Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 5 (2.2.1900)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1900-02-02
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die # Weltt« Nr. 5 Der „Univers Israelite* bringt die Nachricht, -dass Beraard L a 2 a r e als Vertreter von Marseille ins französische Consistoriuui gewählt worden ist. Die „Young Mens Hebrew Association4* in N e w- Y o r k erhielt Anfang d. J. von einem jüdischen Philanthropen ein an der Ecke der 92. Str. und Lexington Avenue liegendes Grundstück mit Gebäude, 100:78 Fuss gross und einen Wert von 175,000 Dollars repräsentierend, zum Geschenk. Bekanntlich sträubt sich die amerikanische Regierung gegen eine allzu zahlreiche Einwanderung von Juden, weil der Pauperismus leicht zu „Verbrechen" führe. Wie weit das bei den amerikanischen Juden zutrifft, dafür liegt ein eclatanter Beweis vor: Das grosse New-Yorker Staatsgefängnis auf Blackwells-Island beherbergte Anfang d. J. unter 1100 Insassen fünf Juden. Jüdischer Turnverein. Am 25. v. M. fand unter Vorsitz des Herrn cand. med. Josef F e i n g o 1 d eine Versammlung von Vertretern fast sämmtlicher jüdischer Studenten- und bürgerlicher Zions- Vereine statt, in der Bankbeamter H*nr Dr. Elkan Weiss über die Activierung eines jüdischen Turnvereines referierte. Einleitend hob der Referent hervor, dass das Turnen, das bei allen modernen Völkern immer mehr zum Elemente der Volkserziehung wird, den Juden doppelt noththue, da denselben nicht nur wegen der allgemeinen Structur der jetzigen Gesellschaft, sondern auch wegen des vorherrschenden Massenelends eine physische Degeneration drohe. Nun gebe es zwei Methoden, mit welchen man in der Wissenschaft einem Uebel zu begegnen sucht: die repressive, die dort heilt, wo die Wunde schon entstanden ist, und die präventive, die auf dem Principe basiert, vorbeugend dort einzugreifen, wo eine Wunde entstehen, könnte. Das« der letzteren eine grosse Zukunft eingeräumt wird, wissen alle Fachleute. In der Medicin ist die Prophylaxis eine der wichtigsten Errungenschaften moderner wissenschaftlicher Erkenntnis. Auf das Gebiet der vorbeugenden Massregeln gehört auch das Turnen. Die bisherigen Versuche zur Activierung eines jüdischen Turnvereines scheiterten an dem einmüthigen Widerstande derjenigen, bei denen jüdische Interessenten um Ueber- Ias.-=ung eines Locales ansuchten. Private und öffentliche, communale und staatliche Turnhallen wetteiferten in der raschen Ablehnung derartiger Zumuthungen, bis es in der letzten Zeit gelungen ist. in der Hessgasse Nr. 7 ein wenn auch sehr enges Heim zu ünden, in dem schon am 20. v. M. geturnt wurde. Bei der grossen Zahl der schon vorhandenen Anmeldungen und bei dem sicher zu srewartigen den massenhaften Beitritt turnlustiger Juden wird die Erbauung einer eigenen Halle nothwendig werden, deren Kosten durch Unterstützung jüdischer Corporationen und durch einen Appell an das jüdische Publicum aufzutreiben sein werden. Schliesslich empfahl der Redner, mit dem „Turnverein jüdischer Hochschüler", der bisher seine turnerische Thätigkeit noch nicht aufgenommen hatte, derart in Verbindung zu treten, dass alle geworbenen Mitglieder in den Verein einzutreten hätten; in einer demnächst einzuberufenden Generalversammlung wäre die Umwandlung des akademischen Turnvereines in einen allgemeinen zu beschliessen. Die Ausführungen des Referenten fanden lebhafte Zustimmung und sein Antrag wurde einmüthig angenommen. Wie wir erfahren, turnt der Verein vorläufig jeden Montag und Mittwoch von halb 8 Uhr abends. Vereinsnachrichten. Wien- Die jüdische Vereinigung „Jordania", Wien, Verein von Handelsangestellten und Beamten, -veranstaltet Samstag den 3. Februar, um 8 Uhr