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Die Welt · 1900-02-16 · 7 (16.2.1900) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
7 (16.2.1900)
Article
Weisse Raben
Date
1900-02-16
Page
9 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 7 »Die s£ Welt" Seite 9 Weisse Raben. In Szentes, einer magyarischen Stadt mit landwirtschaftlicher Bevölkerung, in der fast gar keine Juden wohnen, wurde dieser Tage ein Jude zum Reichstags-Abgeordneten gewählt. Es ist dies der Budapester Advocat Dr. Eugen Molnar. Molndr wurde von keiner der parlamentarischen Parteien Ungarns candidiert oder unterstützt und wird sich auch keiner der derzeitigen Parteien des ungarischen Abgeordnetenhauses anschliessen. Disraeli und die Herzogin von Teck. Man schreibt der „Frankfurter Zeitung" aus London, 5. Februar: In der soeben bei John Murray erschienenen Biographie der verstorbenen Herzogin Mary von Teck — ihr Gatte ist unlängst ebenfalls gestorben — findet man einige hübsche Anekdoten von Benjamin Disraeli, den die Herzogin, selbst eine enragierte Imperialistin, gern litt, weil sie seinen Imperialismus bewunderte und das grösste Vertrauen in sein Urtheil setzte. Auch der Staatsmann liebte es, mit der Prinzessin zu plaudern'» aber wenn er auch ihre Fähigkeit, politische Probleme zu erfassen, hoch anschlug, so Hess er sich doch keine Cabinetsgeheimnisse abschwätzen. Einmal, während die auswärtigen Beziehungen Englands sehr kritisch waren, befand sich die Herzogin beim Diner zu Hofe in der Nähe des Ministerpräsidenten. Unfähig, die scheinbare Passivität der Regierung zu verstehen, wendete sie sich an ihn mit der Frage: „Worauf warten wir denn, Mr. Disraeli?" Der Minister-Präsident hielt einen Augenblick inne, um die Speiseliste in die Haud zu nehmen, schaute das Menu und dann die Prinzessin an und sagte ernsthaft: „Auf Hammelfleisch und Kartoffeln, Madame." Verurtheilte Excedenten. Aus Z n a i m wird dem „Wiener Tagblatt" berichtet: Unter den antisemitischen Demonstrationen, welche im November vorigen Jahres in Mähren und Böhmen vorfielen, waren die in Rouchowan besonders bedeutend und anhaltend. Am 12. November insbesondere wurde von einer Pöbelrotte unter der Führung des Spenglers Klimak gegen die Häuser der jüdischen Kaufleute Hauser und Weininger ein wahrer Sturm uuternommen, alle Fenster eingeschlagen und die Häuser beschädigt. Der Bürgermeister Johann Koczi, der sich mitten in der Menge befand, sah sich nicht veranlasst, einzuschreiten. Der herbeigekommenen Gendarmerie wurde Widerstand geleistet. Auf Grund der Gendarmerie-Anzeige hatte sich der erwähnte Klimak, ferner die Brüder S k r a b a 1, die sich besonders in der Zerstörungsarbeit hervorthaten, der Hausbesitzer. Zwerina und der Arbeiter Komenda wegen, öffentlicher Gewalttätigkeit, Aufstand und thätlicher Wachebeleidigung zu verantworten. Klimak wurde zu acht Monaten schweren Kerkers, Zwerina und Komenda zu je fünf Monaten, die Brüder Skrabal zu je drei Monaten schweren Kerkers verurtheilt: alle Verurtheilten haben solidarisch 1000 Kronen Schadenersatz zu leisten. Ein christlicher Zionsfreund über die jüdischen Colonien Palästinas. Die jüdischen Blätter Amerikas berichten über einen sehr interessanten Vortrag, den Mr. Davis C. Bell, einer der angesehensten christlichen Bürger der Stadt Minneapolis in Minnesota, in der californischen Stadt Los Angeles über die jüdische Colonisationsthätigkeit hielt." Mr. Bell besprach zuerst die in Argentinien und anderen Ländern Amerikas unternommenen jüdischen Colonisationsversuche, die nicht reüssieren konnten. Sodann kam er auf die jüdischen Colonien in Palästina zu sprechen, die er aus eigener Anschauung kennt und denen er ein äusserst