Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 7 (16.2.1900)
- Article
- Mildernde Umstände
- Date
- 1900-02-16
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die 2^ Welt" Nr. 7 man ihnen von dem Beizebub jenseits des Rheins erzählt. Die Gebildeten arbeiten den stetigen Wühlereien der Chauvinisten nicht entgegen, sie helfen sogar die Kluft erweitern, welche zwei CulturvÖlker trennt Paul Deschanel, ein kluger und gewandter Mann, gebildet und durch seine Stellung ein Führer seines Volkes, hat in seiner oben erwähnten Rede beim Eintritte in das vornehmste geistige Institut Frankreichs ziemlich rauh die vernarbende Wunde aufgerissen und mit seinen Ausführungen zwar den Beifall der Nationalisten, aber das peinlichste Aufsehen im Auslande erregt. In dieser durch Kriegsgedanken geschwängerten Luft athmet das Land seit einem Menschenalter und daraus entstand die göttliche Verehrung der Armee. Man tanzt um den Säbel, wie die Juden einst um das goldene Kalb, singt ihm Hymnen und nennt Jeanne d'Arc „das idealste Gedicht, weiches jemals Herz und Phantasie der Menscheit erfreut hat." Die Menge vertheidigt ihr Idol mit fanatischer Liebe, und kann sie sich einmal der Wucht der gegnerischen Beweise nicht entziehen, nun, dann erkennt sie eben auf „mildernde Umstände" und beruhigt durch dieses Compromiss ihr Gewissen. Wer zunächst den Schaden spürt, ist leicht zu errathen: die Juden. Vielleicht das einzelne Individuum nur wenig. Aber der Gesammtheit, dem sie repräsentierenden Begriffe thut man alle Schmach an. Und dem Treiben der bösen Geister gegenüber scheinen die Wissenschaften und der ausgleichende, beruhigende Weltverkehr ohnmächtig und ein Jahrhundert kann vergehen, ehe die Mehrheit des französischen Volkes den Ausbeutern des edlen Nationalgefühles das Handwerk legen wird. Der geschilderten Stimmung des Volkes entspricht ihr Ausdruck, die Zeitungen. Sie sollen zwar die öffentliche Meinung führen, ziehen aber meist vor, von ihr geführt zu werden. Man kann deutlich drei Gruppen derselben unterscheiden. Die eine wird von denjenigen Blättern gebildet, welche die nationale Ueberhebung aller Schattierungen vertreten. Sie sind die natürlichen Vertheidiger der Armee-Ehre, sie weisen aus eigenem Ermessen nur sich den Ehrennamen „Franzosen" zu und bezeichnen den Rest der Menschheit verächtlich als Fremde und Verrät her. Dann kommen die Journale mit Vermittlerrollen, angesehene Namen, die während des Dreyfus-Processes in der ersten Kampfreihe für die Wahrheit gefochten haben und heute schwächlich abfallen. Sie treten immer für „mildernde Umstände" ein und glauben dadurch zur Versöhnung beizutragen. Ein Beispiel für viele. Es ist bekannt, wie der „Figaro" der Sache der Gerechtigkeit gedient hat. Die ganze bodenlose Verwegenheit und Tücke gewisser Officiere hat er selbst gebrandmarkt und heute, anlässlich des Processes der „Aurore", sagte er wörtlich: „Ich vermag es nicht, ihnen (den Officieren) keinen Glauben zu schenken im Grunde meiner Seele, weil eine Armee, in welcher Leute geduldet würden, die zwischen den Soldaten Rassenunterschiede machen, wert wäre des grössten Unglückes." Das ist die Stimmung der Masse. Sie will sich den Glauben an ihr Theuerstes nicht rauben lassen und will Ruhe haben, um die Fremden freundschaftlich auszubeuten, welche zur Weltausstellung in Paris zusammenströmen werden. Sie verurtheilt die unbequemen Mahner, um abzuschrecken, und im Gefühl der Schande bemäntelt sie das Unrecht mit den „mildernden Umständen". Die dritte Gruppe der Zeitungen umfasst diejenigen, welche Jieber den Scheinfrieden stören, als die Verbrecherruhe lassen. Zu ihnen gehört namentlich die „Aurore", und mit ihr vereint kämpfen die socialistischen Blätter. Diese Herolde der Oeffentlichkeit verlangen ein rücksichtsloses Vorgehen gegen die vereinigten Nationalisten und Clericalen, in der richtigen Erkenntnis, dass das