Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 6 (9.2.1900)
- Article
- Amtsentsetzung eines antisemitischen Redacteurs
- Date
- 1900-02-09
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315858-3366520--17785-3366630- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 6 „Die j& Welt" Seite 11 Man stelle sich vor: Der Held, welcher seit Jahr und Tag die wehrlosen Juden in unaussprechlicher Weise beschimpft und beleidigt, dieser Held musste der Gewalt weichen. Noch mehr, Fürst Galitzyn war noch so unhöflich, dass er der Redaction der „Kawkas" den Befehl ertheilte, von Welitschko keine wie immer gearteten journalistischen Erzeugnisse aufzunehmen. Und warum alle diese Unföflichkeit von Seiten des allgemein geachteten Fürsten Galilzyn? Weil der Fürst zur Uberzeugung gekommen ist, dass die Thätigkeit Welitschkos eine äusserst schädliche und für die Eintracht der Bürger höchst gefährliche ist. Welitschko hat nämlich seine journalistische Mission ungefähr so aufgefasst, wie unser berühmter Vergani. Auch der Russe ergieng sich in allerlei Schmähungen gegen die Juden, auch er scheute sich nicht, zu entstellen und alle Mittel zu heiligen, um seinem Antisemitismus Ausdruck zu verleihen. Im Czarenreiche aber scheint man kein besonderes Verständnis für die „erspriessliche" Thätigkeit des Welitsckko und Genossen zu haben. Und da die Russen keine Verfassung haben, welche die Rechte aller Bürger schützt, so nahm Fürst Galitzyn Zuflucht zu der ihm vom Czaren verliehenen Gewalt, um das Uebel auszurotten. Bei uns aber ist eine Verfassung da, welche allen Bürgern gleichen Schutz angedeihen lässt!.... N. Gt. Der antisemitische Herzog von Orleans. Dass Herzog Philipp von Orleans, der französische Kronprätendent, für die Juden keine besonderen Sympathien hegt, ist eine fast ebenso bekannte Thatsache wie d i e, dass er jüdischem G e 1 d e keinesfalls abhold ist. Aber der edle Herzog scheint offenbar zu glauben, es könnten in der weiten Welt auch solche Leute existieren, die das nicht wissen. Deshalb benützt er jede Gelegenheit, die sich ihm darbietet, um seine antisemitische Gesinnung zu documentieren. Man erinnert sich noch der antisemitischen Rede, die er vor Jahresfrist vor seinen in San Remo versammelten Getreuen hielt. Auch eine Depesche antisemitischen Inhaltes, die er vor einigen Wochen an einen gräflichen Freund in Frankreich richtete, wurde viel bemerkt. Dieser Tage nun hat er wieder das Bedürfnis gefühlt, einen antisemitischen Speech von Stapel zu lassen. Er beschied zu diesem Behüte seine Getreuen zu sich nach England, wo er jetzt Aufenthalt nimmt. Sie erschienen auch in grosser Anzahl, und es ist erwähnenswert, dass sich unter ihnen fast sämmtliche von dem Staatsgerichtshofe angeklagten Royalisten, einschliesslich zweier vom Staatsgerichtshofe Verurtheilter, befanden. An diese ehrenwerte Gesellschaft hielt der Herzog eine Ansprache, in der er in der heftigsten Weise gegen das jetzige Regime in Frankreich loszog, das er ein „freimaurerisch-jüdisches" nannte. Er sagte u. a.: „Ich habe bereits auf die vom Geiste des brutalsten Egoismus getragenen Speculationen der jüdischen und internationalen Machthaber hingewiesen. Die Republik musste vor diesen Machthabern das Knie beugen, aber die Monarchie wird und kann dies nicht thun!" Schliesslich richtete der Duc einen Appell an seine Anhänget-, sie mögen alle Mittel zur Anwendung bringen, um den Fall des derzeitigen französischen Regimes herbeizuführen. Jüdische Unterofftciere. Wie die russische Zeitung „Juzny Kräi" meldet, wird jetzt im Kriegsministerium die Frage erörtert, ob in der Armee Juden zum Unterofficiers- Berufe zuzulassen seien. Process