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Die Welt · 1900-02-09 · 6 (9.2.1900) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
6 (9.2.1900)
Article
Eine Judenverfolgung
Date
1900-02-09
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 tDie x> Welt?- Nr. 6 ereignet hat. Aber es hat sich etwas ereignet. Der flüchtige Zeitungsleser hat es vielleicht nicht bemerkt. Mir ist es aufgefallen. Die Geschichte spielt diesmal ausnahmsweise nioht im Osten, sondern im westlichsten Westen. Das ist eine Anomalie. Gewöhnlich civilisiert der Westen den Osten. Hier muss sich der Westen vom uncultivierten Osten puncto Judenverfolgungen in den Schatten stellen lassen. Ich habe noch immer nicht gesagt, wo sich das Ganze ereignet hat. In der Stadt, in deren Hafen sich die Freiheitsstatue erhebt, in New-York ... Es wird eigentlich nur ein einziger verfolgt. Es ist Heinrich Heine. Es ist auch nicht Heinrich Heine. Es ist bloss sein Denkmal. Dieses Denkmal hat eine bewegte Vergangenheit. Nirgends wollte man es aufnehmen, ruhelos musste es von Ort zu Ort wandern. So ward es eine Art Ahasver, eine Art ewiger Jude. Schlaue Köpfe, die davon gehört haben, dass wir die Juden als Nation betrachten, behaupten häufig: „Ja, wie könnt ihr Nationaljuden euch erbosen, wenn man dem Juden Heine in Deutschland kein Denkmal gewährt. Ist es ein Jude, so gebürt ihm ein Denkmal im Judenlande. Und da ihr kein Judenland habt, so gebürt ihm auch kein Denkmal." Ich will einstweilen auf diese Behauptung nicht weiter eingehen. Verstockte Leute, die die Zeitungsnotiz gelesen, werden behaupten, das sei nichts weiter als ein Bubenstreich. Dass es ein Bubenstreich ist, ein Denkmal zu verschandeln, leugne ich gar nicht. Aber es ist etwas mehr als eine Handlung des Uebermuthes. Man kühlt nicht seinen Uebermuth. man kühlt sein Müthchen. Man wüthet nicht wider den Stein, man wüthet gegen den Dichter H e i n e. Oder wollte man den oder die Juden treffen? Dass man dabei den Dichter Heine verfolgt, ist schwer zu glauben. Ich kann mir zwar vorstellen, dass es Leute geben mag, die Heine, ich meine seine Werke, abfällig beurtheilen. Ich kann mir auch, ziemlich mühevoll, vorstellen, dass jemand das „Buch der Lieder" für hässlich, für trivial und voll unechten Gefühls erklärt. Das ist Ansichtssache. Aber ein solcher Mensch wird entweder die Werke Heines nicht lesen, oder, wenn er zufälligerweise Literarhistoriker ist, sich bemühen, Heine zugrunde zu schreiben. Das kann vorkommen, und man braucht den Betreffenden nicht anzugreifen, so lange er nur die Werke angreift. Aber das thut man nicht Wenn an den Werken nichts Tadelnswertes mehr zu finden ist, nimmt man den Dichter selbst her. Und wenn man gar nichts Belastendes mehr vorzubringen weiss, so meint man, mitleidig oder boshaft: „Endlich und schliesslich ist Heine doch nur ein Jude." Ah, das klingt ganz anders. Nicht den Dichter, nicht seine Werke will man angreifen. Man greift in ihm die Juden als pars prototo an. Die literarhistorische, kalt-wissenschaftliche Erörterung wird zur wildbewegten Judenfrage. Man ist aber in diesem Heine-Hasse durchaus nicht consequent. Die Zecher sitzen im tiefen Keller beim Glase Wein. Aus dem Glase werden Gläser. Der Wein steigt zu Kopfe und wird zum Gesänge. Da erschallt es in der Runde „Ich weiss, nicht, was soll es bedeuten," und „Du hast die schönsten Augen". Man preist das Lied und seinen Dichter. Dann zieht man heim, in übermüthiger Stimmung, in der man zu Ulken geneigt ist. Man zerschlägt ein Denkmal, das am Wege steht. Am anderen Morgen erfährt man, dass der Loreley-Brunnen zerschlagen wurde. Diese Darstellung erhebt keinen Anspruch auf Richtigkeit. Sie will nur andeuten, wie man sich einmal an den schönsten Stücken des Heine'schen Schatzes erfreut und