Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 8 (23.2.1900)
- Article
- Ein Gesuch
- Date
- 1900-02-23
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315860-3366883--18013-3367038- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 „Die & Welt?* Nr. 8 tragen. Ein paar unbestrafte Excedenten mehr oder weniger, darauf kommt es nicht an. Feuergefährlich. Wie erinnerlich, wurde bei den Holleschauer Judenexcessen auch der Laden des Brantweinfabrikanten A. Grätzer ausgeraubt und in Brand gesteckt. Das Haus, in welchem Grätzer sein Geschäft betreibt,, ist Eigenthum des Grafen Rudolf Wrbna, Grätzer hat mit dem Grafen einen Pachtvertrag bis zum Jahre 1905. Nach den Excessen hat plötzlich Graf Wrbna den Grätzer ersucht, die Siebensachen zu packen und das gräfliche Haus zu verlassen. Ein jüdischer Laden übe auf die Pöbelmassen eine, allzu starke Anziehungskraft aus, und er, der Graf, sei nichtgeneigt, sein Haus jeden Augenblick anzünden oder in die Luft sprengen zu lassen. Grätzer strengte nun unter Berufung auf seinen Pachtvertrag gegen den Grafen eine Klage an, und Graf Wrbna wurde zur Anerkennung des Pachtverhältnisses bis zum Jahre 1905 verurtheilt. Die Angelegenheit ist ein netter Beitrag zum Capitel „Juden hinaus!" Der Jude bildet für jedes Haus, das er bewohnt, eine eminente Gefahr, er ist ein feuergefährliches Object, welches imstande ist, ganze Gebäudecomplexe in Brand zu setzen. Er sollte eigentlich wie die Benzinfläschchen mit einer Etikette versehen werden: „Achtung! Feuergefährlich!" Bei der Gerichtsverhandlung führte der Vertreter des Grafen Wrbna. aus, der Gemeinderath von Holleschau habe einhellig den Beschluss gefasst, das „Brantweinhaus" aus der Stadt zu entfernen, und eine Abordnung habe dem Grafen diesen Beschluss bekanntgegeben. Man sieht, die Judenfrage nimmt eine ungeahnte Wendung. Die Nichtjuden wollen den Juden nicht in ihrer Mitte dulden, weil sie die Gewohnheit haben, ihm das Haus über dem Kopfe anzuzünden. Der Gedankengang des Holleschauer Gemeinderathes ist folgender: „Die Bürger dieser Stadt können nicht umhin, jüdische Läden in Brand zu stecken. Da sich die Feuersbrunst aber nicht immer auf das Eigenthum der Juden beschränkt, sondern sehr leicht nichtjüdisches Gut erlassen kann, so jagen wir die Juden aus unserer Stadt hinaus. Die Juden bilden für uns eine ständige Versuchung zu Brandstiftung, also hinaus mit den Juden! Wenn eine Stadtvertretung den Beschluss fasste, alle wohlhabenden Bürger sollen die Stadt verlassen, damit die Armen nicht in Versuchung kommen, Diebstähle zu begehen, so würde man die Herren Stadtväter sammt und sonders auf das Beobachtungszimmer einer psychiatrischen Klinik bringen. Den Beschluss des Holleschauer Gemeinderathes hat die gesammte inländische Presse ohne die geringste Randglosse abgedruckt. Sabbath in der Fremde. Durch meine Seele zieht die Einsamkeit. Mir wird so kalt. Weithin dehnt sich der mächtige Wald — Die Blätter beben ihr Abendlied .. Ich bin auch so müd. Durch meine Seele zieht die Einsamkeit. Ein Frösteln fliegt durch meine Glieder — War' ich daheim erst wieder! Lockender Glocken Abendgeläut Ruft schon heimwärts durch's stille Land. . . Ich sehne mich nach einer warmen Hand, Die segnend auf meinem Haupte ruht Th. Zlocisti. Berliner Brief. Wenn in späten Tagen einmal der Historiker sich mit der Gemüthsverfassung unserer westeuropäischen Brüder befassen wird zu der Zeit, da der Zionismus entstand — wie viele Professoren werden später davon leben und die geistreichsten Untersuchungen anstellen, während heute, da wir noch unter den Sternen wandeln, niemand aus der gelehrten Schar für uns das geringste Interesse hegt — wenn also die heutigen Ereignisse halb vergessen und somit günstig sein werden, dann empfehlen wir zum Studium insbesondere unser liebes Berlin. Und selbst in der Geschichte dieser Leuchte unserer Gemeinden wird man dann der Behandlung des „Bambergerlschen Legats" einen breiten Raum widmen. Zum Nutzen und Frommen kommender Generationen wollen wir sie niederzeichnen. Als Ludwig Bamberg er, der bekannte Parlamentarier, starb, gab ihm die Gemeinde ein Grab in ihrer Ehrenreihe. Bamberger war sicher ein hervorragender Mensch und bedeutender Politiker gewesen. Aber diese Form der Ehrung war ziemlich unangebracht, denn er hatte während seiner langen Lebenszeit nie und nirgends sich Verdienste um das Judenthum erworben, sich lediglich als Deutscher ohne irgendwelchen Zusatz gefühlt und selbst den Antisemitismus nicht bekämpft, wozu ihm doch im Parlamente reichlich Gelegenheit gegeben war. Als den Testaments-Executoren zum Bewusstsein kam, dass hier ein ganz eigenartiger Fall vorliege, beschlossen sie. sich zu revanchieren. Und sie stifteten der Gemeinde 10.000 Mark zur Vertheilung von Schulprämien mit der Bestimmung, dass „Werke religiösen Inhaltes",sowie„Kinder der Religionsschulen" ausgeschlossen sein sollten. Die Stifter waren jedenfalls humorvolle Leute und wollten sehen, wie weit selbst Berliner Repräsentanten in der Selbstentäusserung gehen könnten. Oder sie dachten, durch derartige Bestimmungen den Betrag für bessere „confessionslose" Zwecke freizubekommen. Weit gefehlt! Die Richtung, die jede katholische und protestantische Gemeinde als grobe Beleidigung empfunden hätte, wurde hier dankend acceptiert und die landesherrliche Genehmigung zur Annahme nachgesucht! Man denke, eine Religionsgesellschaft, welche sich verbieten lässt, Bücher mit dem Inhalte ihrer Glaubenslehre zu vertheilen! Die in ihren religiösen Empfindungen aufs äussez-ste verletzte conservative Minorität wandte sich darauf an den Minister, der eine Deputation empfieng, sich wohl unterrichtet zeigte und offenbar mehr Verständnis für das Schmachvolle des Beschlusses der Repräsentanz zeigte, als unsere „Liberalen". Denn die Genehmigung des Legates ist noch immer nicht erfolgt. Am 4. Februar fand nun über das Verhalten der Deputation eine Debatte statt, die in Scandale ausartete, wie