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Die Welt · 1900-02-16 · 7 (16.2.1900) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
7 (16.2.1900)
Article
Wien [Nachricht]
Date
1900-02-16
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 >Die 2£ Welt" Nr. 7 Land zur Verfügung, das nur der Colonisten harre. Nach der Ansicht des Redners würde eine Wiederaufnahme der jüdischen Einwanderung für Palästina nicht nur einen materiellen Gewinn bedeuten, sondern es würden auch die Sicherheitszustände in der Nähe der Colonien sich bessern, namentlich die Ueberfälle nomadisierender Araber würden aufhören. Die Hauptsache sei aber die Schaffung einiger den modernen Errungenschaften entsprechend eingerichteter kleinerer Häfen möglichst in der Nähe der jetzigen Colonien. Die Erhebung Jaffas zu einem Hafen ersten Ranges werde viele Millionen verschlingen. Dieses müsse der Zukunft vorbehalten bleiben. Der Vortrag erntete grossen Beifall. Wien. Der Einzelverein „Fünfhaus" des „Zion" veranstaltete am 8. d. M. seinen 2. Vereinsabend. Nach einigen gpschäfilichen Mittheilungen des Vorsitzenden Vicepräses Mohr nahm Herr Schriftsteller Dr. Jacques Jäger das Wort zu einem in jeder Weise gelungenen Referate über „Die Juden in Turkestan und Buchara". In circa 74stündigem Vortrage schilderte der Redner seine Reise- Erlebnisse. In höchst anschaulicher Weise machte er die zahlreiche Versammlung mit den Gebräuchen und Sitten jener transkaukasischen Völkerstämme bekannt, bei denen der Jude fast noch niedriger steht als das Vieh. Die dortigen Glaubensgenossen sollen von den aus Babylon eingewanderten Chaldäern abstammen, ihr Typus ist von dem unseren weit verschieden. Handel ist ihnen nicht gestattet, nur niedere Arbeiten dürfen sie verrichten. In Buchara leben 1:2.000 Juden, sie sind fast rechtlos. Sie müssen auf alle VVaaren einen Steuerzuschlag von 10"/0 zahlen. Die Jaden dürfen keine Häuser aus Stein haben, nur von Holz, ohne Zierat und ohne Fenster. Auch die Kleidung ist ihnen vorgeschrieben, statt des Gürtels müssen alle -- ob arm oder reich — ein Seil um die Lenden tragen. — Hoffentlich trifft sich die Gelegenheit, dass Herr Dr. Jäger seine fesselnden Ausführungen vor einem grösseren Auditorium wiederholt.—Der vorgeschrittenen Zeit halber beschränkte sich Herr Dr. Leopold Kahn auf einige Bemerkungen über die Fortschritte, die der Zionismus in Böhmen in letzter Zeit zu verzeichnen hat, und verschob seinen Vortrag über „Die jüdische Colonialbank" auf eine nächste Versammlung. Der anwesende Präses des Vereines „Mariahilf-Neubau", Herr Dr. W e i s 1, nahm ebenfalls Gelegenheit zu einer kurzen, packenden Ansprache, in der er von der „J u d e n n o t h, die hebräisch beten lehrt," sprach, von der Judennoth, die aus den jüdischen Czechen bald gute nationale Juden machen werde, mögen sie sich auch noch so dagegen sträuben. Mit der Mittheilung, dass der Verein Unterrichts-Vorträge mit Discussion über Bibel, Talmud und jüdische Geschichte demnächst einrichten weide, und einem warmen Apell, an die „Schekelzahlung im Monat Adar" nicht zu vergessen, schlöss der Vorsitzende um 11 Uhr die Versammlung, Zeitschriftenrundschau. Ueber eine in der amerikanischen Stadt Wi 1 k e s b arr e vor kurzem abgehaltene Versammlung des dortigen Zionistenvereines, in der das Mitglied des amerikanischen Actionscomites Rev. Stephen S. Wise sprach, bringt die „Wilkesbarre Gazette" einen ausführlichen Bericht. Das Blatt bemerkt, dass jeder Christ Mr. Wises Worte unterschreiben könnte, namentlich aber erkennt es die liberalen Anschauungen des Redners gegenüber dem Christenthucn an. „Jewish Exponent" schliesst eine Betrachtung über den Beschluss der „Ica", die Rothschild'schen Colonien in Palästina zu übernehmen, mit folgenden Sätzen: „Die durch Dr. Herzl repräsentierte Richtung war auf diesen Beschluss von grossem Einflüsse. H e r z 1 s politischer Zionismus ist auf eine breitere Basis gestellt als der bisher prakticierte Colonisationszionismus. Die „Ica" widmet sich einem Colonisationswerke, das bereits vorliegt. Muss da ein Antagonismus zwischen den beiden zionistischen Richtungen bestehen? Noch arbeiten beide unabhängig voneinander, aber es scheint, dass sie in den Händen der Vorsehung nur zwei Instrumente sind, die auf den gleichen Endzweck hinarbeiten." Die Londoner ,Daily Mail" brachte vor acht Tagen in einem „Sogenannte Flüchtlinge" überschriebenen Artikel die schwersten Beschuldigungen