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Die Welt · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
5 (2.2.1900)
Article
Die Mischehe
Date
1900-02-02
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. o „Die j§l Weit44 Seite 13 bescheiden höflicher Gruss fast gar nicht erwidert; dafür traf aber das zürnende Auge der Mutter das Mädchen an seiner Seite mit solcher Gewalt, dass dieses das schöne neue Gebetbuch mit den Elfenbeindeckeln und dem grossen Kreuze beinahe hätte fallen lassen. Da Siegfried solches gewahrte, zog er es vor, sich 'zurückzuziehen. Kaum war das Mädchen allein, stürzte auch schon die Alte heran, und siehe da! vergessen war gute Erziehung, vergessen deutsche Abstammung, und mit überlauter Stimme erhielt Mariechen auf gut Czechisch das bindende Versprechen, sämmtliche Vorderzähne einzubüssen, falls ihr noch einmal das Unglück widerfahren sollte, in Gesellschaft dieses verfluchten Juden angetroffen zu werden. Das war deutlich. So meinte nämlich ein grosser Theil der Bevölkerung ohne Unterschied der Confession. Jung-Siegfried jedoch war anderer Ansicht. Erstens wollte er nicht recht glauben, dass es sich um ihn handle. Frau Wondracek meinte jedenfalls irgendeinen anderen Juden. Im Grunde genommen konnte er der guten Frau ihre Erregung nicht verübeln. Die Juden besitzen so viele Untugenden. Frau Wondracek sollte sich aber nur erst die Mühe geben, i h n kennen zu lernen, ihn, der gar nicht so war, wie die anderen Juden, dem alles Jüdische zuwider war. O! er zweifelte nicht daran, der Zauber seiner Persönlichkeit werde mit der Zeit alle Vorurtheile überwinden. Hatte er nicht ähnliche Beispiele, wenn auch nicht erlebt, so doch gelesen. Wer kennt z. B. nicht die herzerhebende Geschichte von dem reichen Hüttenbesitzer, der durch ununterbrochene Bethätigung hoher und höchster Mannestugend das Herz der adeligen Maid erobert, die rührende Geschichte von der stolzen Maid, die sich schliesslich doch herablässt. dem bürgerlichen Manne die blaublütige Hand zu reichen. Von dieses Mannes Heldenthume fühlte Siegfried Rosenzweig etwas in sich. Die gute Mutter! Sie fürchtete jedenfalls, er meine es nicht ernst genug, er sei wie die anderen Juden, die nur dem Gel de nachgehen. O, sie sollte ihn erst von der idealen Seite kennen lornen! In Erwägung dieser Umstände und um dem Elternpaare Wondracek jeden Zweifel zu benehmen, beschloss er, nach alter deutscher Sitte, in aller Form um Mariens Hand anzuhalten. Zu diesem Zwecke bestellte er einen Wagen und legte Balltoilette an. Nachdem er sich durch einen letzten langen Blick in den Spiegel nochmals versichert hatte, dass wirklich nichts Jüdisches an ihm sei, trat er hohen Muthes die Siegesfahrt zum Hause der Geliebten an. Kühnen Schrittes gelangte er in das Vorzimmer. Durch die offenstehende Küchenthüre konnte er bemerken, dass Frau Wondracek eben in der Küche beschäftigt war. Da wollte es ihm etwas bange werden. Kaum hatte er jedoch beschlossen, nicht zu zittern, nicht zu zagen, sondern unentwegt nach deutscher Heldenart dem Ziele entgegenzugehen, als die Küchenthüre, durch einen kräftigen Fusstritt Madames ins Schwingen versetzt, dröhnend ins Schloss fiel. Frau Wondracek erfreute sich einer kräftigen Fussmusculatur. Jung-Siegfried versuchte es, sich glauben zu machen, es müsse irgendwo ein Fenster offen sein, und trat unverzagt in das Wohnzimmer ein. Herr Wondracek lag auf dem Sopha und war mit dem Putzen seiner langen Pfeife beschäftigt. Herr Wondracek hielt viel auf guten Ton. Als Commis hatte er nur in feinen Häusern serviert und wusste sich zu benehmen. Er hielt deshalb im Pfeifenputzen inne und erwiderte sogar den Gruss des feierlich Eintretenden. Siegfried Rosenzweig nahm nun alle Kraft zusammen und brachte in ruhig vornehmer, so gar nicht jüdischer Weise sein Anliegen , vor. Da erhob sich Herr Wondracek vom Sopha, zog seine Pantoffeln an und entgegnete ebenso ruhig, ebenso vornehm: „Herr v. Rosenzweig, Ihr Antrag ehrt uns, aber Sie werden doch von mir nicht ernstlich verlangen, dass ich meine Tochter einem Juden gebe."