Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 6 (9.2.1900)
- Article
- Petersburger Brief
- Date
- 1900-02-09
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 6 „Die & Welt" Seite 7 Juden begleiten dan Verstorbenen nach dem Friedhofe, werfen ihn in das Grab und — fertig. So machen sie es auch mit dem erschlagener. „Haman". So verbringen die Juden die Zeit in jeder Synagoge während des Festes Purim." Bei der Unwissenheit der russischen Volksmasse ist das vom „Swjet~ erdichtete neue Ritualmord-Märchen trotz seiner augenscheinlichen Lächerlichkeit ein Mittel, um die Volksmassen gegen die Juden aufzuhetzen. Dies scheint auch der russische Würdenträger und Publicist VV. Pa\vl o w. ein genauer Kenner der Juden, begriffen zu haben, denn er publicierte in der „Petersburgskija Wjedomosti" vom 21. d. folgenden Artikel, der auch in anderer Hinsicht grosses Interesse bietet. P a w 1 o w schreibt in seinem Artikel: „Während meiner langjährigen Anwesenheit im jüdischen Niederlassungsgebiete höre ich ein solches Märchen zum erstenmale. Der „Swjet" hat es irgendwo aufgestöbert, um es den Lesern aufzutischen. Die Wildheit und Albernnheit einer solchen Erdichtung sind so augenfällig, dass sie widerlegen, sich selbst beleidigen hiesse. Doch muss ich einige Worte sagen. Der Schreiber des Blödsinns versichert, dass in jeder Synagoge an jedem Purim-Feste ein Christ als Haman misshandelt und erschlagen wird. Da die Synagogen nicht unter, sondern auf der Erde sind, so. müsste doch die Gerichtschronik einige solche Fälle aufweisen. Davon ist aber gar keine Spur! Nein, was der „Swjet" erzählt, ist eine Lüge, eine empörende Lüge. Die Veröffentlichung einer derartigen Lüge ist aber eine sehr traurige Erscheinung. Wie viel Kräfte und Energie verwenden unsere besten Männer, um die Unwissenheit und Vorurtheile zu bekämpfen, unter deren Zeichen unsere Volksmassen stehen! Zur gleichen Zeit aber publiciert Herr K o m a r o w solche Märchen . . . Mein Gott! Wird die Finsternis nicht bald verschwunden? Wird man nicht bald aufhören, die Märchen zu glauben, dass „die Juden Christenblut zu Ostern benöthigen?" Es ist schon höchste Zeit, dass Komarow aufhöre, Irreden zu drucken. Mehr Licht, mehr Licht, aber nicht ein solches Licht, das vom „Swjet" ausgeht! Wenn die Juden an Haman Rache nehmen wollen, so sollen sie einen Christen dingen, um ihm den „Swjet" vorzulesen." Wir haben aus dem Artikel des StaatsrathesPa wlow nur einige Stellen citiert, sie dürften aber genügen, um zu beweisen, wie sich der ernste und sittliche Theil der russischen Gesellschaft zu der Verbreitung von Ritualmord- Geschichten verhält. Auch die Thatsache, dass es die „Petersburgskija Wjedomosti sind, welche die Artikel P a w 1 o w s veröffentlichen, ist von symptomatischer Bedeutung. Denn die „Petersburgskija Wjedomosti" ist ein streng nationalrussisches und orthoxes Blatt, das dem russischen Adel und der russischen Kirche als Organ dient. Nur ist dieses Blatt gerecht, indem es eben seine Gerechtigkeit auch auf die Juden ausdehnt . . . Der Petersburger Senat hat dieser Tage drei Entscheidungen gefällt, welche für die Juden in Russland von grosser Bedeutung sein dürften. Ein Paragraph der russischen Passvorschriften (157) verfügt, dass die ausserhalb des Niederlassungsrayons wohnenden jüdischen Handwerker ihr Wohnrecht einbüssen, wenn sie einem Juden Obdach gewähren, dem der Aufenthalt in den ausserhalb des Niederlassungsgebietes liegenden Gouvernements nicht gestattet ist. Die Gouvernements-Verwaltungen Central-Russlands hatten diesen Paragraphen auf solche jüdische Handwerker angewendet, welche ihren Eltern, Schwestern oder Brüdern Obdach gewährten. Sie giengen noch weiter, indem sie die jüdischen