Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 7 (16.2.1900)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1900-02-16
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- address
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315859--17885-3366815- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 „Die Welt" Nr. 7 der Schmerz, die Verzweiflung der Völker entlädt sich mit Vorliebe gegen die Juden. Der Jude ist der bewährte Sündenbock. Zum Glücke sind die Engländer keine Bürger von Böhmen und Mähren, und. ein politischer Spleen, der etwa in London den einen oder den anderen drückt, wird voraussichtlich niemals Holleschauer oder Wsetiner Formen annehmen. Nicht einmal Egerer oder Saazer Formen, obzwar doch die Bewohner des Egerlandes zum mindesten auf demselben Culturniveau zu stehen wähnen, wie die Bewohner von England. Andererseits muss man freilich in Erwägung ziehen, dass die Bewohner des Egerlandes unter dem Drucke der tragischen Sprachenverordnungsnoth einen ungleich stärkeren Anlass zur Erregung und Judenverfolgung hatten, als die von einigen Schlappen heimgesuchten "Engländer. Die englischen Blätter benehmen sich bei ihren antisemitischen Hetzversuchen etwas linkisch und unsicher. Man sieht, sie haben ein Bedürfnis, ihren Kummer an den Juden auszulassen, aber es gelingt ihnen nicht recht, ihre judenfeindliche Stimmung halbwegs vernünftig zu begründen, einen plausiblen Zusammenhang zwischen Spionskop und Judenthum herzustellen.Daher begnügen sie sich meist mit allgemeinen Verdächtigungen. Man sieht beispielsweise in englischen Blättern Caricaturen, höhnisch grinsende Figuren, die einen wohlgetroffenen semitischen Typus autweisen und mit schadenfrohem Wohlbehagen auf die nach Afrika abgehenden Truppen niederblicken. — Also eine ziemlich vage Form des Antisemiteins. „Daily Mail" wieder begeifert den Charakter der jüdisch-englischen Flüchtlinge, die von Südafrika nach London kommen, bezeichnet sie als Kartenspiele», als Trinker etc. — Kurz, man versucht in einem Theile der englischen Presse nach Massgabe der Kräfte den Missmuth des englischen Volkes in den probaten antisemitischen Canal zu lenken. Durch ihre plumpe Ungeschicklichkeit unterscheiden sich die englischen Blätter zu ihrem Vortheile von unserer deutschen antisemitischen Presse. Ein deutsches Blatt würde sich bei weitem gewandter benehmen. Ein Leitartikel über den südafrikanischen Krieg würde etwa in folgender Weise beginnen: Der Jude Disraeli hat uns in diese verbrecherische Colonialpolitik hin eingehetzt. Jetzt zeigen sich die Folgen dieses jüdischen Schlagwortes „Greater Britain" u. s. t. u. s. f. Erwin Rosenberger. Eine Kundgebung der russischen Zionisten. Die uns vorliegende jüngste Nummer der in Petersburg in russischer Sprache erscheinenden zionistischen Zeitschrift „Bodutschnostj" (Zukunft) publiciert folgende Kundgebung der Leiter der zionistischen Sache in Russland: „In der stattgefundenen Conferenz der Leiter der zionistischen Sache in Russland, welche einberufen wurde, um die Berichte über den Stand des Zionismus in den verschiedensten Ortschaften des Reiches entgegenzunehmen wurde mit Freude constatiert, dass das jüdische Volk, en masse — die Orthodoxie sowohl, als auch die freisinnigen Elemente — von" der Ergebenheit für die zionistische Idee durchdrungen und bereit ist, an allen Arbeiten theilzunehmen, welche auf die Verwirklichung der von ihr verfolgten heiligen Aufgabe gerichtet sind. Gleichzeitig aber wurde auch constatiert, dass die Zahl der activen Arbeiter der Sache noch immer klein ist". Diese Thatsache verschärft sich noch dadurch, dass einige unserer orthodoxen Glaubensgenossen, darunter auch einige Rabbiner, die einen aus Unkenntnis des Wesens der zionistischen Idee, die anderen aus anderen Gründen, leider gegen den Zionismus auftraten und sogar zu solchen Mitteln Zuflucht nahmen, welche der allgemein menschlichen Moral, sowie dem Geiste unserer Religion widersprechen. Zu ihrer Rechtfertigung geben diese an, dass ihr Zweck die Vertheidigung unserer Thora gegen den Zionismus und dessen Anhänger sei, welche, wie sie behaupten, angeblich die Grundpfeiler unserer Religion untergraben. Wir halten es deshalb für unsere heilige Pflicht, unseren Glaubensgenossen offen zu erklären, dass die boshaften Ausstreuungen unserer Gegner der Wahrheit nicht entsprechen. Die Aufgabe des Zionismus ist allgemein bekannt. Sie