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Die Welt · 1900-02-23 · 8 (23.2.1900) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
8 (23.2.1900)
Article
Magyarisches
Date
1900-02-23
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 8 ,Die 2$ Welt'* Seite 9 und auch einige seiner Privatgedanken mitgetheilt. Er erklärte privatim, dass die Hauptursache des Elends der Ruthenen die Einwanderung der galizischen Juden sei, welche das Volk aussaugen. Redner bestreitet, dass die galizischen Juden wirklich der jüdischen Rasse angehören. Das seien nicht Juden, sondern chazarische Renegaten, welche später Juden geworden sind. Es ist das ein muthiger tollkühner, fast wilder Volksschlag, gewaltthätig und schlau, der sich von den vaterländischen Judnn wesentlich unterscheidet. Redner sei kein Philosemit (Abgeordneter Emund Barta: Das sehen wir!), aber er bewundere den Verstand und den Fleiss der Juden. Der riesige Geschäftsgeist der Juden, der den Handel so sehr fördert, sei trotzdem gefährlich, wenn sich erstens die Judenheit nicht magyarisiert, und wenn zweitens der Einwanderung aus Galizien kein Damm gesetzt wird. Redner wünscht die Wiederherstellung des rituellen Eides, eine strenge Bewachung der Grenze, eine Reform des Schankrechts etc. Woher stammt der Ausdruck „Ghetto"? In einer italienischen Revue wird diese Frage erörtert, und der betreffende Artikelschreiber kommt zu folgendem Resultat: Im Mittelalter durften bekanntlich in Venedig keine Juden wohnen. Im Jahre 1516 hat nun die Republik dieses Verbot rückgängig gemacht und den Juden gestattet, sich auf den zwei kleinen Inseln, die zur Republik gehörten, ansässig zu machen und in den dort befindlichen Giessereien Arbeit anzunehmen. Diese Giessereien wurden „ghettore" genannt, und darauf ist es auch zurückzuführen, dass später die Bezeichnung „Ghetto" für ein von Juden bewohntes Viertel allgemein gebräuchlich wurde. Jargonauffahrungen in Budapest. Seit der Zeit, wo die Goldfa den'sche Oper .Sulamith" in einer ungarischen Uebertragung an einem Budapester Theater aufgeführt wurde, beginnt sich das Theaterpublicum von Budapest für das Jargon-Theater zu interessieren. Diesem Umstände Rechnung tragend, hat nun das Budapester „Etablissement Somossy" eine aus 40 Köpfen bestehende galizische Jargontruppe engagiert, die allabendlich vor ausverkauftem Hause Stücke von Goldfaden, Auerbach, Mogu- 1 e s c u u. a. in der Originalsprache aufführt. Der Leiter der Truppe ist der in Galizien bekannte Director W e i n b e r g, ihr Kapellmeister der berühmte Cellist Wolfsthal. Für die nächste Zeit stehen folgende Stücke am Repertoire: „Bar-Kochba", „Die Tochter Jerusalems", „Josef in Aegypten" etc. Drumont in Amerika. Wie amerikanische Blätter berichten, hat der bekannte französische Antisemitenführer Edouard Drumont seinen amerikanischen Freunden mitgetheilt, dass er sich mit der Absicht trage, demnächst nach Amerika zu reisen, wo er in verschiedenen Städten Vorträge über ,den verderblichen Einfluss des Judenthums" halten will. Afrikanisches. Die Correspondenten des Centralcomites der „Alliance Israelite" theilen eine ganze Anzahl der schrecklichsten Attentate mit, die an den Israeliten in Marokko begangen wurden. Folgender schrecklicher Fall ereignete sich vor kurzem bei Quazzan, einer Stadt von 20.000 Einwohnern, drei Tagereisen von Tanger entfernt. In einer der Stadt benachbarten Gegend, in Mzguilda — am selben Ort, wo vor mehreren Jahren drei Israeliten ermordet worden waren — wurden fünf Israeliten, von denen drei Brüder waren, Hausierer von Beruf, von Arabern überfallen und getödtet. Der Grund des Mordes ist offenbar Raubgier. Der Schrecken, den dieser Mord in Quazzan verbreitet, ist gross. Die unglücklichen Juden dieser Stadt, die meist Hausierer sind, wagen nicht mehr ihr Viertel zu verlassen, aus Furcht vor demselben Schicksale, dem ihre Glaubensgenossen erlegen sind; sie sind buchstäblich in dem Mellah eingeschlossen. Die Junta, von ihrer