Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 6 (9.2.1900)
- Article
- [Nachricht]
- Date
- 1900-02-09
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 10 „Die s£ Welt" Nr. 6 Tribüne. (Für das in dieser Rubrik Publicierte ist die Redaction nicht verantwortlich.) Im Vereinsiocale des Einzelvereines „Wien" des „Ziem", IL. Gredlergasse 9, spricht am kommenden Dienstagabends 8 Uhr der Schriftsteller Herr Dr. Paul Weisengün über „Der Zionismus auf Grund der Nationalökonomie". Gäste, auch Damen, sind herzlich willkommen. Der Ausschuss. „Dem getreuen Zionisten, unserem Vereinssecretär Herrn Moses Grossmann, gratulieren wir herzlichst zu seiner Verlobung mit Fräulein S c h e e r und wünschen ihm innigsten E"Ttt- Skole, am 2. Februar 1900. Verein „Dorschei Zion, Skole". Der Obmann: Dr. Klein. Aufruf an unsere Glaubens- und Gesinnungsgenossen! In unserer Stadt existieren zwei Volksbibliotheken, und zwar eine ausschliesslich für Polen und die zweite ausschliesslich für Ruthenen. In beiden werden keine Bücher an Juden verliehen. Die hiesige jüdische Bevölkerung (3500 Familien, darunter 80 Percent Beschäftigungslose und Unbemittelte) hat also aus Mangel an nützlichen und belehrenden Büchern keine Gelegenheit, sich geistig fortzubilden. Die hiesigen Gemeindegewaltigen und die sogenannte jüdische Intelligenz stehen dieser betrübenden Erscheinung gleichgiltig gegenüber. Im Sinne der beherzigenswerten Worte unseres Führers Dr. Theodor Herzl, wonach die Zions- Vereine Erziehungsanstalten für den jüdischen Geist werden müssen und in jedem einzelnen Zions-Verein tüchtige Männer und Frauen ausgebildet werden sollen, ferner in der Erkenntnis, dass unter den wichtigsten und erspriesslichsten Erziehungsmitteln die Volksbibliotheken einen hervorragenden Platz einnehmen, appellieren wir an alle Volksfreunde, Zions- Vereine, hauptsächlich aber an die Herren Autoren hebräischer, deutscher, polnischer und jüdisch-deutscher Werke, uns Bücherspenden zukommen zu lassen, wofür wir im voraus besten Dank sagen. Der Ausschuss des Vereines „Zion" in Nadwörna: Josef Mehr, Cultusvorsteher, Leon S o b e 1. Obmann. Schriftführer. Adresse: Verein „ZionK, Nadwörna (Galizien). Weltchronik. Die Hu gersnoth der bessarabischen Juden. In Odessa hat sich ein Comite zur Unterstützung der von der Missernte betroffenen jüdischen Bevölkerung der Kreise Akkermann. Bendery und Ismail gebildet. Dem Comite sind Nachrichten zugekommen, aus denen hervorgeht, dass es in diesen Kreisen Dörfer und kleine Städte gibt, wo der grösste Theil der jüdischen Bevölkerung buchstäblich verhungert, indem den Leuten selbst das tägliche trockene Brot abgeht. Die Odessaer Zeitungen entnehmen einem Privatbriefe aus dem Dorfe Torutino Folgendes: „Von den 400 Familien, die hier leben, erhalten gegenwärtig mehr als 80, d. h. über 300 Personen, ihre ganze Verpflegung vom „Vereine zur Unterstützung armer Juden." Bis vor kurzem gaben alle mehr oder weniger vermögenden Juden der Umgegend ihre Beiträge in die Vereinscasse, und es wurden 1800 Rubel zusammengebracht, welche zur Verabfolgung von Mehl und Heizmaterial an die dürftigen Mitglieder verwandt wurden. Jetzt aber verringern sich die Unterstützungsbeiträge immer mehr, während die Noth fort und fort wächst. Die Vereinscasse ist schon fast erschöpft, und falls von aussen keine Hilfe kommt, wird die Lage der Unglücklichen sich grauenhaft gestalten. Die Kreisverwaltung hat sich erbötig gemacht, den hiesigen deutschen Colonisten Lebensmittel zur Verfügung zu stellen. Die Deutschen