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Die Welt · 1900-02-23 · 8 (23.2.1900) · p. 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
8 (23.2.1900)
Article
Berliner Brief
Date
1900-02-23
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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•Nr. 8 ,Die & Welt" Seite 7 sie wohl bisher einzig als Privileg des niederösterreichischen Landtages galten. Schreien und Toben, grobe Beleidigungen im Saale, auf den Tribünen lebhafte Aufregung, bis schliesslich die Sitzung suspendiert und die Tribünen geräumt werden mussten. Nach Wiedereröffnung der"Sitzung wurde mit acht gegen sieben Stimmen ein Misstrauensvotum gegen die Deputation beschlossen, das diese hoffentlich nicht allzu sehr drücken wird. Ob sich wohl die Mehrheit überlegt hat, dass sie sich mit ihrem Beschlüsse eigentlich auf unseren nationalen Standpunkt stellte? Denn wenn man von der Religion soweit abstrahieren kann, dass man sie für unsere Kinder für entbehrlich hält — was gibt denn dann eigentlich der Gemeinde ihr Mandat, verleiht ihr die Berechtigung zum Zusammenschlüsse? Wir bitten um Antwort! Es ist merkwürdig, wie schwer es ist, Vorurtheile aus sonst klaren Köpfen zu beseitigen. Im Münchener Vereine für Jüdische Geschichte hielt Dr. Holländer einen Vortrag, in dem er den Zionismus für eine edle, wenn auch undurchführbare Bewegung erklärte, aber betonte, er zerreisse das Band der Reilgiön. Und das, nachdem ganze Scharen von Rabbinern an unseren Congressen theilgenommen haben. Wi« soll man da die Massen aufklären! Und was hier bona fide geschieht, das wird offenbar mala fide im „Israelit* ausgesponnen. Jüngst leistete sich dieses heilige Blatt einen Aufsatz über unsere Bewegung, der eigentlich eingerahmt werden müsste. Die Behauptung, wir seien Feinde der Religion, leitet über zu der Entdeckung, dass wir eigentlich enragierte Assimilanten seien, die nur aus der Noth eine Tugend machen, um den antisemitischen Angriffen zu entgehen und fahnenflüchtig zu werden. Wie wahr! Nur ist der „Israelit" nicht ausreichend informiert. Er weiss nicht, dass wir überhaupt gar keine Juden, sondern christliche Antisemiten sind, die unter falschem Deckmantel das Judenthum aus Deutschland beseitigen wollen. In Berlin hat sich unlängst ein jüdischer Frauenverein .National" gebildet, der sich zum Ziel gesetzt hat: den jüdischen Nationalgedanken zu vertreten, das jüdische Selbstbewusstsein zu heben, die hebräische Sprache als modern zu pflegen, die jüdischen Frauen mit der jüdischen Geschichte und Literatur bekannt zu machen. Zur Eröffnung waren mehr als 300 Personen erschienen, etwa 70 Damen traten dem Vereine sogleich bei, so dass er lebensfähig sein dürfte. Die hier zur Verwertung von Producten der palästinensischen Colonien gegründete Importgesellschaft „Palästina" nimmt fortgesetzt eine günstige Entwicklung. In Hamburg ist für den en gros-Verkauf des Weines eine Kellerei im Freihafengebiete errichtet worden, welche nur jüdische Arbeiter beschäftigt. Der Wein findet fortgesetzt guten Absatz und wird sich hoffentlich einen dauernden Abnehmerkreis erringen. Auch der deutsche Colonisationsverein „Esra" zeigt ein erhebliches Wachsthum, so dass der Jahresabschluss ein sehr erfreulicher werden dürfte. Die im Anschluss an die vorjährige Palästina-Ausstellung in Frankfurt a. M. unternommenen Werbungen haben in Süddeutschland die palästinensische Sache in grossem Massstabe gefördert. Leider fehlt es unserer Sache überall an agitatorisch fähigen Kräften. Hoffen wir, dass die Scharen derer, die heute die Universitäten besuchen, in wenigen Jahren das zum Wohle unserer Sache verwerten, was sie heute so begeistert in sich aufnehmen und verarbeiten. F. Die Frauen im Zionismus. New -York, Jänner. Die Leser — vor allen