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Die Welt · 1900-02-09 · 6 (9.2.1900) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
6 (9.2.1900)
Article
[Kommentar]
Date
1900-02-09
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 „Die Welt** Nr. 6 natürliches ist, dass nur ein bö»ser WilLe etwas Unberechtigtes darin finden könne. Ein neues zionistisches Blatt erscheint seit kurzem. „Jüdische Volks stimme", Centraiorgan der jüdischen Arbeiter und Handelsangestellten. „Die „Jüdische Volksstimme" will das Blatt der jüdischen Arbeiter und Armen, ihre Freundin und Führerin sein. Weil sie das will, dient sie dem Gedanken des Zionismus. Denn nur im Zionismus, der für das jüdische Volk eine gesicherte Heimstätte schaffen will, kann eine Lösung der Judenfrage erblickt werden." Mit diesen Sätzen kennzeichnet die „Jüd. Volksstimme" ihr Programm. Die vorliegende ersteNummer präsentiert sich in recht hübschem Gewände. Etwas weniger theoretische Erörterungen, dafür mehr Berichte auswärtiger jüdischer Organisationen, vor allen Dingen aber Correspondenzen über Handel und Verkehr und alles, was mit Arbeiterorganisationen zusammenhängt, dürfte unserem jüngsten Partefblatte anzuempfehlen sein. Wir begrüssen das Blatt als einen Factor, der — wenn es hält, was es verspricht — von bedeutendem Einflüsse werden kann auf die grosse Masse der jüdischen arbeitenden Classe. Die Redaction und Administration befindet sich in Brünn, Krautmarkt 11. Das Blatt erscheint am 1. und 15. jedes Monats. „Jewish Sentiment and Echo" in Atlanta, Pa., bemerkt in einer seiner letzten Nummern: „Die Ausbreitung der zionistischen Bewegung ist eine bemerkenswerte Thatsache. Hier sowohl als in Europa erweckt sie die Theilnahme aller Kreise. Die Lage der Jude.i in Amerika treibt diese nicht gerade dazu, das Land zu verlassen, aber ihre Zahl ist doch nur im Verhältnisse zu den europäischen Juden wie 1:10. Unsere Brüder in Europa befinden sich nicht in so glücklicher Lage wie wir hier, und ihr Ruf nach einem Heim, wo sie in Ruhe und Frieden wohnen können, soll nicht verhallen . . . Wir unterstützen herzlichst die Colonisierung Palästinas. Wir hoffen, dass die entgegenstehenden Hindernisse beseitigt werden und zweifeln nicht, dass ein jüdischer Staat unter dem Schutze der Grossmächte erstehen wird. Aber wir sind der Ansicht, dass der Ausführ iing dieses Planes eine Bevölkerung des Landes vorherzugehen hat. Ferner muss das Volk culturell gehoben und endlich zur Anerkennung der nationalen Idee erzogen werden." Bücherwelt. Jüdische Realpolitik in Oesterreich. Ein Vademecum für ernst Denkende. Von Dr. M. Rosenmann, Bezirksrabbiner in Floridsdorf. Wien, Verlag R. Löwit, L, Rothenthurmstrasse 22. Der Verfasser proponiert in seiner Broschüre die Gründungeinerneuenjüdischen Partei, der „jüdisch-politischen Partei". Sie soll die Juden umfassen, die sich assimilieren können oder wollen, jene Juden, die im Zionismus keine Lösung der Judenfrage sehen. Durch gegenseitiges Entgegenkommen sei die Spannung zwischen Zionisten und Nicht- Zionisten zu beheben. Kampf gegen den Antisemitismus hierzulande soll eine Hauptaufgabe der „Jüdisch-Politischen" sein. Man möge versuchen, die verloren gegangenen Sympathien der Oeffentlichkeit dem Judenthum wieder zu gewinnen und die Gleichberechtigung der Juden auf allen Punkten anzustreben. In folgenden Postulaten lässt der Verfasser sein Programm gipfeln: Subventionierung des israelitischen Cultus durch den Staat. Modificierung der Sonntagsruhe zugunsten der Juden. Besetzung der im Ministerium für Cultus und Unterricht bestehenden Abtheilung für jüdische Cultusangelegenheiten mit jüdischen Kräften. Einführung der hebräischen Sprache als Lehrgegenstand an den Mittelschulen mit obligatorischer Geltung für die jüdischen Schüler. Gleichstellung israelitischen Religionslehrer an den Mittelschulen mit den anderen Lehrkräften. Eingliederung der israelitischen theologischen Lehranstalt in Wien in die Wiener Universität und die Errichtung von Lehrkanzeln für hebräisch-jüdische Geschichte an den philosophischen Facultäten in Wien, Krakau. Prag, Czernowitz. Daniel Mordowzew: Die Helden von Jerusalem. Ein hisorischer Roman. In den Jargon übertragen von M. J. Freud und herausgegeben von M. S p e c t o r. Gr. 8". 