genannte par nobile fratrum nur den Verlauf der Weltausstellung abwarten und dann von neuem in seiner rastlosen, verwegenen Arbeit einsetzen werde, nicht eingeschüchtert oder abgeschreckt durch die so glimpflich verlaufenen Processe der letzten Zeit. Auch diese Journale sind keine Freunde jener Gerechtigkeit, welche durchgesetzt werden muss, mag auch die Welt darob zugrunde gehen. Auch sie wünschen, dass mit der Gerechtigkeit Mildesich paare. Bevor aber aus dem Werke der Gn ad i die Drachensaat des Hasses aufspriesse, möge lieber die volle Strenge des Gesetzes walten. Treffend fragen sie, ob die Gegenparteien „mildernde Umstände" anerkennen würden, wenn sie durch das Spiel des Schicksals in die Lage versetzt würden, über die Stützen der gegenwärtigen Republik zu entscheiden. Und mit Bitterkeit klagen sie auch über die Haltung der Juden, welche theils indifferent sich verhalten, theils schwanken in Verhältnissen, welche kein Zaudern und keine Halbheit dulden. Unsere französischen Brüder haben in der Geschichte der letzten Jahre nicht die Würde bewahrt, welche der glänzenden Vergangenheit unseres Volkes entsprochen hätte, nicht die Pflicht erfüllt, welche die Stammesverwandtschaft ihnen auferlegte: für einander einzustehen ohne Rücksicht auf Privatinteressen. Statt dessen werfen viele von ihnen sehnsüchtige Blicke nach dem Lager der Gegner, in welches sie eine Zeitlang nicht eintreten durften. Jetzt glauben sie, die Stunde der Rückkehr habe geschlagen, und eilen, wieder in die Salons der grosse« Welt einzutreten. Sie sind es, welche am lautesten die getreuen Warner verspotten, und recht gerne „mildernde Umstände" denjenigen Leuten zugestehen, welche sich den Frieden gefallen lassen, weil sie den Krieg nicht führen können. Sie wissen recht gut, dass sie im umgekehrten Falle nicht auf Gnade rechnen können. Hätten sie eine reizbarere Haut, so müssten sie die Geisseihiebe fühlen, welche die „Aurore* ihnen versetzt und, eines Besseren belehrt, die Verkehrtheit ihres Thuns einsehen. Wir möchten unserem Worte die Kraft verleihen, tief in das Herz unserer Brüder einzudringen und sie zu überzeugen, wie schädlich das Compromiss für sie selbst ist. Tua res agitur. Ihre Interessen kommen in Frage. Mit der ganzen Macht, welche zwar nicht die Volkszahl, aber die Zahl ihrer Talente und ihre sociale Stellung verleihen, sollen sie für einander und für die grosse Gemeinschaft einstehen. Es gab wohl Juden, die für die Ehre ihres Volkes kämpften. Aber viele wichen, nachdem sie ein Weilchen an der Seite ihrer Brüder ausgehalten hatten. Der Senator Strauss, anfangs Dreyfusard, schloss sich später der Partei der Beruhigung an. Bei den letzten Wahlen fiel er durch ohne Zuerkennung „mildernder Umstände." Wir könnten schadenfroh lachen, wenn nicht die Lehre gar so bitter wäre. Josef Rein ach sehnt sich wieder nach der Uniform und führt eine heftige Pressfehde gegen alle Blätter, welche die „Ehre der Armee" verletzen. Doch wollen wir gerecht sein, so müssen wir diesen Armen im Geiste „mildernde Umstände" gewähren. In ihrer Kurzsichtigkeit glauben sie den Feind durch Entgegenkommen zu entwaffnen. Und dann halten sie das jüdische Volksthum für eine abgestorbene Lebensform, für ein Haus, in welchem man nicht angenehm wohnt, aus welchem aber die besten Möbel ausgeräumt wurden und dessen nackte, kahle Wände den Betrachter abstossen. Wir fürchten, sie werden noch vierzig Jahre durch die Wüste und ihre Schrecken wandern müssen, ehe sie erkennen werden, dass das jüdische Volk lebt und den Glanz der alten Herrlichkeit herbeisehnt. Mit der Idee der nationalen Auferstehung kommt die Befreiung aus beengenden Vorstellungen. _ Reminiscenzen aus dem vorigen Jahrhundert. Von Norbert Kriegsmann. Vor mehreren Wochen hielt das von der Presse seit Monaten hartnäckig angekündigte XX. Jahrhundert trotz des lebhaften Widerspruches mancher Gelehrten seinen