Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-02-23 · 8 (23.2.1900) · p. 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
8 (23.2.1900)
Article
Wien [Nachricht]
Date
1900-02-23
Page
13 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315860--18095-3367045
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 8 ,Die 2$ Welt« Seite 13 das jüdische Volk seinen theuren Todten verdiente Ehren niemals vorenthält. Frl. Amalie Gelbtuch, die Präsidentin der „Hadassa", hatte zu Beginn der Versammlung die Erschienenen mit einigen herzlichen Worten begrüsst und das Interesse für den Verein erbeten. Hoffentlich sind ihre Worte auf fruchtbaren Boden gefallen. Zeitschriftenrundschau. In der amerikanischen Stadt Cleveland erscheint seit kurzem eine neue zionistische Jargonzeitung: „Oer jüdische Anzeiger". Als Herausgeber zeichnet unser Gesinnungsgenosse Mr. Josua Roker, der sich um die zionistische Propaganda in Amerika grosse Verdienste erworben hat. Wir wünschen dem Blatte besten Erfolg. Die uns vorliegende zweite Nummer der „jüdischen Volksstimme", des in Brünn erscheinenden Organes der jüdischen Arbeiter und Handelsangestellten weist einen reichen Inhalt auf. Besondere Beachtung verdient der Leitartikel, der der ausgezeichneten Feder unseres Gesinnungsgenossen Berthold Feiwel entstammt. Die Februar-Nummer des officiellen Organes der englischen Federation, „Messenger of Zion", bringt eine wohlgelungene Photographie von Sir Francis Montefiore, einen Artikel aus der Feder unseres ausgezeichneten Gesinnungsgenossen Joseph C o w e n und einen „Zionistischen Katechismus" vn J. de H a a s. Im „New-Yorker Journal" nimmt Rev. Dr. Gustav Gottheil das Wort in der Judenfrage und bemerkt unter anderem: „Es ist zweifellos, dass die zionistische Bewegung eine Antwort auf den Versuch der Antisemiten ist, die den Fortschritt aufhalten und die Volksmeinungen vergiften wollen. Ebenso kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die grösste Action, die jemals die Juden der ganzen Welt beschäftigt hat, der Zionismus ist." In Nr. 14 des Mainzer „Israelit" tritt Herr Ahron Eliasberg einem Artikel dieses Blattes entgegen, in welchem der Zionismus vom orthodoxen Standpunkte aus bekämpft wird. Namentlich gegen die so oft widerlegte Behauptung wendet sich Herr Eliasberg, als würde der Zionismus das religiöse Gefühl der Massen untergraben. Die leitenden amerikanischen Tagesblätter befleissen sich, ihre Leser über die zionistische Bewegung auf dem Laufenden zu halten. So finden wir in einer Nummer der „Chicago Tribüne" eine Notiz aus der Feder unseres wackeren Gesinnungsgenossen Leon Zolotkoff, in der sich derselbe über die palästinensischen Colonien und den Zionismus ausspricht. Das Breslauer „Jüdische Volksblatt" meint in einer Betrachtung über das abgeschlossene Jahrhundert, dass die auf eine Wiedererweckung des jüdischen Volkes hinzielenden Bemühungen einen Erfolg noch nicht aufweisen, und drückt den Wunsch aus, es möge das kommende Jahrhundert uns bringen, was uns bis jetzt noch fehlt, namentlich Einigkeit, um unseren Feinden entgegentreten zu können. Der in San Francisco erscheinende „Hebrew", ein durchaus farbloses Wochenblatt,-schreibt in seiner Nummer vom 5. Jänner mit Bezug auf Professor Gottheils Artikel im „Century Review": „Professor Gottheil, obgleich der Sohn eines bekannten Reformrabbiners, ist doch merkwürdigerweise ein glühender Verfechter des Zionismus. Er beschreibt die religiöse Emancipation der Juden durch Moses Mendelssohn, sowie ihre politische Gleichstellung durch Napoleon I. Aber seltsamerweise spricht er nichts von der reactionären