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Die Welt · 1900-02-23 · 8 (23.2.1900) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
8 (23.2.1900)
Article
Die galizische Frage
Date
1900-02-23
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 8 „Die 2$ Welt" Seite 3 Mittelbesitz fast ganz zerbröckelt und auch, nur in kaum nennenswertem Ausmasse käuflich ist. Auch im Grossgrundbesitze muss ein« Unterscheidung getroffen werden. Die grossen Latifundienbesitzer werden natürlich ihren Boden nicht hergeben, im Gegentheile, sie suchen auf jede, oft nicht die einwandfreieste Weise ihren Besitz durch Zukaufe zu arrondieren. Es blieben also nur die schlecht verwalteten, oft durch Raubbau stark entwerteten Besitzungen geldbedürftiger Adeliger.*) Nun trifft sich ja hie und da einer oder der andere unter diesen Leuten, welcher gegen eine doppelte oder dreifache Ueberzahlung seinen stark im Werte gesunkenen Besitz „an die Juden" verschachern möchte. Gieng doch erst vor kurzer Zeit die Geschichte eines derartigen „Kaufes" durch die Blätter. Damals war die Hirsch- Stiftung das Opfer, das eine Anzahl reicher polnischer und Wiener Juden im Vereine mit dem geldbedürftigen Verkäufer sich zu diesem Zwecke ausersehen hatte. Aus solchen Käufen oder ähnlichen Transactionen kann man aber doch nicht auf die Bereitwilligkeit der herrschenden polnischen Kreise schliessen, die alle Mittel, oft sogar Gewalt anwenden, um ja keinen wirklich ertragsfähigen Quadratmeter galizischen Bodens in „fremde" Hände übergehen zu lassen. Wohl haben Juden in früheren Jahren in Galizien Güter erworben, aber heute sind die ökonomischen und politischen Verhältnisse Galiziens solche, dass an die Erwerbung grösserer Gütercomplexe durch Juden einfach nicht zu denken ist. Nimmt man noch dazu, dass der Antisemitismus und Asemitismus in Galizien in stetem Wachsen begriffen ist, und denkt man ferner an die politischen und wirtschaftlichen Wirren, denen ganz Oesterreich sammt Galizien entgegengeht, so wird man begreifen, warum Dr. Tuch, der jetzt mit vielem Eifer die innere Colonisation Galiziens verficht, in seinen letzten Enunciationen schon mit dem Ankaufe der in jüdischen Händen befindlichen Güter sich begnügen will. Das heisst. aber, vom Anfang 'an die g ep 1 an t e A c t i o n derart einschränken, dass sie für eine Milderung der entsetzlichen Noth unter den galizischen Juden kaum mehr in Betracht kommt. Dabei ist es noch keineswegs auch nur wahrscheinlich, dass die jüdischen Grundbesitzer eine solche Transaction zu unterstützen geneigt sind. Ganz abgesehen von den Kosten, die durch die Erwerbung ganz bestimmter Güter, auf die man allein angewiesen wäre, natürlich in ganz unverhältnismässiger Weise in die Höhe getrieben würden. Und dabei ist man noch keineswegs darüber einig, in welcher Weise eigentlich die Colonisation, selbst wenn sie nur im kleinen vor sich gienge, vorgenommen werden soll. Ob die landwirtschaftliche Arbeiter-Productiv-Genossenschaft, der Dr. Tuch mit Recht so sehr das Wort redet, auch von den Initiatoren der Action gewählt würde, ist zum mindesten sehr zweifelhaft. Und wenn es selbst geschähe, so ist gerade nach den obigen statistischen Daten daran zu zweifeln, ob in so kleinem Umfange und unter derartigen Verhältnissen der Versuch überhaupt gewagt werden kann. An Galizien und die dortigen gar nicht crass genug auszumalenden Verhältnisse hat Oppenheimer sicher nicht gedacht, als er über das Heilmittel der landwirtschaftlichen Productiv-Genossenschaften schrieb. Eine Anzahl Juden aber, und wären es auch nur ein. paar Hundert, der Experimentierlust selbst noch so redlich gesinnter Männer auszusetzen, dazu fehlt unter den heuligen Verhältnissen wahrlich jede Veranlassung. Der Verfall Galiziens ist offenkundig, wenn in der bisherigen Weise fortgewirtschaftet wird. Die Unterdrückung der Ruthenen durch