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Die Welt · 1900-02-09 · 6 (9.2.1900) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
6 (9.2.1900)
Article
Die Hungersnoth in Bessarabien
Date
1900-02-09
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die & Welt" Nr. 6 geben ein Tiefgrau gehaltenes, aber naturgetreues Bild des Elends, welches die bessarabischen Juden betroffen hat. Private Wohlthätigkeit ist angesichts dieses grässlichen Nothstandes völlig machtlos und unzulänglich; hier müsste eine grossangelegte Hilfsaction eingreifen. Manches nach dieser Richtung hin ist schon unternommen worden. In Odessa ist ein Comite für die Zusammenfassung und Concentration des UnteiStützungswerkes gegründet worden, welches in allen Zeitschriften einen Aufruf um schleunige Hilfe veröffentlichte. Alle jüdischen Zeitungen Russlands, sowie auch dieRedactionen der Odessaer Tagesblätter haben mit der Sammlung von Spenden begonnen. Auch die Moskauer Juden haben sich nach einem Berichte der „Budustschnostj* zusammengethan, um ihren bessarabischen Brüdern nicht bloss mit Geldspenden an die Hand zu gehen, sondern auch durch Errichtung eines besonderen Verpflegungs-Detachements. Die Redaction der „Budustschnostj" empfiehlt eine Reihe von provisorischen Massnahmen, wie z. B. die Eröffnung von Volksküchen, Wärmestuben und Theetrinkhallen, Versorgung der Kinder in den Schulen und Chedarim mit warmen Speisen u. s. w. Nebenher stellt aber „Budustsehnostj" auch Betrachtungen an über diejenigen Mittel, welche anzuwenden wären, um dem Eintritt solcher wirtschaftlichen Katastrophen vorzubeugen. Das Blatt meint, das grösste Unglück seien die gleichartigen Beschäftigungen der Juden. So zum Beispiel leben die Lodzer Juden Überwiegendentheils „von der Fabrik", die bessarabischen Juden sind fast ausschliesslich Winzer oder Tabaksbauer. Werden nun in Lodz infolge einer Handelskrise einige Fabriken geschlossen, oder stellt sich in Bessarabien eine Missernte ein, so bleiben die Juden des ganzen Landstriches ganz ohne Halt und Subsistenzmittel. Gegen diese Erscheinung müsste man dadurch ankämpfen, dass man den Beschäftigungen der jüdischen Bevölkerung nachgienge und neue Arbeitsgelegenheiten ausfindig machte. Man müsse die Juden systematisch von der Gewohnheit abbringen, sich stets jenen Erwerbszweigen zuzuwenden, mit denen schon viele Hände beschäftigt sind. Ausserdem findet die .Budustschnostjnoch einen Missstand für die jüdischen Arbeiter darin, dass sie immer in solchen Fabriken Arbeit suchen müssen, wo nur die christlichen Feiertage beobachtet werden, und wo daher diejenigen Arbeiter, welche Samstags nicht arbeiten wollen, einen kleineren Arbeitslohn bekommen. Das Blatt begrüsst daher die Initiative der Lodzer und Warschauer Zionisten, Fabriken speciell für jüdische Arbeiter zu gründen, mit grosser Genugthuung, und bemerkt, dass die Initiatoren dieser edlen Sache hohe Anerkennung für ihr vernünftiges Planen verdienen, das bei günstigen Bedingungen eine Verbesserung der ökonomischen Lage eines grossen Theiles der russischen Juden anbahnen dürfte. Aus der Wiener Cultusgemeinde. Der Wiener Gemeinderath Lucian B r u n n e r hat den nachstehenden offenen Brief an den Cultusvorstand gerichtet. Dieser Brief ist ebenso bemerkenswert, wie die gehässige, engherzige Absicht des Cultusvorstandes, die ihn veranlasste, bedauerlich war. Löblicher Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde Wien. Hochgeachtete Herren! Wie aus den Zeitungsberichten über eine öffentliche Sitzung Ihres Collegiums im December ersichtlich ist, haben Sie den Beschluss gefasst, die Wahlordnung für den Cultusvorstand dahin abzuändern, dass in Zukunft die Wähler der Cultusgemeinde in mit verschiedenen Rechten ausgestattete Wahlkörper einzutheilen seien. Dieser Beschluss — ich bin dessen überzeugt — bedeutet für viele tausende von Wählern der Cultusgemeinde ein äusserst bedauerliches und betrübendes Ereignis, welches geeignet ist, dem Ansehen unserer Gemeinde, ja bei der Bedeutung der Wiener Cultusgemeinde dem gesammten Judenthum, eine schwere moralische Schädigung zuzufügen und wohlerworbene Rechte zu verletzen. Ich sehe mich deshalb veranlasst, gegen