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Die Welt · 1900-02-09 · 6 (9.2.1900) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
6 (9.2.1900)
Article
Millionen für - Hülsner
Date
1900-02-09
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 6 „Die & Welt" Seite 5 Zola, dass er seinen Ruhm, seine Ruhe, die Sicherheit seines Lebens in die Schanze schlug, er war und blieb der Verräther, der bestochene und gekaufte Verräther. Was nützt es dem Professor Masaryk, dass er im Dienste seiner Wissenschaft Hervorragendes geleistet, dass er stets sich als ein unabhängiger, charaktervoller Mann bewährt hat, der nur seiner Ueberzeugung folgen könne, in dem Momente, wo er den Kampt gegen das blödsinnige und verlogene Märchen des Ritualmordesaufnahm, war auch er nichts als ein käuflicher, bestochener Judenknecht. Die Woche. Wien, den 7. Februar l'JOO. Lasset die Kleinen zu mir kommen. Jüdische Eltern, welche 13jährige Mädchen haben, werden gutthun, wenn sie die Kinder sehr sorgfältig bewachen. Es existieren nämlich Langfinger, die von der Manie besessen sind, Judenkinder zu stehlen. In Krakau haben die Insassen eines Klosters einem jüdischen Banquier namens Ä raten das Töchterchen entführt und verweigern trotz der energischen Reclamationen des Vaters die Herausgabe des widerrechtlich beiseite geschafften lebenden Gutes. Das entwendete Mädchen wird nun schon fünf Wochen lang bei Nacht und Nebel von einem Kloster in das andere gebracht, der Vater hat nicht einmal eine Ahnung, wo sich sein Kind derzeit aufhält. Dieses Geschichtchen, das wie ein Romancapitel anmuthet, gewährt uns mancherlei Belehrung. Wir haben nämlich, dank den Informationen clericaler Blätter, bisher den Glauben genährt, dass die Juden den Christenkindern aus rituellen Motiven nachstellen. Jetzt erfahren wir, dass thatsächlich die Kindesjagd gepflegt wird, nur mit vertauschten Rollen. Wir waren auch, dank den gleichen Informationen, immer der Ansicht, dass der Mädchenhandel ausschliesslich in jüdischen Händen liege, jetzt hören wir, dass auch Nicht-Juden sich vorzüglich darauf verstehen, Mädchen vom Elternhause in anderweitige Häuser zu transportieren. Freilich nicht um Menschenlohn. Die Juden und die brünetter gefärbten Zigeuner theilten sich bisher in den Ruhm des Kindesraubes. Jetzt hat sich ein ganz schwarz gefärbter Dritter zu ihnen gesellt. — Der Krakauer Banquier Araten ist, wie gemeldet wird, dieser Tage nach Wien gereist, um die Intervention des Justizministers anzurufen. Die Gemässigten. Im ungarischen Abgeordnetenhause hat man dieser Tage darüber geplaudert, ob die Juden sich wohl zur Zeit der Osterfeiertage an Christenblut zu laben pflegen oder nicht. Die Unterhaltung wurde nicht in dem rüpelhaften Tone geführt, dessen sich das diesseitige Abgeordnetenhaus bei ähnlichen Anlässen rühmen kann, ein Volksvertreter las allerdings ebenfalls in wohlklingendem Hebräisch Talmudstellen vor, es scheint aber doch, dass zahlreiche ungarische Abgeordnete nicht von der absoluten Richtigkeit des Blutvorwurfes durchdrungen sind. Sie scheinen thatsächlich daran zu zweifeln, dass die Juden am Passah-Abende sich an dem genannten appetitlichen Getränke gütlich thun. Die Judenheit wird den ungarischen Abgeordneten für dieses so überaus ehrende und seltene Zutrauen gewiss recht dankbar sein. In der ungarischen Ortschaft Nameszto wurde bekanntlich vor einigen Wochen ein Hirtenknabe ermordet aufgefunden, und da Thäter und Motiv der That unbekannt waren, so gerieth man auf die naheliegendste Vermuthung: ein „Ritualmord". Diesen Mord hat also ein Abgeordneter zum Gegenstande einer Interpellation gemacht; er fragte den Justizminister, warum man denn