besteht in der Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in dem Lande seiner Vorfahren. Der Zionismus berührt im allgemeinen die Fragen der Religion nicht, wie auf den Congressen zu Basel offen und deutlich des Öfteren erklärt worden ist. Um seine oben bezeichnete Aufgabe zu erreichen, verlangt der Zionismus die gemeinsame Arbeit aller Classen, der orthodoxen wie der freisinnigsten, den Zionisten ist aber das Judenthum nicht weniger theuer als den Gegnern des Zionismus. Wir und alle unsere Gesinnungsgenossen sind weit davon, zu befürchten, dass die Verleumdungen unserer Gegner unserer Idee schaden könnten. Die zwei Jahrzehnte der Arbeit zum Wohle Zions haben vermocht, uns genügend davon zu überzeugen, dass die zionistische Idee fähig ist, die ihr von inneren und äusseren Feiden gestellten Hindernisse zu überwinden. Wir sind überzeugt, dass der gesunde Instinct unserem Volke sagen wird, wer seine wahren Freunde sind, welche seine Lage begreifen. Nicht für den Zionismus, sondern für den Frieden in Israel fürchten wir, der durch die Handlungen der Gegner des Zionismus gefährdet erscheint. Sie tragen Zwist und Hader unter die Mitbrüder und — gleich den Perioden des Haders in unserer Geschichte — werden sie durch die Enfesselung des erbitterten Parteikampfes unter den Glaubensgenossen die Kräfte des Volkes auf Jange Zeit hinaus schwächen. Nicht wir sind an den verhängnisvollen Folgen schuld, welche dieser Kampf für unser Volk wachrufen würde, und nicht auf uns wird die Verantwortung für diese Folgen fallen. Das unparteiische Gericht der Geschichte unseres Volkes wird sein Urtheil darüber fällen, wer die Flammen des Haders im Zelte Israels entfacht hat. Wir aber und alle unsere Ideenbrüder werden muthig unsere Arbeit zugunsten unseres Volkes und seiner historischen Heimat fortsetzen. Möge Friede über allen Parteien in Israel ruhen!" Die Kundgebung ist gezeichnet: Rabbiner J. Rabinowitsch (Sopotkin). Dr. M. Mandelstamm (Kiew). Advocat J. Jasinowskij (Warschau). Dr. J. Kohan-Bernstein (Kischinew). Ingenieur M. Ussyschkin (Jekaterinoslaw). Advocat G. Bjelkowskij (St. Petersburg). Ingenieur W. Temkin (Jelisawetgrad). Dr. S. Benderskij (Bendery). Dr. G. Bruck (Hornel). _ Tribüne. Sonntag, den IS. d. M., nachmittags 4 Uhr, spricht Herr Paul Löbl im Vereine jüdischer Mädchen „Hadassa" über „Palästina und Zionismus". Gäste, auch Damen, herzlichst willkommen. Die Veinsleitung. Weltchronik. Aus der Porges-Sippe. Vor kurzem fand in Paris eine charakteristische Trauung statt. Graf Mun heiratete eine reiche Jüdin. Dass Jüdinnen gerne in die Kreise des Adels sich „einkaufen" und arme christliche Grafen heiraten, ist nichts Neues mehr. Aber dieser arme Graf ist ein Anhänger des Herzogs von Orleans, das heisst eines ausgesprochenen Antisemiten. Dafür ist seine Frau Gemahlin die Tochter der gewissen „jüdischen" Madame P o r g e s, welche bekanntlich 100.000 Francs dem Herzog von Orleans einzig zum Zwecke der antisemitischen Propagande zur Verfügung stellte. Ermordung eines jüdischen Hausierers. Einem traurigen Schicksale ist verwichene Woche der 54jährige Budapester jüdische Hausierer Josef P o 11 a k zum Opfer gefallen. Er befand sich mit seinem Hausierkasten auf der Wanderung, als ihn in einer entlegenen Gasse drei anscheinend den besseren Ständen angehörige Herren mit allerlei antisemitischen Redensarten zu hänseln anfiengen. Als dem armen Teufel endlich die Geduld riss und er den „Herren" die Wahrheit sagte, fielen sie alle drei über den wehrlosen alten Mann her und prügelten ihn erbärmlich durch. Mühselig schleppte er sich nachhause, wo er den Fall erzählte und über heftige Schmerzen klagte. Trotzdem wurde der Sache kein grosses Gewicht beigelegt. Am nächsten Tage jedoch verschlimmerte sieh sein Zustand derart, dass er ins Rochus-Spital überführt werden musste. Jetzt erst erstatteten seine Hausleute die Anzeige bei der Polizei. Ehe jedoch die Thäter ausgeforscht werden konnten, starb P o 11 a k an den Folgen der ihm von den drei Strolchen beigebrachten Verletzungen. Die Budapester Polizei fahndet eifrig nach den Strolchen, ohne dass sie ihrer bis zur Stunde habhaft werden konnte. „Fuhrmann Henschel" im Jargon. Von Gerhart Hauptmanns berühmtem Drama „Fuhrmann Henschel" ist dieser Tage in New-York eineJargon-Uebertragungerschienen. Auch soll das Drama demnächst auf einer der New-Yorker Jargon-Bühnen aufgeführt werden.