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Die Welt · 1900-02-23 · 8 (23.2.1900) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
8 (23.2.1900)
Article
Jüdische Gedanken
Date
1900-02-23
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 „Die x£ Welt* Nr.'8 Das Beste und Erhabenste, was die christliehe Menschheit besitzt, dankt >ie den Juden. Grossmüthig, herablassend dankt sie bestenfalls dafür mit einer scheinbaren — Gleichstellung. Es ist wahr, Christus litt vor nahezu zwei Jahrtausenden viel durch die Juden. Welches Schicksal würde ihm aber zutheil werden, wenn er heute mit seinen Lehren unter jene träte, die sich Christlich-Sociale nennen? * Einst giengen die Juden für ihren Glauben durch Feuer und Wasser. Ihre entarteten Abkömmlinge bleiben heute beim — Taufwasser stehen. * Das Schwerste, was eine stolze, edle Seele erdulden kann, ist die — Duldung. * Es gibt auch Christen, denen nichts so wehe thut, als dass Christus und die Propheten aus dem jüdischen Volke hervorgegangen sind. * Ironie des Schicksals: Viele verrathen sich noch als Juden, nachdem sie längst ihr Volk verrathen haben. Was hat man den Juden nicht schon alles nehmen wollen! Man bestreitet sogar, dass das Gebot: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst — im Alten Testamente zuerst ausgesprochen wurde. * Man kann mit krummen Beinen gerade Wege und mit geraden Beinen krumme Wege gehen. * Es gibt Menschen, die für ihre Ueberzeugung jedes Opfer von — anderen fordern. * So mancher ist zufällig als Jude geboren worden, während er seinen Beruf im Antisemitismus findet. * Es gibt auch Juden, die unvorsichtig in der Wahl ihrer Eltern, aber umso vorsichtiger in der Wahl ihrer — Taufpathen waren. * Jeder Jude müsste sich stets vor Augen halten: Wer nur halbe Rechte hat, der hat doppelte Pflichten zu erfüllen. * Seltsame Welt! Was würde man sagen, wenn ein schwankender Trunkenbold Lehren über Massigkeit vortrüge? Aber niemand staunt mehr, wenn er die Antisemiten als Catone auftreten sieht. Lieder eines Bekehrten. v. Und hat man auch in Fesseln Dich geschlagen . . . Und hat man auch in Fesseln Dich geschlagen, Jahrtausendlang ins Joch Dich eingezwängt, Liess man die tiefste Schmach Dich auch ertragen, Ward über Dich auch Sclavenlos verhängt — Die Seelenkraft blieb dennoch Dir erhalten Trotz Knechtung und tyrannischer Gewalten. Sie siegte über Stürme und Gefahren, Und allem Kettendrucke sprach sie Hohn, Sie trotzte kühn dem Zwange der Barbaren, Hielt wacker stand inmitten Feindesdroh'n; Und mochte auch Dein Leib im Staub sich winden, Den Geist könnt' selbst Tyrannenmacht nicht binden. Man konnte Dich bedrängen, morden, plündern, Versagen Dir das heil'ge Menschenrecht, Das Eine nur vermochte nichts zu hindern: Dein zäher Lebenstrieb wuchs ungeschwächt; Und Deine ewig glüh'nde Seelenstärke Blieb unversehrt von dem Vernichtungswerke. Was tief in Deinem Herzen bebt und zittert, Begeisterung für freies Menschenthum, Es blieb, von keiner Macht der Welt erschüttert, Als Dein unwandelbares Eigenthum; Du hast es eifersüchtig Dir gehütet, Wenn rings um Dich auch blinder Hass gewüthet. Nicht liegen Deine Ideale noch darnieder, Nicht ist gebrochen Deine Geisteskraft, Nicht sind verstummt, versiegt noch Deine Lieder, Nicht ist der frische Muth Dir noch erschlafft; Und selbst im dumpfen Kerker abgeschlossen, Sind Geisteshelden Deinem Stamm entsprossen. Ja, hinter öden, dunklen Ghettomauern, Wo nied're Leidenschaften schnöd und dreist Dich heute noch verfolgen und umlauern, Erglühte ewig hell der jüdische Geist Und strahlte in erhab'nem Ruhmeslichte, Ein leuchtend Wunder in der Weltgeschichte. Es sind Nationen spurlos schon vergangen, Entschwunden in der Zeiten ew'gem Lauf, Doch Du, mein Volk, blühst stets in neuem Prangen, Und wachest stets zu neuem Leben auf, Und selbst bedrückt, verjagt, umhergetrieben, Bist Du im Elend stark und fest geblieben! Und dass Du lebenskräftig Dich erhalten, Kühn überdauert alles Ungemach, Dass Du, zerstreut, Dich dennoch könnt'st entfalten Und Deinen Widerstand kein HemmDis brach, Dass Du trotz allem konntest fortbestehen — Nicht ohne höhern Zweck ist es geschehen. Du warst bestimmt, nach langem Wanderlose In Deine Zelte wieder einzuzieh'n, Und gleich der mythischen Jericho-Rose, Auf eig'nem Boden wieder aufzublüh'n, Auf Deiner Scholle, auf der eig'nen, freien, Dereinst iu neuem Glänze zu gedeihen! Paris, im Februar 1900. Heinrich Grünau. Brüderchen und Schwesterchen. Aus dem Englischen des Samuel Gordon. (Schluss.) „Wenn wir schon einmal gehen, könnten wir etwas Besseres suchen, als eine Grossmutter," sagte Jenta; eine neue Idee war in ihr autgestiegen. »Was denn?-4 fragte Jankel. „Einen Vater!" rief Jenta triumphierend. „Weisst Du nicht, Jankel, dass alle Väter im Dorfe starke, gesunde Männer sind, die sehr schwer arbeiten können, nicht wie die Grossmutter, die immer seufzte und stöhnte, wenn sie ein bisschen waschen musste? Und darum verdienen sie viel Geld, und ihre Kinder sind immer satt. Meinst Du nicht auch, dass es besser wäre, einen Vater zu verlangen?" „Gewiss!* rief Jankel freudig; er vergass beinahe, dass er sie hintergieng, so herzlich war seine Zustimmung. „Komm', wir gehen gleich, es sind nur zweitausend Meilen bis zur nächsten Stadt, das gehen wir in ein paar Stunden. Wir werden gerade zum Abendessen hinkommen." „Kennst Du den Weg, Jankel?" „Natürlich — immer den Wald entlang," antwortete Jankel mit grosser Zuversicht. „Und jetzt wollen wir sehen, was wir mitnehmen können." Er stöberte im Kasten und fand eine Brotrinde und ein Stückchen Käse, beides hart wie Stein. Dann traten sie

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