, dass Jenta doch wieder sprach, nur um ihre eigene Stimme zu hören. „Vielleicht finden wir heute doch ktdnen Vater." „Du mit Deinem Vater!" brach Jankel hervor. „Hätten wir nur ein« Grossmutter gesucht, so hätten wir vielleicht schon eine getroffen. Väter sind in den schlechten Zeiten nicht so leicht zu haben." Und Jankel gieng schneller, bis es ihm plötzlich einfiel, nachzusehen, ob es hinten so dunkel sei wie vorne. Nein — ein paar Schritte hinter ihm war ein Licht auf der Hecke. Was konnte das sein? Es war ein Mondstrahl, der durch eine Spalte in d-en Wolken gedrungen war. Eine Minute später drehte Jankel sich wieder um. Es war noch da, so nah' wie früher, vielleicht noch*näher; die Spalte hatte sich verschoben. „Warum drehst Du Dich immer so um?" fragte Jenta. „Nichts. Ich dachte —" Und dann schwieg er und blickte wieder zurück. Da war es noch, aber es sah jetzt anders aus; es nahm eine Gestalt an; es sah aus — ja, wie sah es nur aus? Jankel biss die Zähne fest zusammen, um seine Furcht zu unterdrücken. Dann drehte er sich noch einmal um, und jetzt wusste er, was es war. „Sie kommt hinter uns her," flüsterte er, und begann zu laufen. „Wer — was?" fragte Jenta zitternd. „Sie — mit dem weissen Gesicht. Lauf, lauf; wir können schneller laufen als sie." Und so liefen sie weiter, mit keuchender Brust und fliegendem Athem. Nach einigen Minuten, die ihnen Jahre schienen, sah Jankel sich wieder um und schrie laut auf. „Sie folgt uns noch immer,-1 stiess er hervor, „sie ist ganz nahe. Sie will mich fangen, damit ich das Kaddisch. für sie sage. Schneller, Jenta, schneller!" Er fasste ihre Hand krampfhaft und riss sie mit sich, bis plötzlich ein quietschender, saugender Ton hörbar und der Boden weich und schwammig wurde. „Der Sumpf, der Sumpf!" flüsterte Jenta. „Wirklich?" rief Jankel freudig. „Dann entgehen wir ihr doch; hier kann sie uns nicht folgen, sonst ertrinkt sie." Er sah sich um; das weisse Antlitz folgte noch immer; er that einen Schrei und schleppte sie stolpernd durch den weichen Morast und Schlamm. Er wusste, dass der Sumpf in den See führte; da konnten sie sich im Wasser verstecken, bis das weisse Gesicht es müde wurde, sie zu suchen. Sie müssen schon nahe sein; der Boden wird weicher und weicher; das Wasser steigt ihnen schon an die Knöchel: bald sind sie sicher. Und plötzlich schien ein grosser Wasserschlund sich vor ihnen zu öffnen; jemand packte sie an den Füssen und zog sie hinab — hinab. Und dann schloss sich die ruhige Fläche wieder und sah so unschuldig aus, als wäre nichts geschehen Jankel und Jenta fanden also doch einen Vater — denselben, der .dem Monde geboten hatte, das weisse Antlitz auf die Hecke zu malen. Spenden. Für zionistische Zwecke: Dorsche Zion, Skole. Zur Verlobung des Secretärs Moses Grossmann mit Frl. Scherr......K —.60 Fanny Oberweger, Kutty, Spielgewinnst.....,. —.60 . » .....„' —.90 Für die jüdische Turnhalle, Wien, Hessgasse 7: S. T. . ...................K 20.— Briefkasten. E. Z., jur. Müsste da und' dort Murren hervorrufen. Erinnert zu stark an gewisse Witzblätter. — Adresse? Alb. H—r., Berlin. Leider nicht geeignet. Dr. M. Goldb., Grybow. Besten Dank. Wie Sie sehen, bereits verwertet. J. Alexander, Kannover. Besten Dank. H. V., Lodz. Ad notam genommen. lgn. Wohl, Triest Besten Dank für freundl. Anregung. S- H. Leider ungeeignet. Vom Neujahr 1900 an haben wir dem Verlage „Tuschijah" in Warschau unsere Vertretung für Russland übergeben. Die demnächst zur Ausgabe gelangende Agitations- Nummer (deutsch) wird nur gegen Voreinsendung des Betrages von 30 Heller, 30 Pf., 15 Kop. abgegeben. ,D3?tMM623£ni«?T Dsnrui» 8 .-\: tsa^sn? ra^n mups isn *T2 fSHD^smpä vvx? a*n -pi-r osnasa ,-tn paa^psHix iptasoDsms isn ppaau ybrä -•■aan -impraiK s^na nwx wn -im pmmrscpr asn e-a i-7 praai: s,"r absa-isras ys?tD:j?:^as fpr ms fjyabsrmp E^sasp szbw osnt nzbbx ,fj?3inr spbbqn ix |3n;;mm;2 T^irippsmx snasaxasis