den Thäter noch nicht erwischt habe. Der Justizminister ermahnte den ungestümen Frager zur Geduld und gab ausserdem zu verstehen, dass •der gesuchte Jude, den man für den völlig unbekannten Thäter halte, denn doch nicht existiere. Da auch der Interpellant dann die ritterliche Erklärung abgab, es sei ihm bisher noch nicht gelungen, einen Juden mit einem verdächtigen, rothschimmernden Liqueurgläschen in der Hand zu ertappen, so endete die Debatte für die Judenheit in der schmeichelhaftesten Weise. Die transleithanischen Antisemiten unterscheiden sich also, wie man sieht, von ihren cisleithanischen Gesinnungsgenossen nur durch den Mangel an Muth. Es fehlt ihnen nicht an dem ehrlichen Willen, Judendebatten heraufzubeschwören, sie wissen die Sache auch ganz gut einzuleiten, aber sie haben nicht die richtige Courage, ihrem Judenhasse frisch und frei Luft zu machen. Sie sind zurückhaltend, schüchtern. Sie bleiben auf halbem Wege zögernd stehen. Das sind allerdings Fehler, die nicht unheilbar sind. Voluminöser Trost Vom französischen Staatsgerichtshofe wurde bekanntlich Catilina Deroulede zu zehnjährigem Exile verurtheilt, damit ihm bis a-.if weiteres die Möglichkeit benommen wäre, die französische Armee mit einem Dutzend Cigarren zu bestechen und an der Spitze der in Tabaksqualm gehüllten Soldaten als Usurpator ins Elysee einzuziehen. Der landesverwiesene Umstürzler hat sich San Sebastian in Spanien zum Aufenthaltsorte erwählt; der anerkannte Enkel des Don Quixote musste sich begreiflicherweise gerade nach Spanien sehr hingezogen fühlen. Das Schicksal des armen Deroulede, der erfolglos bemüht war, die militärische Moral der französischen Krieger mit Nicotin zu vergiften, hat aber offenbar in weiteren französischen Kreisen grosse Theilnahme geweckt, und mitleidige Seelen haben bereits den Versuch unternommen, den Verbannten zu trösten und mit dem harten Lose des Exils wenigstens theilweise auszusöhnen. Dieser Tage kam nämlich an die Adresse des Deroulede nach San Sebastian eine leibhaftige Waggonladung französischer Erde, ein sinniger Ersatz für den versagten heimatlichen Boden. Kann Deroulede nicht nach Frankreich, so kommt Frankreich zu Deroulede. Die Sendung stammt wahrscheinlich von einem nationalistischen Freunde Derouledes her, vielleicht gar von irgend einem der Officiere, die in der Dreyfus-Affaire eine Rolle gespielt haben. Jedenfalls wird Deroulede die französische Erde mit grosser Vorsicht entgegennehmen müssen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die angebliche französische Erde nach altem Generalstabsbrauche gefälscht ist. Ein anzüglicher Arzt. Im Katholischen Schulverein zu Wien hat kürzlich, wie aus zugehörigen Parteiblättern hervorgeht, ein Arzt vor einer vielköpfigen Versammlung einen wohlgemeinten medicinischen Vortrag gehalten. Der boshafte Referent hat den vielen Köpfen, die dankbarst und nichts Verfängliches ahnend, den ärztlichen Rathschlägen lauschten, die Vorzüge der — Kaltwasserbehandlung auseinandergesetzt. Erwin Rosenberger. Eine Judenverfolgung. Von Ludwig Hirschfeld. Welche Judenverfolgung? wird man erstaunt fragen, da ja in der letzten Zeit (bis zur Stunde, da ich dies niederschreibe) in den Zeitungen keine grösseren telegraphischen Berichte über Judenverfolgungen zu lesen waren. Welche Judenverfolgung? Ist denn nicht jeder Tag eine neue Judenverfolgung? Der eine mit mehr, der andere mit weniger eingeworfenen Fensterscheiben. Welche Judenverfolgung? Ist denn nicht die Geschichte der Juden seit anno 70 eine lange Judenverfolgung? Man kann also a\ich dann von Judenverfolgungen sprechen, wenn sich nichts Besonderes

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