Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 8 (23.2.1900)
- Article
- Die Juden und die Kalmücken
- Date
- 1900-02-23
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 ,Die 2£ Welt' Fr. 8* Alexander I. die Verfügung, da^s der genannte Ukas nicht öffentlich im ganzen Reiche verlautbart und auch nicht dem Gesetzescodex einverleibt werde. — Es ist schade, dass über die Folgen des Ukas nichts bekannt geworden ist. Dieser selbst wurde erst vor kurzem im Regierungsarchiv zu St. Petersburg aufgefunden. Jüdische Taubstummenanstalt. In Odessa hat der Wohlthäter J. Kahan eine Schule für Taubstumme beider Geschlechter gegründet. Nachdem alle Stifter nur Juden sind, hat die Regierung erlaubt, dass in dieser Schule nur Schüler mosaischer Religion aufgenommen werden. Eine moderne Arche Noahs. Ein Bewohner von N e w- Häven will von Gott die Offenbarung erhalten haben, dass die Bewohner der Vereinigten Staaten, sowie die ganze übrige Menschheit für ihre Verbrechen und ihre Gottlosigkeit durch eine Sündflut werden bestraft werden. Zugleich hat ihm der Herr befohlen, er solle für sich und etwa 20 andere Personen eine Arche bauen. Anfangs, so erzählt die „Fronde", gedachte der Brave, ein Schiff nach dem Muster der Arche Noahs zu bauen, aber nach reiflicher Ueberlegung zog er es vor, ihm die Form einer modernen Yacht zu geben. So wird er auf dem Gipfel eines Hügels in der Nähe von Now-Haven in seiner Yacht die Sündflut erwarten, die nach seiner festen Ueberzeugung nächsten Sommer eintreten wird. Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien. (Purim-Feiern.) Für Purim sind von den zionistischen Organisationen Wiens bis jetzt zwei grössere Festlichkeiten geplant: vom Vereine ,M ariahilf- Neubau" und „Fünfhaus" eine „Akademie mit Tanzkränzchen" im „Hotel Savoy" (Englischer Hof) am Purim- Vorabend (14. März), und vom Einzelverein „W i e n" ein Costümfest (ohne Costümzwang) mit Purimspiel und anderen humoristischen Aufführungen, Gruppen etc. am Purim-Abend (15. März), im Festsaale des „Bayrischen Hof". Wegen des Karten-Vorverkaufes zu letzterer Festlichkeit wird in unserer nächsten Nummer das Nähere bekanntgegeben werden. — Der 3. Vergnügungsabend des Einzelver^ines „Wien" des „Zion" findet S a m s t a g den 3. März in den Sälen des Restaurants Binder, Grosse Pfarrgasse 7, statt. Für ein abwechslungsreiches Programm ist Sorge getragen. Prag. Der „Jüdische Volksverein" veranstaltete Sonntag den 4. d. M. im grossen Saale der Produktenbörse einen Debattenabend, zu dem sich ein zahlreiches Publicum eingefunden hatte. Herr Dr. L. Kahn aus Wien sprach über „Zionismus und Nationaljudenthum" und betonte, dass der Zionismus nicht nur für die unterdrückten östlichen, sondern auch für die westlichen Juden seine Berechtigung habe, wie dies die Vorfälle in Wsetin, Holleschau etc. beweisen. In einem jüdischen Gemeinwesen würde auch eine nichtjüdische Minorität Gleichberechtigung finden, wie sie schon im alten Judenstaate herrschte. Dazumal participierten die Fremden an den Armen Unterstützungen genau so wie die Einheimischen, nur Liebe und Duldsamkeit schrieb das Gesetz vor. Man könne ein guter Staatsbürger seines Geburtslandes bleiben, wenn man auch pietätvoll der alten Urheimat gedenke. — Nach dem zweistündigen Vortrage des Redners, der oft durch stürmischen Applaus unterbrochen wurde, begann die Debatte, die sich theilweise sehr erregt gestaltete; doch wurde die Ruhe nicht gestört Lebhaft acclamiert wurde die Gattin des Vortragenden, die Präsidentin des Wiener zionistischen Frauenvereines, die an die Frauen eine warmempfundane Ansprache richtete. Lebhaften Widerspruch erregte der Socialist Gehorsam und einige seiner Gesinnungsgenossen. Die socialistischen Redner wurden wiederholt zur Ordnung gerufen. Nach Mitternacht erfolgte Schluss der Debatte, worauf Herr Dr. Kahn seine Ansichten in einem Schlussworte zusammenfasste. Lemberg. Die Notare