Bewegung, welche die Emancipation zum Gespött gemacht hat." In einem vorzüglichen Leitartikel aus der Feder unseres Gesinnungsgenossen A. Rokeach tritt „L'Echo Sioniste" jenen entgegen, die dem politischen Zionismus crassen Materialismus vorwerfen. Allerdings wollen wir zuerst bessere wirtschaftliche Verhältnisse schaffen, namentlich den Juden in Russland, Rumänien und Galizien. Aber dass wir auch das geistige Niveau heben, den jüdischen Geist wieder wachrufen wollen, darüber liegen Beweise genug vor. In der gleichen Nummer spricht sich ein Correspondent über die Wendung in der Administration der Rothschild'schen Colonien in Palästina aus. Die letzte Nummer der „Ungarischen Wochenschrift" enthält einen beachtenswerten Artikel über die Frage: „Gibt es einen Antisemitismus in Ungarn?" Die Frage werde durch nichts besser beantwortet, als durch das Anwachsen des Zionismus in Ungarn, wovon jeder Tag neue Beweise Liefert. Bücherwelt. TrtPP Zionslieder von verschiedenen Dichtern. I. Bändchen. Warschau 1899. (Ausgabe der B'nei Zion in Bialystok,) Eine kleine Auswahl von einigen schönen hebräischen Ziönsliedern. Einige darunter sind wirklicn sangbar, wie „Die Hoffnung" und „Mischmar Hajarden" von N. H. Imber und „Der ewige Fremdling" von Josef Masol. Es liesse sich darüber freilich noch discutieren, ob die hebräische Sprache, die wir noch nicht mit der Muttermilch eingesogen haben, schon das echte Naturgewand für Volkslieder sei, aber eine ideale That bekritteln, heisst, sie verkennen. Und die That ist ideal und doppelt löblich. Sie will einerseits die hebräischen Lieder durch den begeisternden Zionsgedanken im Volke einbürgen, andererseits diesem Gedanken durch die Lieder die nationale Weihe verleihen und ihm den Weg in die Hütten und in die Herzen bahnen. Darum wünschen wir diesem Bändchen, dass es ins Volk ziehe und ein Wecker für die Schläfer werde. j. b. Feuilleton. Jüdische Gedanken. Von Max Rotter. IL Die Juden klagen, dass man ihnen Unrecht thut. Und doch sagen ihre Feinde, mögen die Juden was immer erfahren: es geschieht ihnen recht. Das letzte, was die Völker thun, wenn sie fortschrittlich gesinnt sind, ist, dass sie den Juden die Gleichstellung geben. Das erste was sie thun, sobald sie wieder reactionär denken, ist, dass sie an der Emancipation der Juden rütteln. Heute ist die Kirche principiell gegen die Feuerbestattung. Sie dachte nicht immer so hinsichtlich der Juden — nämlich der lebenden. Der Stolz der vornehmsten Adelsgeschlechter ist es, dass ihre Ahnen zur Zeit der Kreuzzüge in Jerusalem waren. Die Juden waren aber schon früher dort. Viele verzeihen den Juden ihre Vorzüge noch weniger als ihre Fehler. Die Massigkeit der Juden hat ihnen auch schon masslose Vorwürfe zugezogen. Es wäre gar nicht unbegreiflich, wenn die Juden eine grosse Achtung vor dem Gelde hätten. Sehen sie doch, wie selbst die ärgsten Feinde der Juden vor deren Geld sich beugen. Nennt man die Juden vielleicht darum das Volk Gottes, weil die Menschen so wenig von ihnen wissen wollen? Man fragt, woher es kommt, dass die Juden auf eine Frage mit einer Frage zu antworten pflegen. War denn nicht fast zu allen Zeiten ihre ganze Existenz eine grosse, bange Frage? Ja, die Juden waren, wie ihre Feinde spöttisch sagen, ein Volk von Hausierern. Aber die Ware, mit der sie durch die Welt zogen, war: Gotteserkenntnis, Wahrheit, Humanität. Auch die flammenden Scheiterhaufen verbreiteten Licht Aber es gibt auch ein grelles Licht, das nicht jeder verträgt. Der Jade ist der arme, gehetzte Wanderer. Und die anderen sind — müde, ihn zu sehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.