Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 7 (16.2.1900)
- Article
- Brüderchen und Schwesterchen
- Date
- 1900-02-16
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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•Nr. 7 „Die fr- Welt* Seite 13 Uhr, Jankel und Jenta waren noch nicht zum Essen gekommen — ah, etwas in ihrem Kopfe gieng entzwei und riss ihr Gehirn in Stücke. Sie konnte gerade noch zu dem Strohlager beim Kamin tappen — und da blieb sie liegen: Das Glück war gekommen, bevor sie es erwartet hatte. Zehn Minuten später sprangen Jankel und Jenta ins Zimmer. „Gib uns das Essen," schrie Jankel in den höchsten Tönen. „Pst!" mahnte Jenta, den Finger an den Lippen. Ein seltsames Geräusch war hörbar — ein heiseres Röcheln, oder besser ein Gurgeln, wie wenn man Wasser durch eine Röhre bläst. „Ach was, die Alte schläft," sagte Jankel gleichgiltig. „Du da," rief er, „hör" auf zu schnarchen und gib uns das Essen — was soll das heissen, am hellichten Tage schlafen?-' Keine Antwort. Jankel trat ärgerlich an das Lager. „Wenn Du nicht sofort aufstehst, schlag' ich das Fenster ein, und dann wirst Du vom Zug Zahnweh in den Gelenken kriegen!" rief er. Diesmal kam eine andere Antwort. Das Gurgeln wurde zu einem langen Athemzug, und dann war alles still. Jankel trat zurück. Die plötzliche Stille erschreckte ihn. „Sieh' nur, wie weiss sie ist — und sie rührt sich nicht und droht auch nicht mit den Fingern, wie sonst," bemerkte Jenta. Jankel war etwas eingefallen, und er sprach es mit bebender Stimme aus: „Jenta, ich glaub' nicht, dass sie schläft: ich glaub", sie ist todt." „Todt? Was ist das?" „Es bedeutet, dass sie uns kein Essen mehr geben und nie mehr um Brot und Geld betteln kann," antwortete Jankel. Und dann setzte er sich nieder und brütete. Er hatte seine Grossmutter nie besonders geliebt. „Jankel, hast Du nach dem Essen den Segen gesprochen? Hast Du das Nachmittagsgebet gesagt? Ja? Ich glaub' Dir nicht, sag* es sofort — lauter, ich hör' nichts — heute ist der erste des Monats, vergiss nicht, „Lass unser Angedenken" einzufügen." So gieng es den ganzen Tag. Oder manchmal: „Heute ist Montag und Donnerstag" — es konnte doch nur eines von beideu sein — „vergiss nicht, „Ei\ der Barmherzige" ganz zu sagen." Oft war er halb ohnmächtig und verhungert von der Schule nachhause gekommen, und es war nichts zum Essen da; und wenn er dann drohte, das Haus niederzureissen, war die Antwort gewöhnlich: „Setz' Dich ruhig nieder und lies ein paar Psalmen; dann bekommst Du noch eine Schnitte Leviathan im Garten Eden." Und jetzt war er vor ihren Ermahnungen sicher; die alte Frau dort drüben war stumm für ewig. Ein Gefühl der Erleichterung, der Freiheit bemächtigte sich seiner — er kam sich so ungebunden vor. Jetzt brauchte er seine Gebete nur zu sagen, wenn es ihm gerade passte, und das war ganz etwas anderes, als wenn er dazu gezwungen wurde. Jetzt konnte er schlafen, solange er wollte, ohne durch den verhassten Ruf geweckt zu werden: „Jankel, Jankel, willst Du „Höre, o Israel!" zu spät sagen?" Nein, etwas Besseres konnte er sich gar nicht wünschen, und er hätte vor Freude in die Luft springen mögen — da sprang er auch, von einem plötzlichen Gedanken erfasst. Jetzt hatte er das Kaddisch — das Gebet des Leidtragenden — elf Monate hindurch für seine todte Grossmutter zu sagen. Das war fürchterlich — jeden Morgen kurz nach Tagesanbruch aufstehen, zwei-, oft dreimal täglich in den Tempel gehen und den ganzen, langweiligen Gottesdienst mitanhören. Er wusste ja schon, wie es werden würde. In der Früh, gerade wenn er sich aufs andere Ohr legte, würde der „Belfer", das Factotum der Gemeinde, kommen und durchs Fenster rufen. „Jankel, es ist Zeit; komm' beten, wenn Deine Grossmutter im Grabe Ruhe haben soll." Jankel lag viel daran, ob seine Grossmutter Ruhe im Grabe hatte oder nicht! „Jenta," sagte er plötzlich, „wir müssen fort von hier." „Und sie alleine lassen?!