104 S. Warschau 1899. Die literarische Persönlichkeit Mordowzews ist an dieser Stelle erst kürzlich, aus Anlass der Besprechung der hebräischen Uebersetzung seiner Erzählung „Zwischen Hammer und Amboss", gewürdigt geworden. Mordowzew zählt in seiner Heimat zu den besten Shriftstellern, und' seine ausgezeichneten Reiseschilderungen haben seinem Namen weit über die Gemarkungen Russlands hinaus einen guten Klanp. verschafft. Was uns seine Persönlichkeit als< besonders interessant erscheinen lässt, das ist der Umstand, dass sich dieser russische Schriftsteller die Stoffe zu seinen Skizzen und Erzählungen mit besonderer Vorliebe aus dem jüdischen Volksleben holt. Aber man thäte Mordowzew gewaltig unrecht, wenn man ihn in die Kategorie jener in Russland und besonders in Polen nicht seltenen Schriftsteller einreihte, die da glauben, oder richtiger andere glauben machen wollen, sie schilderten jüdisches „Leben", während sie thatsächlich bloss dem jüdischen Leben einige Aeusserlichkeiten abzugucken imstande waren. Mordowzew ist einer von den wenigen nichtjüdischen Schriftstellern, die uns in ihren Schilderungen wahrhafte, echte Juden vorführen und nicht bloss Leute mit jüdischen Namen, Leute, die lediglich an den Namen als Juden kenntlich sind. Er, der einer der besten Kenner des jüdischen Volkes und seiner Geschichte ist, versteht es eben wie kein zweiter, seine Gestalten aus dem vollen, sprudelnden jüdischen Leben zu schöpfen, deshalb sind sie wahrhaft und echt, und deshalb überragen seine Schilderungen jüdischen Volkslebens ganz beträchtlich jene „jüdischen" Skizzen, die zu schreiben sich heutigentages jeder russische oder polnische Belletrist, der auf seine Reputation etwas gibt, gleichsam für verpflichtet hält. .. Musste schon jedermann beim Lesen einer der Mordowzew'schen Erzählungen den Eindruck empfangen, dass Mordowzew das jüdische Leben der Gegenwart meisterhaft zu schildern versteht, so konnte es für denjenigen, der Mordowzews vor einigen Jahren erschienen historischen Roman „Die Helden von Jerusalem" kennen zu lernen Gelegenheit hatte, auch darüber keinen Zweifel geben, dass Mordowzew das jüdische Leben der Ver gangenheit mit derselben Meisterschaft zu beschreiben vermag. Dieser historische Roman, der uns nun in einer ausgezeichneten Jargonübertragung vorliegt, vereinigt in sich alle Vorzüge der Mordowzew'schen Erzählungskunst. Indem Mordowzew uns in diesem Romane die Geschichte der Liebe Titus', des Sohnes Vespasians und nachmaligen römischen Kaisers, zu Berenike, der schönen Schwester Agrippas, des letzten jüdischen Königs, erzählt, führt er uns gleichzeitig in markigen Zügen Bilder aus einer der traurigsten Epochen unserer Geschichte vor. Die Schilderung der heldenmüthigen Haltung der Juden bei der mehrere Monate währenden Belagerung Jerusalems durch die Söldlige Roms nimmt in dem Roman einen breiten Raum ein. Dieser Umstand dürfte auch für die Herren Freud und Spector die Veranlassung gewesen sein, diesen Roman Mordowzews in einer billigen Jargonausgabe den jüdischen Volksmassen zugänglich zu machen. Man muss ihnen hierfür alle Anerkennung zollen. Umsomehr, als der literarische Wert des Romanes, wie man beim Durchlesen der Jargonausgabe mit Befriedigung constatieren kann, trotz der durch die Rücksicht auf aas Jargon- Lesepublicum gebotenen Kürzung und Streichung mancher Stellen, keine Einbusse erlitten hat. j. z. Feuilleton. An Max Nordau. Vor Jahren war es. Da pochte ich an Ihre Thüre, etwas ängstlich, wie der berühmte Schriftsteller den unbekannten Collegen, wie der vielbeschäftigte Mann, an dessen Tag drei Berufe zehren, den Touristen empfangen werde. Im Vorzimmer stammelte ich einige französische Verlegenheitsphrasen der Entschuldigung. Ein kleines Mütterchen hörte mich lächelnd an. „Mit mir werden Sie bald deutsch reden," war ihre schalkhafte Antwort, währendin dem runden, gütigen Gesichte zwischen Falten und Runzeln kleine, heitere Kobolde auftauchten. Dann lachten wir beide, sie, d.ass sie mich so rasch errathen — ich — weil ich in Gegenwart meiner Mutter immer zu lachen versuche. Ich war mit einem Schlage zuhause in Paris — daheim bei Max Nordau. Was muss Ihnen diese Mutter gewesen sein, die an Ihrer Seite ihr Leben beschloss? Nicht wahr, Sie haben

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