abends, in ihrem Vereinslocale, IL, Gredlergasse Nr. 9 (vis-ä-vis der Fruchtbörse) einen Vortragsabend, an welchem Herr Dr. Leo Sofer über „Nietzsche und die Juden" sprechen wird. Gäste (auch Damen) herzlichst willkommen. Wien. Im Vereine jüdischer Mädchen „Hadassa" findet Sonntag den 4. Februar, 4 Uhr nachmittags, im Vereinslocal, II., Gredlergasse 9. ein Vortrag: „Der Mensch als Urbild moderner Erfindungen" von Herrn Dr. S. M. L o e b 1 statt und sind Gäste herzlichst willkommen. — Montag den 12. Februar a. c. veranstaltet der Verein im Hotel Central, IL, Taborstrasse 8, eine Akademie mit nachfolgendem Tanzkränzchen unter Mitwirkung hervorragender Kunstkräfte. Das Reinerträgnis fliesst wohlthätigen Zwecken zu. Beginn halb 9 Uhr abends- Familienkarten (4 Personen) k fl. 3.—, Einzelkarten ä fl. 1.— sind zu haben: bei Fräulein Rosa Hammer, IL, Praterstrasse 13 (Lloydhof) und bei Fräulein Melanie Eisenschreiber, IX., Liechtensteinstrasse 18. Wien. Die jüdisch-akademische Verbindung TMaccabäa" hielt am 27. v. M. in L ö b l's Restaurant in Mariabilf einen sehr gut besuchten Vortrags- und Discussionsabend mit nachfolgendem Tanze ab. Der Referent, akadem. Bildbauer Jul. S t e i n e r, sprach über das Judenthum in Oesterreich und den Zionismus. Er Hess die verschiedenen politischen Parteien Revue passieren und bewies, dass keine es in der Macht habe — aber auch gar nicht beabsichtige — den Juden zu helfen. Nur der Zionismus wolle die Lösung der Judenfrage in der einzig möglichen Form. Nach der Discussion schlug der Referent eine Resolution vor, gegen die sich einzelne Widersprüche erhoben, dadurch wurde die Discussion aufs neue belebt. Im Verlaufe derselben nahm ein Redner Veranlassung, über die Uebernahme der Rothschild'schen Colonien durch die „Ica" zu sprechen. B. Wien. Der ,Verein der Hörer an der Wiener israel. theologischen Lehranstalt" hat die Abhaltung eines Vortrags- Cyklus über die Geschichte der Juden in den einzelnen Kronländern Oesterreichs beschlossen, um einen Ueberblick über die Geschichte der Juden in Oesterreich zu gewähren. Die Vorträge finden an den nächsten Donnerstagen im Locale der Anstalt (IL, Tempelgasse 3,3. Stock) statt. Beginn der Vorträge 8 Uhr abends. Gäste sind herzlich willkommen. Donnerstag, den 8. d. M.} spricht Herr cand. phil. Sonderling. Thema: „Der Zionismus.* Wien. Eine imposante Feier bildete die am 28. Jänner 1. J. stattgefundene Einweihung des Bethauses des Kranken- und Unterstützungsvereines sMontefiore", dem eine grosse Anzahl unserer Gesinnungsgenossen angehören. Herr Rabbiner K r a m e r hielt die nach Form und Inhalt gleich meisterhafte Einweihungsrede. Der Heiligkeit des Ortes ungeachtet wurde der Redner oftmals durch spontanen Beifall unterbrochen und nach Schluss der Rede von den Anwesenden vvärmstens beglückwünscht. Den liturgischen Theil führte HeiT Obercantor S c h o r r in gewohnter Meisterschaft durch. Wien. Jüdische Vereinigung „Jordania", Verein von Beamten und Handelsangestellten. Am letzten Samstag fand im Vereinslocale eine sehr interessante Discussion statt, die durch ein treffliches Referat des Herrn Architekten Oscar Marmorek über „Die zionistischen Handelsangestellten" eingeleitet wurde. Der Referent beleuchtete in ausgezeichneter Weise die Lage der jüdischen Augestellten, die wirtschaftlich am aller schwersten unter dem Antisemitismus zu leiden haben, da die arbeitslosen Massen des Judenthums nach und nach alle in den Angestelltenstand hineingedrängt werden und daselbst einen Concurrenzkampf führen müssen, welcher selbst vor der ärgsten Lohndrückerei nicht zurückschreckt. An der auf das Referat folgenden Discussion betheiligten sich die Vereinsmitgliedar Leder er, Gross und Zobel, sowie