Handwerker aus den Zunftlisten der betreffenden Gouvernements für immer strichen. Der Senat hat nun eine Instruction erlassen, welche den Gouvernements-Verwaltungen einschärft, dass den Folgen des § 157 nur solche jüdische Handwerker unterworfen werden müssen, welche f r e m d e n Personen jüdischer Confession Obdach gewähren; Familienmitglieder dürfen aber als Fremde nicht betrachtet werden. Eine zweite Entscheidung des Senates betrifft das Recht der Juden, aus einem Dorfe in das benachbarte Dorf zu übersiedeln. Bisher wurde den Juden eine solche Uebersiedlung nicht gestattet, und zwar unter Berufung auf eine am 29. December 1887 erlassene Kundmachung. Der Senat erklärte jetzt eine solche Uebersiedlung für erlaubt. Eine viel wichtigere Entscheidung ist jedoch in der Angelegenheit der Ausweisung der Juden aus den in einer Entfernung von 50 Werst von der Grenze liegenden Städten erflossen. Die von Alexande r III. angeordnete Ausweisung wurde bekanntlich auf Befehl Nicolaus II. am 21. Juni 1895 eingestellt. Nun meldeten sich die bereits ausgewiesenen Juden, um die Wiedereinsetzung in ihre früheren Wohnrechte zu erwirken. Die Behörden wiesen die Bittsteller zurück, wiewohl die betreffenden Juden ihre Zuständigkeit nachweisen konnten. Der Senat hat nun die Entscheidung getroffen, dass die Behörden kein Recht besitzen, die jüdischen Bittsteller dieser Kategorie zurückzuweisen, sondern verpflichtet sind, die Zuständigkeitsrechte dieser Juden zu prüfen und ihnen eventuell das Wohnrecht einzuräumen. In Wilna ist vor einigen Tagen der ehemalige Moskauer Rabbiner L. M i n o r, ein hervorragender Hebraist und aufgeklärter Geist, im Alter von 74 Jahren gestorben. Minor hat auf dem Gebiete der Aufklärung der Juden in Russland Wertvolles geleistet. Von tiefster Liebe Tür seine Glaubensgenossen getragen, trat Minor in zahlreichen literarischen und publicistischen Arbeiten für die Interessen der Juden ein. Als in den Siebzigerjahren in Russland ein polnischer Abenteurer, namens Lj utostansky auftauchte, um mit seiner Schmähschrift „Der Talmud und die Juden* die Verleumdungen Eisenmengers und tutti quanti gegen die Juden zu wiederholen, war es der Verstorbene Minor, welcher nebst der geistreichen Kritik des Professors Chwolsohn über das Erzeugnis dieses Abenteurers eine Schrift verfasste, in der Llutostansky als Fälscherund Lügner entlarvt wurde. Als geistreicher Redner hielt Minor während der Judenverfolgungen in Russland eine scharfe Rede, welche im Czarenreiche damals vielfach bemerkt wurde. Minor war auch ein intimer Freund des Grafen Leo T o 1 s t o j, dem er auch Unterricht in hebräischer Sprache und Literatur ertheilte. Möge ihm die Erde leicht sein. Enge. Die Hungersnoth in Bessarabien. Von J. Schorr. Unser Mitgefühl wird durch die Noth auch dort rege, wo wir ihr oft zu begegnen gewohnt sind; besonders tiefen Eindruck macht sie aber dort wo wir sonst Wohlstand und Zufriedenheit fanden. In diesem Falle befindet sich jetzt Bessarabien, dessen Einwohner infolge einer Missernte an den Bettelstab gekommen sind. Schon seit mehreren Jahren kennt Bessarabien keine guten Ernten, aber die vorjährige Missernte hat die Einwohner der Kreise Akkerman, Bendery und Ismail vollends zugrunde gerichtet, und brachte über sie den Hunger mit seinen schrecklichen Begleiterscheinungen, bei deren blosser Vorstellung sich Entsetzen eines jeden fühlenden Menschen bemächtigt. Ganz besonders hart traf dieses Missgeschick unsere unglücklichen Brüder, die am schwächsten für diesen schweren Kampf ausgerüstet sind; denn sie besitzen weder Vorräthe an Lebensmitteln, noch auch Capitalien, die ihnen ihre unglückliche Lage erleichtern könnten. Die Nachrichten der russischen Zeitungen