das :*nderemal lästert und verfolgt. Einmal lässt man Heine als Deutschen gelten und gleich darauf wirft man ihm vor, dass er bloss ein Jude sei. Soll man ihn also als Deutschen oder als Juden betrachten? Da komme ich wieder auf die Behauptung einiger schlauer Köpfe. Können wir Heine wirklich für uns in Anspruch nehmen oder sollen wir ihn den Deutschen überlassen? Das ist ein Streiten um des Kaisers Bart. Heine als national-jüdischen Dichter zu bezeichnen, ist unsinnig. Er fühlte sich immer als Deutscher. Freilich steht er uns sehr nahe durch die Abstammung und durch die „echt-jüdische" Verfolgung, die er erlitten. Wir mögen ihn bewundern, wir mögen uns freuen, mit ihm verwandt zu sein: zum Jüdisch-Nationalen, zum Zionisten dürfen wir ihn nicht machen. Er ist ein Jude und ist ein Deutscher, und die Deutschen begehen bitteres Unrecht, ihn so schroff von sich zu weisen. Nicht aus jüdischem Chauvinismus, aus Verehrung für den Dichter sind wir über die Heine-Verfolgung empört. Man mag Hinz und Kunz angreifen und verfolgen, sie werden sich ihrer Haut wehren. Wer aber Ibykus, den Götterfreund, mordet, der entrinnt der Strafe nie. Er mag sich verbergen und verkriechen, die Kraniche krächzen, die Kraniche flattern und ruhen nicht eher, als bis der Mörder gebüsst hat. Der Dichter war zu allen Zeiten heilig. Die Niedrigen blickten zu ihm auf und die Hohen konnten, trotz ihrer Höhe, nicht auf ihn niederschauen. Unserer Zeit ist es vorbehalten, mit dieser Sitte zu brechen. Wenn man des Dichters nicht mehr habhaft werden kann, so muss wenigstens sein Denkmal büssen, was er verschuldet, nämlich, dass er ein Jude war: man steinigt den Stein. Er selbst hat es g.'sungen : „Lebendig ward das Marmorbild, der Stein begann zu ächzen." An eine Judenverfolgung hat er dabei schwerlich gedacht. Ich möchte Heine gerne ein Denkmal setzen. Wenn schon nicht in Deutschland, so doch im Judenlande. Auf diesem Denkmale die Inschrift: „Hier ruht ein deutscher Dichter jüdischer Nation." Nein, eine bessere: „Hier ruht ein Poet." Petersburger Brief. Der Ausfall eines antisemitischen Blattes und dessen Zurückweisung. — Drei Entscheidungen des Senates. — Rabbiner Minor. Jener berüchtigte Herr K o m ar o w, welcher während der Palacky - Feier in Prag die Knute gegen die Deutschen schwang, ist zum Unglücke der unteren Volksschichten Russlands Herausgeber eines Volksblattes, das den stolzen Namen „Swjet" (Licht) trägt und doch nur für die Verdummung des Volkes arbeitet. Das in kleinem Format erscheinende, auf schlechtem Papier gedruckte Blatt ist in Russland nur dadurch berühmt, dass es alles abdruckt, was den Hass der Russen gegen die Andersgläubigen im Reiche erzeugen und entfachen kann. Aber niemals hat der „Swjet" seine Aufgabe der Volksverdummung und Verhetzung so missbraucht, wie vor wenigen Tagen. Da die Blutlüge in Russland bereits als solche erkannt wjrde und anerkannt wird, so verfiel der geniale Herausgeber des „Swjet" auf die Jdee, den Russen ein ganz neues Märchen von Christenmorden unter den Juden aufzutischen. Er druckte einen Artikel eines „Augenzeugen" ab, in welchem Folgendes erzählt wiid: „Am jüdischen Purim- Feste herrscht unter den Juden in Russland der Brauch, ihrem Hasse gegen Haman, den Minister des Artaxerxes, jenes Königs, welcher die Juden seines Landes ausrotten wollte, thatkräftigen Ausdruck zu verleihen. Zu diesem Zwecke dingen sie einen armen Christen um den Lohn von hundert Rubel, legen ihn in einen Sack und schleppen ihn in die Synagoge, wo er so lange geprügelt und mit Schusterkneipen gestochen wird,bis er seine Seele aushaucht. DieLeiche des erschlagenen „Haman" wird in aller Stille weggeschafft. Beerdigungs-Ceremonien kennen die Juden nicht; einige

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