die Ausführung dieses Beschlusses feierlichst Verwahrung einzulegen und.begründe dies wie folgt: Vom rechtlichen Standpunkte: Der Cultusvorstand ist nach dem Statut berechtigt, eine Aenderung der Wahlordnung zu beschliessen. Ihr Beschluss bedeutet aber eine Aenderung der Wahlberechtigung, und hierzu sind Sie nicht competent. Der Cultusvorstand ist der Vollmachtträger der gesammten Wählerschaft, diese ist die Vollmachtgeberin. Nie und nimmer kann sich ein Vollmachtträger eigenmächtig seine Vollmacht gegen den Willen der Vollmachtgeber erweitern und gar deren Rechte confiscieren. Unsere Cultusgemeinde ist eine durch gesetzlichen Zwang errichtete Corporation. Jeder hier wohnende Jude ist verpflichtet, derselben beizutreten und muss nach Massgabe seines Vermögens an den Lasten beitragen. Die Pflicht bringt auch das Recht mit sich, und zwar da diese Pflicht die ganz gleiche ist für alle Steuerträger, so muss folglich auch ihr Rxcht das gleiche sein. Eine Aenderung der Wahlberechtigung könnte also nur durch Abstimmung aller Wähler stattfinden. Ich bestreite auch der Regierung das Recht, einen derartigen etwaigen Beshluss zu genehmigen Vom moralischen Standpunkte: Seit zwei Jahrtausenden erhält sich das Judenthum ohne ein Vaterland, trotz der unglaublichsten Bedrückungen und Verfolgungen, ' wie ein lebendes Wunder. Dieses ist nur so zu erklären, dass dasselbe eine grosse ewige Idee repräsentiert, die Idee der Menschenrechte. Ein Jahrtausend und mehr vor der französischen Revolution, welche die Menschenrechte unter der Devise der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit proclamierte, waren diese Grundvesten des menschlichen Gewissens nicht nur zur Theorie, sondern zur Lebensgewohnheit der Juden geworden. Das hat uns erhalten und gibt uns die Kraft, als kleine, allseitig verfolgte und verhasste Minorität den Kampf um die Gleichberechtigung zu führen. Unsere Zukunft, unsere Hoffnung beruht darauf, dass diese Grundsätze zum Gemeingut der ganzen civilisierten Menschheit werden. In allen Ländern der Welt ringt das Volk um die Gleichberechtigung im öffentlichen Leben. Und da sollen wir Juden vor aller Welt das gleiche Recht mit Füssen treten und uns in Kasten eintheilen nach dem Massstabe des Geldsackes! Was in Jahrtausenden, in den Zeiten der tiefsten Barbarei niemals vorgekommen ist, dass sich die Juden in Kasten eintheilten, das blieb dem neunzehnten Jahrhundert vorbehalten und Vertreter der Wiener Judenschaft sind es, welche ihren Mitbürgern die Schande anthun wollen, unsere glänzende Vergangenheit zu verleugnen und das Judenthum vor seinen Feinden zu compromittieren. Der reiche Wiener Jude will ein besseres Recht haben, als der ärmere. Es ist ihm nicht genug, dass ihn das Schicksal begünstigt, mit Glücksgütern gesegnet hat, ein Glück, unter welchem unsere armen Glaubensgenossen so viel und so tief leiden müssen. Er will dem weniger Reichen nicht die Ehre gönnen, ein gleiches Recht mit ihm zu theilen, er will ihm sein Recht kürzen und ihm sagen: Du bist ein minderwertiger Mensch, denn Du besitzest weniger als ich. Ich weiss nicht, wer diese Dummheit ausgeheckt hat, aber das ist ebensowenig edel als klug, denn es wird der grossen Masse der Juden zeigen, wo ihre schlimmsten Feinde sitzen. Für diese hässliche und unsittliche Massregel lässt sich kein anderes Motiv finden, als ein ganz geschmackloses Protzenthum — oder der scrupelloseste Egoismus. Vom Standpunkte der praktischen Erfahrung: Hat die Erfahrung etwa gezeigt, dass die Juden Wiens von revolutionären Anwandlungen heimgesucht waren und dass die grossen Steuerträger vergewaltigt und missbraucht worden wären? Niemals! Der Jude, auch der ärmste, wird immer an seiner Gleichberechtigung festhalten. Aber gleichberechtigt sein heisst bei ihm noch lange nicht gleichwertig sein, und niemals hat man in unseren Volkskreisen irgend ein Verdienst missachtet oder verkannt. Freilich, nur nach dem Geldsacke richtet sich bei unseren Glaubensgenossen die Verehrung nicht, auch nicht nach Titel und Orden, die auf irgend, einem Wege erworben. Besteht etwa der heutige Cultusvorstand aus Proletariern? Ganz

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