Lage benachrichtigt, hat versucht, durch ein Gesuch an Sidi Mohammed Torres, Minister der auswärtigen Angelegenheiten des Sultans, Hilfe zu schaffen und durch Bestrafung des geistigen Urhebers der Mordthat Gerechtigkeit walten zu lassen. Aber Sidi Mohammed Torres hat erklärt, er sei wehrlos gegen die Mörder von Mzguilda. Das Centralcomite seinerseits hat die Aufmerksamkeit des Ministers von Frankreich in Tanger angerufen und gebeten, zugunsten der Israeliten seinen Einfluss geltend zu machen. Die Juden und die Kalmücken. So lautet der Titel eines Vortrages, den der St. Petersburger Rechtsanwalt J. Hei 1p e r n in der letzten öffentlichen Versammlung des „Vereines zur Verbreitung von Bildung unter den Juden Russlands" hielt. Der Vortrag behandelte ein überaus interessantes Capitel aus der Geschichte der sibirischen Juden im ersten Viertel des abgelaufenen Jahrhunderts. Ausgehend von den ersten jüdischen Ansiedelungen in Moskau, die ins 16. Jahrhundert zurückgehen, kam der Vortragende auf das Decret des Czaren Alexei Michail owitsch (1645—1676) zu sprechen, welches die Verbannung aller im deutschen Viertel von Moskau wohnhaften Juden nach Sibirien anordnete. Der Grund dieser kaiserlichen Verordnung lässt sich heute nicht mehr ermitteln. Dass dieselbe aber durchgeführt worden ist, geht daraus hervor, dass dem betreffenden kaiserlichen Handschreiben, welches im Archiv des Justizministeriums in Moskau aufbewahrt wird, eine Meldung der sibirischen Ortsvorstände beigefügt ist, die von der erfolgten Ankunft der verbannten Juden Kunde gibt. Demzufolge ist der Vortragende der Ansicht, dass die erste Ansiedelung der Juden in Sibirien vom ersten Viertel des 17. Jahrhunderts datiert. Den sibirischen Juden gieng es viel besser als ihren Brüdern im europäischen Russland, und sie waren, wie der Vortragende nachwies, politisch den anderen Bewohnern des Landes vollkommen gleichgestellt. Indes litten sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter einem Uebelstande ganz eigener Art. Es machte sich um diese Zeit ein Mangel an — Frauen unter ihnen bemerkbar. Im Laufe der Jahre hatte sich nämlich ein auf die Dauer unhaltbares Zahlenverhältnis zwischen den beiden Geschlechtern herausgebildet, dergestalt, dass die Zahl der Männer die der Frauen um ein Vielfaches überstieg. Die sibirischen Juden versuchten daher zu wiederholtenmalen, Juden aus anderen Theilen des russischen Reiches zur Uebersiedelung nach Sibirien zu bewegen, doch schlugen diese Bemühungen jedesmal fehl. In dieser kritischen Lage wandten sich die Juden der Stadt K a i n s k (Gouv. Tomsk) an ihren Gouverneur mit der Bitte, dieser möge ihnen bei der Regierung die Erlaubnis erwirken, gleich den anderen Bewohnern von Sibirien ..kalmükische Frauen heidnischer Religion gegen Landesproducte einzutauschen oder für Geld käuflich an sich zu bringen, sie zur hebräischen Religion zu bekehren und sodann als Ehefrauen heimzuführen". In ihrer Bittschrift legten die Kainsker Juden ausführlich die unleidlichen Umstände dar, die sie bewogen hatten, eine so absonderliche Bitte zu stellen. Der Gouverneur von Tomsk leitete das Gesuch mit einem warmen Fürwort an die sibirische Section, und diese beschloss denn auch mit 10 Stimmen gegen 5, dem Ansuchen der Juden Folge zu geben. Allein die Minorität der Section wusste es durchzusetzen, dass diese Entscheidung dem Czar Alexander I. zur Ueberprüfung unterbreitet ward. Die Entscheidung des Czaren fiel für die Bittsteller wider alles Erwarten äusserst günstig aus, indem Alexander I. in einem Ukas vom 12. April 1817 nicht nur den Kainsker Juden, sondern „allen Hebräern der Provinz Sibirien" gestattete, „kalmükische Sclavinnen, die aus dem Auslande gebracht werden und keiner christlichen Confession angehören, zum Judenthum zu bekehren und sie hernach zu ehelichen.^ Um die zahlreichen Gegner dieser kaiserlichen Verordnung einigermassen zu beschwichtigen, traf der C/.nr

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