leisteten aber auf eine solche Unterstützung Verzicht, in der Hoffnung, mit eigenen Mitteln ihr Auslangen zu finden. An die Juden aber hat die Verwaltung ganz vergessen. Die hiesigen jüdischen Einwohner petitionierten um Verabreichung einer Unterstützung von den sogenannten Krobkasteuergeldern, die bei der Gouvernements-Verwaltung im Betrage von 15.000 Rubeln erliegen, allein auch dieses Ansuchen blieb ohne Resultat. Demzufolge befindet sich jetzt das Dorf Torutino in der Lage völliger Hilflosigkeit. Meine Feder ist zu schwach, die Lage der Unglücklichen darzustellen, die wie Schatten auf den^ Strassen umhergehen und nicht genug Kräfte besitzen, um die Hände nach Almosen auszustrecken! Einige von ihnen waren noch unlängst wohlhabende Leute, und da sie sich nicht entschliessen können, auf der Strasse zu betteln, schicken sie mit Beginn der Abenddämmerung ihre hungrigen und zerlumpten Kinder zu den Nachbarn, um diese um ein Stückchen Brot oder ein Häuflein Holz zu bitten. Schrecklich ist der Anblick dieser bettelnden Kinder, die als „Ernährer* ihrer Eltern erscheinen. Wie lange wird diese Lage anhalten?" — „Budustschnostj" meldet: Fürst S. M. Schachowskoj hat sich der Mühe unterzogen, die Unterstützung der jüdischen Bevölkerung der Süd-Städte zu organisieren, und begab sich zu diesem Zwecke nach Odessa. Erweiterung das Ansiedlungsrayons. Wie die „Peterburgskija Wjedomosti" melden, zieht die russische Regierung ernstlich in Erwägung, das Gebiet des sogenannten jüdischen Ansiedlungsrayons zu erweitern, damit dem übermässigen Anwachsen der jüdischen Bevölkerung an einzelnen Orten Einhalt gethan werde. Ableben eines russisch-jüdischen Schriftstellers. Am 19. v. M. verschied in Odessa der Schriftsteller Joachim Tarn op o 1 in seinem 92. Lebensjahre. Der Verstorbene war einer der Begründer des ersten jüdischen Blattes in russischer Sprache, des „Rozswiet". Er schrieb u. a. mehrere Broschüren über die Juden in Russland und deren Geschichte, darunter eine in französischer Sprache. „Sehr richtig." In der Sitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses vom 3. d. M., auf deren Tagesordnung die Budgetdebatte stand, nahm auch der Abgeordnete Franz Buzdth, welcher der antisemitischen Volkspartei angehört, das Wort, um die Stellung seiner .Partei zur Regierung zu präcisieren. In seiner, mit zahlreichen antisemitischen Ausfällen gewürzten Rede kam er auch auf die massenhafte Einwanderung polnischer und russischer Juden nach Ungarn zu sprechen und forderte die Regierung auf, diese Einwanderung mit allen gesetzlich zulässigen Mitteln zu verhindern. Der Parlamentsbericht verzeichnet bei dieser Stelle der Rede zahlreiche zustimmende Zwischenrufe. Man sollte meinen : von antisemitischer Seite. Allerdings. Aber auch ein Jude sah sich veranlasst, hier sein „Sehr richtig!" anzubringen. Julius Rosenberg heisst dieser Beifallsspender. Amtsentsetzung eines antisemitischen Redacteurs. Durch die Spalten der antisemitischen Blätter Russlands zieht lautes Wehklagen: ihr treuer Kampfgenosse und Verbreiter der Lügen gegen die Juden, der Redacteur der in Tiflis erscheinenden Zeitschrft „Kawkas", der ob seiner Niederträchtigkeit in Russland berühmte „Publicist* W e 1 i t s c h k o, ist vom Chef im Kaukasusgebiete, Fürsten Galitzyn, seines Amtes als Leiter des Blattes entsetzt worden. Der Fürst war unhöflich genug: er schickte zu Welitschko einen einfachen Gendarmerie-UnterofEcier mit dem Befehle, das Amt eines Leiters des Blattes „Kawkas" sofort niederzulegen. Welitschko musste gehorchen.