-- Als Siegfried,-der Held, wieder im Wagen sass, fühlte er sich durchaus nicht beschämt oder gar gedemüthigt... Durchaus nicht! Dazu stand er sich viel zu hoch in seiner Achtung. Es erfasste ihn nur eine namenlose Wuth gegen — die Juden. O! diese Juden, nirgends sind sie gelitten. Doch wie kam er, der Unschuldige, der mit ihnen nichts gemein hatte, nichts gemein haben wollte, dazu, ihretwegen zu leiden. Und da sollte er kein Antisemit werden! Simson. Nun seid Ihr wieder da. Ihr dunklen Stunden! Ks heult der Sturm und löscht die Lichter aus. Die alten Wunden brechen auf. Es strömt heraus Der tausendjähr'ge. blut'ge Zorn aus allen Wunden: „Ihr habt gestossen und getreten uns gleich Hunden. Hohnlachend habt Ihr uns gejagt von Herd und Haus, Hohnlachend uns gestürzt in Noth und Todesgraus, Und doch, — ganz habt Ihr uns die Kraft nicht unterbunden! Denkt der Philister! Als er schlief, sie stahlen ihm die Wehre. Dem Riesen Simson stahl das Haar Delila's Schere, Philistertücke stahl ihm seiner Augen Licht für immer. Er mahlte dem Philister Mehl. Da heischten ihre Priester: Simson soll vor dem Volke tanzen! Tanzen! Wehe Euch, Philister! Die Säulen stürzen . . . Ihn und Euch begraben tausend Trümmer! . . Brünn. Berthold Fei w e 1. Corso in Solokow. (Fragment aus einer Novelle.) Von Moriz Hermann. Die rosige^ hoffnungsfreudige Stimmung, mit der man dem Frühling und den Pessachtagen entgegengerüstet hatte, war bald darauf der matten, behaglich-stumpfen Sommerruhe der Halbfeiertage gewichen, an denen es keine Wünsche, aber auch keine Hoffnungen mehr gab, und als endlich der letzte Tag heraufzog, welk und die Farbe des Abschiedes tragend, da schauerte es, an Herbst und Vergänglichkeit gemahnend, wehmuthsvoll durch ihre Brust. In ihre Weisen, die sie in Stunden der Betrachtung vor sich hinsummten, schlich sich unbemerkt die leise Klage der Busslieder, die am Versöhnungstage geseufzt und geweint werden. Langsam, Minute um Minute, waren die Festtage verronnen, ein Tag glich dem anderen, und wenn sie nur spärliche Erlebnisse gebracht, dem waren sie dahingeglitten wie ein kurzer, wohliger Traum. Mitunter, wenn man jede Stunde der Müsse in andere Genüsse getaucht und jeden Tag mit neuen, noch unverbrauchten Freuden ausgefüllt hatte, schien es, als ob es ebensoviele glanzreiche Wochen gewesen wären. Unbekümmert jedoch um die Empfindungen der Menschen, waren die Tage dahingeschwunden wie alle anderen Tage des Jahres. Weil nun der letzte Tag derjenige war, an dessen Abend bereits die nüchterne, freudlose Tretmühle des Alltags entgegengraute, darum beeilte man sich doppelt und dreifach zu geniessen, bis jene bittere Stunde zur Gegenwart geworden sein würde. Als die Sonne weiter unten nach Westen hinabzog und die ersten Schatten des Nachmittags die eine Reihe der Häuser einsäumte, füllte sich die Strasse mit Spaziergängern aller Art. Die Hauptraasse derselben, junge, erst unlängst verheiratete Frauen und Mädchen aller Altersstufen, vom zierlichen, im ersten Jugendschimmer leuchtenden Backfisch bis zur ausgereiften, heiratsbedürftigen Tochter, kamen, um sich anscheinend in der milden Frühlingluft zu ergehen, in Wahrheit jedoch, um mit gutgespielter Absichtslosigkeit ihre neuen Toiletten zur Schau zu stellen und mit der bei ihnen traditionell gewordenen vornehmen Gleichgiltigkeit den Eindruck zu erwecken, als ob all die farbenstrotzenden Gewänder, die sie augenblicklich anhatten, zu ihrem täglichen Brot gehörten. Daneben schritten Jünglinge, pfauenhaft stolz, mit dreisten Mienen einher, mit der siegesgewissen Haltung selbstbewusster Seelen, in die noch kein nagender Zweifel sich eingenistet, und die noch durch den

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