Dingen die Leserinnen der „Welt" haben vor einigen Wochen von der Rede Kenntnis erhalten, die unsere Vorkämpferin Frau Professor Gottheil gelegentlich des Ff auencongresses in Philadelphia an ihre Mitschwestern gerichtet hatte. Leider herrscht in den Kreisen der jüdischen Frauen- und Mädchenvereine noch vielfache Unklarheit darüber, in welcher Art und Weise sie sich innerhalb der zionistischen Bewegung bethätigen können und sollen. Der Zweck dieser Zeilen ist, ein Bild zu geben von unserer Thätigkeit in der grossen Metropole der Neuen Welt. Vielleicht können andere Städte von uns lernen. In New-York existieren 5 Frauen- und Mädchenvereine, deren Zweck speciell die' Propagierung d*r zionistischen Idee ist. Aber sie beschäftigen 'sich auch mit jüdischer Geschichte und Literatur. Man versammelt sich einmal wöchentlich, und ausserdem findet allmonatlich eine grössere öffentliche Versammlung statt. Dort wird dann über den Zionismus discutiert. Auch finden hie und da Zusammenkünfte in Privatzirkeln statt, so z. B. dieser Tage in der Behausung von Frau Professor Gottheil, für Damen, die in der Oberen Stadt wohnen. Der liebenswürdigen Hauswirtin assistierte unser unermüdlicher Stephen S. W i s e, der über „Zweck und Ziel des Zionismus", sowie über den III. Baseler Congress die Anwesenden belehrte. Der Erfolg war ein vorzüglicher: 33neue Mitglieder waren dem zionistischen Frauenvereine gewonnen. Ausserdem aber bildete sich ein Verein von jungen Leuten, der schon demnächst seine constituierende Versammlung haiton wird. Es ist sehr bedauerlich, dass wir über relativ wenige Redner verfügen, die Zeit genug haben, sich unserer Sache zu widmen. Denn wo die Gelegenheit zu einer Darlegung des Zionismus sich bietet, haben wir gewonnenes Spiel. Aber die ganze Arbeit in New-York ruht auf Professor und Madame G o 11 h e i 1 und Stephen S. W i s e. Soweit es ihre Zeit erlaubt, widmet sich auch unsere unermüdliche Vorkämpferin Frl. Leon der Propaganda, namentlich in der Unteren Stadt. Eine hochinteressante Versammlung fand am 13. Jänner in Brooklyn statt, wo sich je ein Verein junger Leute und junger Damen gebildet hatte. Mrs. Gottheil und Stephen S. Wise sprachen über die Bewegung, und eine der jungen Damen, Miss Gertrud Groden, sprach über das, was der Zionismus schon für die Jugend geleistet, indem er in ihr das Interesse für das Judenthum wieder geweckt hat. Namentlich im Hause müsse der Anfang gemacht werden. Einer der jungen Leute, Sam. Weinstein, trug ein selbstverfasstes zionistisches Gedicht vor, Wir hegen den Wunsch, es möge unser Beispiel in allen jüdischen Gemeinden Nachahmer finden, namentlich bei unseren Glaubensschwestern, denen ja die innere Arbeit der zionistischen Propaganda übertragen worden. Lemberger Brief. Ein Freundschaftsbund. Einem geistreichen und gefühlvollen Worte der frommen Betschwester des Krakauer Felicianerinnen-Klosters zufolge wird die Michalina A raten ihre kranke, nach dem Kinde sich sehnende Mutter erst „im Himmel wiedersehen", die zarten Herzen des edlen Judenführers Dr. Emil Byk und des nicht minder edlen galizischen Jesuiten-und Antisemitenhäuptlings Prof. Thullie jedoch haben sich bereits hier auf Erden vereinigt. In den ersten Tagen des Monates März nämlich findet in Lemberg die Ersatzwahl für das mit dem Ableben Smolkas erledigte galizische Landtags-Mandat statt. Bis heute pflegte die Landeshauptstadt Galiziens vorwiegend demokratisch zu wählen. Gegenwärtig jedoch, da der A n t i- und in seiner letzten Phase der Asemitismus in Galizien täglich weitere und tiefere Wurzel fasst, ist es kein Wunder, dass die Katholische Nationalpartei in alle legislativen Körperschaften ihre Leute zu entsenden und mit deren Hilfe einen massgebenden Einfluss

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