* fragte Jenta, mit dem Finger auf die stille Gestalt im Stroh weisend. Sie hatte sie immerfort angestarrt und versucht, in ihr die bekannten Züge der Grossmutter zu finden. Es war ihr trotz Jankels Erklärung nicht ganz klar, was todt eigentlich war; aber nach allem, was sie sah, musste es weit über den anderen Geheimnissen stehen, an denen das Leben so reich ist. „Alleine lassen? Natürlich!" sagte Jankel. „Warum denn nicht?" „Nun, sie sieht so hilflos aus," sagte Jenta. „Denke nur, wenn jemand käme und ihr etwas zuleide thun wollte, während wir fort sind, so könnte sie es nicht verhindern." „Das ist es ja gerade," erklärte Jankel weise. „Sie kann sich nicht helfen un;l uns auch nicht. W'ir müssen eine andere Grossmutter finden, oder wir werden das ganze Jahr hungern." Jenta musste sich wohl oder übel von seiner Beweisführung überzeugen lassen und schwieg eine Weile. Dann fragte sie : „Könnten wir nicht hier eine Grossmutter finden?" „Was? Hier?" wiederholte Jankel verächtlich. „Sind sie denn zu etwas nutz? Sie sind alle blind oder taub, und dazu hat jede schon mindestens fünfzig Enkel. Wir müssen in eine grosse Stadt gehen, wo es eine Menge Grossmutter gibt, und uns eine aussuchen." „Ist es nicht seltsam, dass wir ohne Vater und Mutter geboren wurden?- fragte Jenta. „Ach, das macht nichts," erwiderte Jankel mit grosser Weltw'eisheit. „Es gibt genug solche Kinder; nur haben die auch keine Grossmutter. Wir haben aber eine gehabt, siehst Du, und da können wir zu den Leuten gehen und sagen: „Gebt uns eine neue." (Schluss folgt) Corso in Solokow. (Fragment aus einer Novelle.) Von Moriz Hermann. (Schluss.) Da es ihnen bisher nicht gelungen war, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, nahmen sie zu ihren gewöhnlichen Mitteln Zuflucht. Sie suchten nach einem passenden Liede. Sie besassen ein ganzes Register von Liedern, eines verführerischer als das andere, darunter manche^ mit denen sich das Andenken an so manches Mädchen verband. Sie überlegten lange, mit welchem Liede man diesem Mädchen auf den Zahn fühlen könne. Sie selbst schien ihnen „blatt"*): aber es war ihnen bekannt, dass ihr Vater zu den Frommen dieser Stadt gehörte, daher mussten sie besonders vorsichtig sein. Endlich, als sie allein waren und nur kahle Felder und die nackten Zweige der Bäume sie umgabenhatten sie beschlossen, mit einem wehmüthigen Liede den Anfang zu machen. Sie hielten es für rathsam, sich als Empfinduugsmenschen einzuführen. Und sie begannen: „Wohin gehst Du, gehst Du, Mädele Mit dem stolzen Schritt? Was trägst Du, trägst Du 's Kleedele Nach dem neusten Schnitt? Hör zu, hör' zu, mein Mädele: Weinen wirst Du bald. Und schmutzig wird dein Kleedele Und Du wirst grau und alt." Die Strasse wurde inzwischen immer lebhafter. Es kamen Leute hervor, die die jüngere Generation noch gar nicht gesehen hatte. Niemand hätte sagen können, ob sie schon gestorben oder ob sie noch irgendwo in einem Winkel hinter dem Ofen dörren. Dort schleppte sich mühsam ein Greis mit dünnem Barte und starren, gläsernen Augen. Wie einen Frosch aus dem Tümpel hatte ihn die Sonne hervorgelockt, und nun keuchte er, die ganze Strasse mit einem lästigen Geräusch von Husten und Spucken erfüllend. Hinter ihm aber schritten zwei Menschen, die man überall eher vermuthet hätte, als auf dem Corso von Solokow. Beide waren durch ihren Beruf den Blicken der Menge entzogen. Man sah sie selten und dachte niemals an sie; erst jetzt, da sie auftauchten, erinnerte man sich, dass sie mit zu den Bewohnern dieser Stadt gehörten. Der eine war Leeb, der Kutscher eines Grossfuhrmannes, ein ungeschlachter Bursch mit der Gangart eines Cavalleristen, das harte, wetterfeste Gesicht von Finnen und Haarwurzeln übersäet, und mit einer Stimme, die mehr zu Pferden als zu Menschen zu sprechen gewohnt war. Er verbrachte den grössten Theil seiner Tage und Nächte auf dem korbartigen Vordersitze eines Lastwagens, wohnte sozusagen in ihm, hatte in demselben gewisse Verstecke, in denen er seine Sachen aufbewahrte, und fühlte sich nirgends so heimisch als hier. Der andere war Lubisch, der das ganze Jahr in einem entlegenen Winkel der Stadt hockte und da nur gewissen *) Der Diebs- und Hehlersprache entlehnt; im Allgemeinen jemand, der sich über die gebotenen Schranken hinwegsetzt.