vor gegen die mit dem Dampfer „Chechire" vom Cap herübergekommenen Flüchtlinge. Nach der Darstellung des Blattes sollen darunter 500 Juden gewesen sein, die aber Hilfe nicht nöthig gehabt hätten, weil sie Geld genug besässen. Ausserdem sollen sie sich während der Ueberfahrt in unqualificierbarer Weise betragen haben. „Jewish World" appelliert an die Ehrenhaftigkeit der Redactioh des ,.Daily Mail" und fordert, dass es seine Behauptungen richtigstellt, respective die Anschuldigungen zurückzieht Im „Hameliz" wendet sich M. L. Lilienblum mit polemischer Schärfe gegen diejenigen, die in den Zionismus um jeden Preis Sonderbestrebungen hineintragen möchten, sociale, culturelle, ethische und sonstige Parteidoctrinen, die mit der Idee nichts zu schaffen haben, und deren unangebrachte Verquickung mit dem Zionismus dazu beitrage, weite Volkskreise dem zionistischen Gedanken zu entfremden. „Hazefirah" veröffentlicht mit der Ueberschrift „An die Rabbiner" eine Artikelserie, die der ausgezeichneten Feder des Herausgebers Herrn M. Sokoloff entstammt. Darin wird den russischen Protestrabbinern nahegelegt, sie möchten doch, anstatt eine Bewegung zu verunglimpfen, die sie nicht genügend kennen, ihre seelsorgerische Aufmerksamkeit den manigfachen Schäden zuwenden, die in den Gemeinden herrschen und von denen die hervorstechendsten und verbreitetsten in der Artikelreihe ausführlich dargelegt werden. Die von unserem verehrten Gesinnungsgenossen Herrn Dr. Kurrein in Teplitz herausgegebene „Jüdische Chronik'' bringt in ihrem Februarhefte unter dem Titel: „Anfang oder Ende?" eine hübsche Betrachtung zur Jahrhundertwende. Nach einigen treffenden Bemerkungen über die Lage der Juden zu Beginn des Jahrhunderts und am Ende desselben fährt der Artikelschreiber fort: „Mit der Devise: Assimilation, Aufgehen in der Majorität! traten wir in das 19. Jahrhundert ein, mit der Devise: Juden für Juden! treten wir aus dem Jahrhundert aus . . . Diese gewaltige Umwälzung hat der Zionismus hervorgerufen. Was weder der Orthodoxie . . . gelungen, was die allein seligmachenwollende Reform mit allen ihren Schaukünsten nicht fertigbrachte, der grossen Menge jüdisches Bewusstsein einzuflössen, das brachte der Zionismus zustande." Feuilleton. Brüderchen und Schwesterchen. Aus dem Englischen des Samuel Gordon. Grossmutter stand am Fenster und flickte den Rock eines Knaben. Sie fühlte ihre Arme kaum mehr; sie hatte sie eine halbe Stunde in die Höhe gehalten, bevor es ihr gelungen war, den Zwirn einzufädeln. Jankel und Jenta waren natürlich nicht zuhause, um dieses Geschäft für sie zu besorgen. Wenn, sie gebraucht wurden, waren sie überhaupt nie da, nur wenn das nicht der Fall war — z. B. wenn sie mit leerem Magen zurückkamen und eine leere Speisekammer vorfanden. Dann weinte Jenta, und Jankel schlich in das nächste Feld und stahl eine Rübe. So war das Leben beschaffen, das die drei führten, und ein angenehmes war es nicht. Das war's auch, was Grossmutter dachte, und zwar mindestens dreimal täglich, um die Zeit, wenn in normalen Häusern gespeist wurde. So gieng es, seit ihre Tochter und deren Mann Opfer der gefürchteten Pest geworden waren, die das Land vor fünf Jahren zum Beinhause gemacht hatte; und Jankel, Jenta und ihre Armut waren das einzige Erbe, das sie ihr hinterlassen hatten. Sie nähte an Jankels Rock und rechnete: In vier Jahren wird er Barmizwah sein, und kann ein paar Kopeken verdienen, indem er Mordechai dem Hausierer, bei 'seinen Wanderschaften durch die umliegenden Dörfer mit dem Packen behilflich ist; nnd Jenta wird zwölf sein, und kann in Dienst gehen, wenn auch nur zum Stiefelputzen und Geschirrwaschen. — Herrlich! Von allen Seiten wird es Geld regnen — mindestens neunzig Kopeken die Woche — und sie kann behaglich zuhause sitzen, anstatt in der kleinen Stadt um Speisereste zu betteln, Sommer und Winter, bei Regen wie bei Sonnenschein. Nur Geduld, Geduld; sie hatte ja so lange auf ein wenig Glück gewartet — und sie war i.och ganz jung, erst achtzig. — Sie nahm Jankels Rock und suchte eine Naht für den neuen Fleck. Hm! Sie musste ihn höher halten, mehr zum Licht, es war auf einmal so finster geworden — noch höher — nein, wie seltsam — je höher sie ihn hielt, desto weniger sah sie — ein grosser Schatten breitete sich über ihre Augen, über die Sonne, über alles — es konnte doch noch nicht Abend sein? Es war ja höchstens zwei

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