die Polen, die Ausbeutung des Volkes durch die herrschende Classe, die erzwungene Mithilfe der Juden bei all den Dingen, die man allein zu *) Im Jahre 1896 betrug die Belastung des landtäfl. Besitzes 28,430.S-2S fl.; die Entlastung 19,384.454 fl. machen fürchtet, der Hass der Unterdrücker und Unterdrückten gegen die Juden, der Kampf der Schlachta nicht nur um die politische Hegemonie, sondern um die eigene Existenz — in solchen Wirrnissen karin eine Colonisation der Juden in Galizien keinen Erfolg haben. Kann doch auch die bodenständige Bevölkerung in diesem Kampfe kaum bestehen. Mit jedem Jahre wächst die Auswanderung aus Galizien trotz aller Verbote und Erschwerungen, und erst vor kurzem hat eine Tageszeitung, wohl viel zu niedrig, die jährliche Auswanderung aus Galizien auf mindestens 8000 Personen veranschlagt. Und der Abfluss ist noch ungenügend. Speciell die jüdische Bevölkerung ist trotz des grossen Elendes, trotz der hohen Kindersterblichkeit in Zunahme begriffen. Wohl mag daran auch die Einwanderung ausländischer Juden theilhaben, jedenfalls trägt aber dazu, wie N o s s i g in seinen Materialien nachweist, die Fruchtbarkeit der jüdischen Ehenviel bei. Auch diesen Umstand kann man durch die Colonisation von ein paar minderten im Lande selbst nicht beseitigen. Um eine grössere Zahl aber kann es sich nach unseren Ausführungen kaum handeln. Mit der Anzahl der Individuen aber wächst auch das Elend in Galizien, ganz abgesehen von den ökonomischen Verhältnissen, unter denen die galizischen Juden schmachten. Darum gibt es eine einzige radicale, wirkliche Hilfe für die galizischen Juden, und das ist die Emigration*) der Ueberzähligen. Der Mann oder die Gruppe, die diese Emigration planmässig leiten und zu einem guten Ende führen kann, hat allein das Anrecht, als wahrer Freund und Berather der galizischen Juden zu gelten. Wer aber Kraft und guten Willen besitzt, um dem furchtbaren Judenelend Galiziens seine Opfer zu entreissen, der wird vor allem diese Emigration mit allen Mitteln zu fördern suchen. Es ist ein hoher Gedanke, diese Auswanderer, wenn möglich, zu nützlichen, sesshaften Bürgern, zu Bauern zu machen. Gewiss, aus dem Boden werden sie und ihre Nachkommen frische Kraft und hohen Muth gewinnen, aber nicht aus dem Boden Galiziens, den man ihnen nicht gönnt und niemals in genügendem Masse geben wird, sondern aus dem Boden, der ihnen, mehr vielleicht als der Mehrzahl der übrigen Juden, heilig ist, aus dem Boden, den sie nicht nur mit ihrem Schweisse, sondern selbst mit ihrem Blute zu düngen bereit sind, aus dem Boden Palästinas. Die Zurückbleibenden aber, die durch die Auswanderung Raum und Luft gewinnen, werden vielleicht dann mit besserem Erfolge, oder wenigstens mit mehr Aussicht auf Erfolg an eine innere Colonisation denken können. Damit soll nicht gesagt sein, da^s auch die sonstige wirtschaftliche Organisation der Juden Galiziens bis zur planmässigen Ausführung der Emigration aufgeschoben werden soll. Eine solche Organisation auf wirtschaftlichem Gebiete ist dringend nöthig. Da mögen die sonstigen Pläne der neuen Freunde der galizischen Juden einsetzen. Feld genug zur Bethätigung bleibt ihnen wahrlich. Dr. Siegmund Werner. Die Rede des Herrn v. Egan, Von Moritz Zobel. In Munkäcs, einem Städtchen an der Nordostgrenze von Ungarn, ist letzthin eine bedeutsame Rede gehalten worden. Bedeutsam nicht sowohl wegen der amtlichen Stellung des Redners, als vielmehr wegen-des Gegenstandes» den er erörterte. Von uns Juden handelte die Rede, und es gilt in unseren Tagen ja ziemlich gleichviel, wer uns in die Debatte stellt. Dem Interesse der öffentlichen Meinung *) Im Jahre 1S99 wanderten in Amerika aus Oesterreich- Ungarn 11.071 Juden ein. Man geht wohl nicht fehl, wenn man '/!0 dieser Summe den galizischen Juden zuschreibt.

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