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Die Welt · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
5 (2.2.1900)
Article
Liebet eure Feinde [Rezension]
Date
1900-02-02
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 „Die Weif Nr. 5 „Judenpapstes" uud einem Jüngling aus. Göllheim ab und findet einen glücklichen Abschluss. Dabei fällt ein wenig Licht auf das jüdische Leben, und einige Züge desselben werden psychologisch beleuchtet. Es gibt da auch viel Unmodernes, auch können wir es nicht verhehlen, dass die Licht- und Schattenseiten ungleich vertheilt sind, aber die Erzählung ist eben eine apologetische und erhebt keine besonderen literarischen Ansprüche. j. b. Feuilleton. Die Mischehe. Eine Geschichte aus neue r er Zeit. Von Emil Fried. Siegfried Rosenzweig war sein Name. Diese Thatsache hatte ihm schon manche Stunde seines Lebens verleidet. Es ist aber auch unerhört, so gar nichts Jüdisches an sich zu haben und dennoch Rosenzweig heissen zu müssen. Oft suchte er sieh mit dem Gedanken zu trösten, es müsse auch Christen dieses Namens geben. Er selber kannte zwar keine, aber trotzdem klammerte er sich mit verzweifelter Kraft an die Hoffnung, es müsse welche geben. Einen ausschliesslich jüdischen Namen zu tragen, nein, das wäre zu schrecklich! So grausam konnte das Schicksal nicht sein. Unmöglich — Zuweilen, wenn ihn der Zweifel an der Existenz nichtjüdischer Rosenzweige besonders quälte, war er nahe daran, dem eigenen Vater zu grollen, dem er diesen Namen verdankte. Der arme Vater! War er nicht selber mit diesem Namen erblich belastet? That er nicht alles, was in seinen Kräften stand, um den Kindern die ererbte Bürde zu erleichtern? Für wen mühte er sich trotz des vorgerückten Alters im Geschäfte vom frühen Morgen bis in die späte Nacht? Ja, der gute Vater that, was sich thnn liess, rettete, was zu retten war, und nannte den Erstgeborenen Siegesfried Hierdurch fühlte sich dieser auch entschädigt. Siegfried, das Urbild deutscher Kraft und Herrlichkeit, Siegfried, der Recke, der mit selbstgeschmiedetem Schwerte den Drachen getödtet — er war Siegfried Rosenzweigs Ideal. Denn Siegfried Rosenzweig war ein Deutscher, trotz der gewissen „vorübergehenden" Zeitströmung. Er gehörte zu jenen, die sich, ihr Deutschthuni nicht nehmen lassen. Er fühlte deutsch, er dachte deutsch, er wählte deutsch — sogar «leutsch-radical — wofern es die deutsche Gemeinbürgschaft also verlangte. Unter solchen Umständen wird es gewiss niemand verwundern, dass in Siegfrieds für alles Deutsche und Schöne so leicht empfängliches Herz auch alsbald die Liebe ihren Einzug hielt. Die Geliebte seines Herzens war eine Jungfrau deutschen Stammes und hiess Marie Wondracek. Er liebte sie nach der Theorie der Gegensätze. Er, der Sohn eines reichen, sie die Tochter eines armen Kaufmannes — er mit dunklem Haar und dunklem Auge — ihr Haar ungemein blond, das Auge so mild und licht, wie frischgefallenes Regenwasser — sein Nasenrücken positiv* der ihrige negativ gekrümmt. Ursachen zu heftiger Liebe gab es also in Hülle und Fülle. Der Tag, an dem der Funke der Liebe sein Herz entzündete, hatte für ihn aber auch sonst eine besondere Weihe. Er war ein für jeden Deutschen des Städtchens denkwürdiger Tag, ein Festtag allerersten Ranges. Wer deutsches Blut in seinen Adern fühlte, dem blieb dieser Tag unvergesslich. Wie hätte also Jung-Siegfried sein vergessen können! Es war der Tag des vorjährigen Gauturnfestes. Hei. wie flatterten die Fahnen, wie flogen die Pulse, als unter Böllerschüssen und unter den Klängen der Veteranenkapelle sie einmarschierten, die kernigen Gestalten mit den grünen Hüten und wehenden Cravaten, vier F auf jedem Zipfel. — Das war ein unermesslicher Jubel und des Heil- Rufens kein Ende. Und hoch oben, im