günstiges Prognostikon stellte. Palästina werde wieder, wie einst, ein Land werden, in dem Milch und Honig fliesst, und nur die Juden seien imstande, dieses Wunder zu bewerkstelligen. Dass sich die Juden nicht zum Ackerbaue eignen, sei nichts anderes als ein Märchen, an das ein vernünftiger Mensch nicht glauben könne. — Erwähnenswert ist noch, dass Mr. Bell Mitglied zweier zionistischer Vereine ist und die Fortschritte unserer Bewegung mit grossem Interesse verfolgt. Von Gregor X. bis — Narodni Listy. Wahrhaftig, fast möchte man ausrufen: Je mehr sich alles geändert hat, umsomehr ist die gehässige Blutverleumdung dieselbe geblieben. Die Ströme unschuldigen jüdischen Blutes, welche wegen des Märchens vom „ Ritual mord" geflossen sind, sie haben es nicht wegschwemmen können. Die tolle Lüge wird von allen Seiten gehätschelt, als wäre sie ein theures, ehrfurchtgebietendes Vermächtnis der Eltern, man scheut sich nicht, offen dieselbe zu verkünden. Die Schar ihrer Bekenner recrutiert sich aus allen Kreisen und Schichten der Bevölkerung, und die wenigen, die den Muth und die Gewissenhaftigkeit haben, ihr entgegenzutreten, setzten sich den peinlichsten Verfolgungen, den niedrigsten Verdächtigungen aus. Das Ritualmord-Märchen hat ^ich als die glänzende Waffe erhalten und bewährt, als welche es im dunklen Mittelalter angesehen wurde, wenn es galt, den Hass gegen die Juden zu schüren, die Instincte der Menge gegen sie wachzurufen. In Einem musste man allerdings einen Wechsel der Zeiten erblicken. Früher sah man unter den Verkündern des Ritualmordes "nur solche, die man Zeloten, Fanatiker, Finsterlinge nannte. Heute wagen auch angeblich freisinnig und fortschrittlich sich nennende Organe der öffentlichen Meinung dreist und cynisch die Fructiücierung dieser grauenhaften Lüge. In Böhmen herrscht seit Polna, welches den blutrünstigsten Wünschen des Mechanikers Schneider Genüge leistete, eine bedenklich erregte Stimmung gegen die Juden. Das grösste czechische Blatt, die „Narodni Listy", hat trotz seines angeblichen Freisinnes weniger die Nöthigung erkannt, in der Polnaer Aflaire aufklärend und belehrend, als vielmehr hetzend und aufreizend zu wirken. Aber „Narodni Listy", das angeblich freisinnige Blatt, hält es für höchst zeitgemäss, die antisemitische Gesinnung seiner Leser noch durch andere Mittel zu nähren und zu kräftigen. Das Blatt versteigt sich zu der niederträchtigen Fälschung, die Mittheilung über die in Alfforst von Protestanten in reügiösem Wahnsinne begangene Mordthat unter dem Titel: „Eine blutdürstige jüdische Secte" seinen Lesern aufzutischen! Es genügt den freisinnigen „Narodni Listy" nicht mehr, den Juden die Ritualmorde anzudichten, die sie nie Legangen, sie schreibt ihnen mit plumper, gewaltthätiger Infamie die wahnsinnigen Verbrechen zu, die thatsächlich von Menschen begangen wurden, die — Protestanten sind! Derlei geschieht im zwanzigsten Jahrhundert! Darf man angesichts solcher Schändlichkeit von der veredelnden Wirkung des Fortschrittes und der Bildung sprechen *? Der Umstand, dass Humanität und Wahrheit zu allen Zeiten erleuchtete Verkünder und Vertreter hatte, vermag nicht die bittere Erkenntnis zu verdrängen, dass jene, die auf die Voreingenommenheit und die Gehässigkeit der Menschen speculierten, die besten Geschäfte machten. Haben die Zeiten sich wesentlich geändert? Im Februar 1900 tritt ein „freisinniges" Tagblatt für die „Ritualmord"-Beschuldigung ein, indem es von „blutdürstigen jüdischen Secten" lügt Am 7. October 1272 hat ein Papst, der Statthalter Christi, Gregor X., in einer Bulle der Christenheit erklärt: „Es kommt bisweilen vor, dass Christen ihre

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