der „Aurore". Das Schwurgericht des Seine- Departements verurtheilte den Herausgeber der „Aurore" und den Verfasser des in dem genannten Blatte erschienenen Artikels, in welchem der Cavallerie-Unterofficier de So langes beschuldigt wurde, durch schlechte Behandlung eines jüdischen Soldaten dessen Tod herbeigeführt zu haben, unter Zuerkennung mildernder Umstände zu je 500 Francs Geldstrafe und zur Veröffentlichung des Urtheils in fünf Nummern der „Aurore", sowie in zehn anderen Pariser Blättern. Der Wochenbericht des Matrikelamtes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde vom 28. Jänner bis 3. Februar verzeichnet 60 Geburten, 13 Trauungen und 40 Sterbefälle. Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Lemberg. Die jüdischen Socialisten Galiziens haben unlängst eine von circa 15 Personen besuchte „Conferenz" abgehalten. Zweck und Tagesordnung dieser Conferenz war bis heute für die nichtsocialistische Mitwelt -ein strenges Geheimnis. Dass ich dieses Geheimnis theilweise lüften kann, habe ich nur einem aus der Schule schwatzenden Genossen zu verdanken. Die Herren Socialisten haben nämlich über neue Wege und Mittel zur Niederwerfung des ihnen verhassten Zionismus nachgedacht. Das Anwachsen des Zionismus unter allen Classen der jüdischen Bevölkerung in Galizien jagt ihnen Grauen ein, und die Mittel zur Bekämpfung desselben sind erschöpft. Die physischen „Argumente" der Socialisten auf den zionistischen Versammlungen und die „geistigen" Hiebe gegen den Zionismus in ihrem an Abonnentenschwindsucbt entschlafenen Jargonblättchen haben uns gar keinen Schaden verursacht. Jetzt getrauen sich die Herren mit ihren physischen Argumenten nicht mehr in unsere Versammlungen und ihr Jargonblättchen hat mehrkeineHoffnungaaf„T'chijath ha-Methim"*). Durch Taktlosigkeit auf religiösem Gebiete haben sie das jargonlesende Publicum verloren. Nunmehr haben sie beschlossen, uns mit allen ihnen zugebote stehenden Mitteln zu bekämpfen. Wieso? Das ist die Frage, die sie noch selbst nicht beantworten können. Wir sehen aber auf jeden Fall der Lösung dieser Frage ohne Bangen entgegen, denn wie immer sie ausfallen wird, rauss der Sieg auf unserer Seite bleiben. G. B. England. London. Der in den letzten Tagen vielgenannte englische Heerführer Sir Charles Warren ist eine in jüdischen Kreisen Englands bekannte Persönlichkeit. Der General gehört zu den besten Kennern Palästinas. Zusammen mit Wilson und Condor hat er im Auftrage der englischen „Palestine Exploration Fund" in den letzten Jahren zahlreiche Ausgrabungen geleitet. Seine Entdeckungen sind in den Werken „The Jerusalem Volume" und „The Recovery of Jerusalem" eingehend besprochen. Mit Colonel Golds m i d t ist Sir W a r r e n seit langen Jahren eng befreundet. Auf eine weitere Merkwürdigkeit weist „J. Chr." hin. nämlich, dass ein zweiter, im Transvaalkriege operierender General, Lord Kitchener, ebenfalls im Auftrage der Palästina-Gesellschaft das Heilige Land besucht hat, ehe er nach dem Sudan gieng. Amerika. New-York. In einer zur Feier ihres zweiten Stiftungstages abgehaltenen Versammlung der Z. B. T. „Fraternity* sprach u. a. auch Dr. Gustav Gottheil von der Notwendigkeit der Schaffung eines officiellen zionistischen Organs für Amerika und gab der Hoffnung Ausdruck, es werde diese Idee bald der Verwirklichung nähergebracht werden. Professor Gott heil sprach über den Zionismus und wie es die Pflicht aller, namentlich der Befähigteren unter uns, sei, sich mit an die Spitze iier Bewegung zu stellen. Gerade die Lauheit der Verständigeren sei der Nachtheil, unter dem der Zionismus noch zu leiden habe. Die Mitglieder der „Fraternity" *) Auferstehung.