ersten Stocke, an den Fenstern der Häuser, standen Gernianiens r Jungfrauen, lieblich geröthet, und streuten Blumen auf die Pfade der Männer und Jünglinge. Auch Israels Jungfrauen streuten Blumen und riefen: „Heil! Heil!" Nachdem solches geschehen, bedeckten sie den hochwogenden Busen mit schwarzem und rothem und goldenem Bande und thaten Kornblumen in das rabenschwarze Haar. Dann eilten sie. also geschmücket, zum heiteren Feste, zum fröhlichen Tanze. Dort Hessen sie sich nieder und sassen und sassen und freuten sich des gelungenen Festes. Auch die Väter freuten sich der herrlich geschmückten, sitzenden Töchter und beschlossen im Herzen, auch fürderhin zu fördern mit Geld und Gut, mit Rath und That die heilige deutsche Sache. Alsbald erschien auch Siegfried Rosenzweig am Platze, um seine Wahl für den nächsten Tanz zu treffen. Dies war jedoch nicht so einfach. Mit Judenmadchen tanzte er nicht, und die anderen waren längst vergeben. Siegfried Rosenzweig war kein Antisemit, Gott behüte! Er musste zwar den Antisemiten in vielen Punkten recht geben, blieb aber dabei gemässigt liberal. Es war jedoch seit geraumer Zeit unter den jungen Leuten des Städtchens die Losung ausgegeben worden, mit Judenmädchen nicht zu tanzen, und da wollte er sich nicht ausschliessen. Er fand es überhaupt empörend, dass die Juden noch immer so vieles anders thaten. Seiner Meinung nach musste alles Trennende beseitigt werden. Was dem einen recht war, musste dem anderen billig sein. Er für seine Person hielt an diesem Grundsatze fest, und deshalb tanzte er mit keinem Judenmadchen. Andererseits wollte er bei einem so seltenen Feste nicht müssig stehen. Wasthun? Rasch entschlossen, schritt er an den Reihen sitzender Judenmädchen vorüber, auf Frau Wondracek los, wurde erhört und war gerettet. Mit dem weiteren Verlaufe des Festes war er sehr zufrieden. Er lernte zunächst Fräulein Wondracek kennen, allerdings nur flüchtig — fremde deutsche Turner haben nämlich Vorrang, so verlangt es deutsche Gastfreundschaft — aber er war bescheiden und schätzte sich glücklich, Madame Wondracek Gesellschaft leisten zu dürfen. Als einer der fremden Herren in seiner Nähe so von ungefähr die Frage aufwarf, was eigentlich das viele Judenpack bei einem deutschen Feste zu suchen hätte, worauf seine Dame sammt den Damen der Umgebung nur mit grosser Mühe und mit Hilfe des Taschentuches das Lachen verbeissen konnten, da wollte es Herrn Siegfried bedünken, es sei im Saale ein wenig schwül. Als aber gleich darauf im Nebensaale ein Redner sein Glas erhob auf das Wohl der gastlichen Stadt, „dieses Felsens, an dem die Wellen slavischer Hochflut zerschellen, dieses Bollwerks im Kampfe für deutsches Recht und deutsche Sitte", da packte unsern Siegfried die Begeisterung mit solcher Gewalt, dass er alles um sich her vergass und wie rasend miteinstimmte in das Lied der Lieder, die „Wacht am Rhein". Die Turner waren abmarschiert, die Fahnen eingezogen, die Gemüther beruhigt. Nur Siegfried Rosenzweig fand seine Ruh' nicht wieder. Mariens Reize hatten es ihm angethan. Sein Werben um der Jungfrau Minne blieb im Städtchen selbstverständlich nicht lange Geheimnis. An einem Sonnlage, „nach der Kirche", da wagte er es, ihr sein Geleite anzutragen. Es war nämlich Sitte im Städtehen, nach beendetem Gottesdienste noch ein bis zwei Stündchen im Sonntagsgewande beim grossen Brunnen am Marktplatze vorbei und dann wieder zurück zu defilieren. Die Damen hielten fest an diesem altehrwürdigen Gebrauche, schon um der staunenden Mitwelt zuneigen, was „Wiener Mode" vermag. Hier, mitten unter den Kirchgängern schritt nun Held Siegfried an der Seite Mariens einher. Als das Paar an Frau Wondracek vorbeikam, wurde Herrn Rosenzweigs

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