Galiziens und der Bukowina haben jetzt den Verdacht, als seien sie nicht gediegen antisemitisch, von sich abgewälzt. Was man früher bloss vermuthete, ist jetzt verbürgte, notarielle Gewissheit. Bekanntlich werden Reformen des ausserstreitigen Verfahrens, sowie die Verstaatlichung des Notariats geplant Diese, die vitalsten Interessen des bisher unabhängigen Notaren Standes berührenden Reformen veranlassten die galizischen und Bukowinaer Notare zur Stellungnahme, die nebst sachlichen Gründen auch antisemitische Gesinnung zutage förderte. Die Galizischen und Bukowinaer Notariatskammern fassten nämlich einen ßeschluss, demzufolge eine Deputation der erwähnten Kammern noch im Laufe dieser Woche nach Wien sich zu begeben hat, um an massgebender Stelle unter anderem „dem Gutachten der Notare dahin Ausdruck zu geben, dass sie die Verstaatlichung des Notariats für die Gesellschaft infolge Socialisierung derselben durch Aufr hebung und Bureaukratisierung einer selbständigen demokratischen Institution für schädlich halten, einer Institution, die eine zahlreiche Schar unabhängiger, in der Gesellschaft eine hervorragende Stellung einnehmender Bürger umfasst, die der Gesammthheit nicht nur auf dem Fachgebiete, sondern auf allen Gebieten der bürgerlichen Bethätigung Dienste leisten, und anschliessend hieran die Unangemessenheit und Gefahr der Anwendung des deutschen Musters in unseren eigentümlichen (galizischen) Verhältnissen hervorzuheben, nämlich der Verbindung der Advocatur mit dem Notariate, wodurch diese letztere par excellence nalionale und demokratische Institution, welche bisher mit Erfolg die Invasion fremder Elemente abgewehrt hat nunmehr ihnen zur Beute fallen und das allgemeine Vertrauen verlieren würde." Die notarielle Diplomatie ist nicht allzu fein gesponnen, es ist demnach nicht viel Geistesschärfe nöthig, um zu wissen, dass unter fremden Elementen Juden gemeint sind. Weit ist es bereits gekommen, wenn eine Gruppe von Staatsbeamten, ein Zweig der Justiz, es wagt oder wagen kann, solch niedriger Mittel sich zu bedienen, als eine ganze Nation anzuschwärzen und als schädliches Element hinzustellen, nur um eine staatliche Institution, die reichlichen Nutzen bringt, nicht aus den Händen zu lassen. Die Juden werden von den Herren Notaren Galiziens und Bukowinas sogar als Trumpf ausgespielt, denn wo Argumente nicht hinreichen, muss eben der arme Jude herhalten. Die jüngsten officiellen Antisemiten machen sich daran, den massgebenden Factoren die Augen zu öffnen, wohin das führen könnte, wenn in die geheiligte Notarendomäne ein Unberufener (Jude) eindringen würde. — Die sich national und patriotisch geberdenden Herren Notare haben sich an das probate polnische Sprichwort gehalten: „Nicht ehrenhaft zwar, aber gesund!" Dr. M. G. England. London. Bei einer zionistischen Versammlung in Swansea wurde versucht, die Stimmung zugunsten der „Chovevi Zion" zu beeinflussen. Die Herren hatten aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Mit 200 gegen 6 Stimmen beschloss die Versammlung, sich der „Federation0 anzuschliessen. — Auch in Pontypridd ist ein Verein ins Leben gerufen worden. Endlich wird nächste Woche in Merthyr ein zionistischer Verein gegründet worden und damit in ganz Wales in jeder Gemeinde die „Federation" vertreten sein. J. de H. Afrika. Capstadt Ueber die Ehrung, welche die Capstädter Zionisten dem Col. Goldsmid zutheil werden Hessen, erfahren wir des Näheren: Bei einer Versammlung des „Dorschei Zion" wurde beschlossen, Oberst Goldsmid zu bewillkommnen, und wurde Mr. Abraham Jacobs mit dieser Mission betraut. Colonel Goldsmid war ob dieser Aufmerksamkeit hocherfreut. Er empfieng Mr. Jacobs an Bord des „Dunottar Castle" und dankte demselben herzlichst für den Willkommsgruss. — Es wurde eine Adresse beschlossen, die unserem ausgezeichneten Gesinnungsgenossen bei seiner hoffentlich glücklichen Rückkehr überreicht werden soll.