Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 5 (2.2.1900)
- Article
- Graz / W.
- Date
- 1900-02-02
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die $l Welt«4 Seite 9 abend. Auf der Tagesordnung stand das Thema: „Renaissance des Judenthums", worüber Herr Dr. Leopold Kahn aus Wien referierte. Der Saal war übervoll. Unter anderen hatten sich auch Herr Rabbiner Dr. S. Mühsam und mehrere Mitglieder des Cultusrathes, mit dem Präses Herrn Bernhard B i 11 e r an der Spitze, eingefunden. Nach Eröffnung der Versammlung durch den Vereinsobmann Herrn Dr. Sigmund Weiss, welcher die Erschienenen herzlichst begrüsste, hielt Herr Dr. Kahn seinen Vortrag, in welchem er die Bedeutung des Zionismus für die Regeneration des Judenthums in glänzender Weise schilderte. Er wies unter anderem darauf hin. dass die verschiedenen Nationen Oesterreichs sich einerseits zwar in den Haaren liegen, andererseits aber sofort in brüderlicher Eintracht zusammengehen, wenn es gilt, den Juden eines zu versetzen. Die geistvollen Ausführungen des Vortragenden entfesselten einen wahren Beifallssturm. An den Vortrag knüpfte sich eine sehr anregende Discussion. in der der Referent mehrere an ihn von gegnerischer Seite gestellte Interpellationen unter grossem Beifall der Zuhörer 'beantwortete und die erhobenen Einwände glänzend widerlegte. Lange nach Mitternacht erst konnte der Vorsitzende die Versammlung schliessen. Von gegnerischer Seite betheiligten sich an der Discussion insbesondere die Herren M.-U.-Dr. Leopold Li u t m a n n, Hugo O e h 1 e r und Herr Jenö K o p p s t e in. Dieser gelungene Abend gewann dem Vereine „Zion" zahlreiche neue Mitglieder und Freunde. Es steht zu erwarten, dass die zionistische Idee auch in den Alpenländem bald kräftig Fuss fassen und weiteste Verbreitung finden wird. Dr. W. Russland. Petersburg. Wie die Zeitung „Jug" meldet, sind in Cherson seitens des Vereines zur Unterstützung armer Juden billige Thee- und Speiseanstalten eröffnet worden. — In der Sitzung der historisch-ethnographischen Commission des „Vereines zur Verbreitung der Bildung unter den Judenin Odessa hat M. Margulies einen Bericht „Ueber die Grundzüge der jüdischen Geschichte" erstattet. — In Petersburg ist auf Initiative des bekannten russischen Heforaisten Herrn Dr. L. D. Kazenels on ein Verein zur Verbreitung der hebräischen Sprache gegründet worden. Zum Obmann des Vereines ist einstimmig der Initiator gewählt worden. Das Hauptziel des Vereines ist die Ausgabe von hebräischen wissenschaftlichen Werken. Kiew. Sonntag den 17. v. M. hielt Herr Prof. M. Mandelstamm einen sehr interessanten Vortrag: „Ueber die Einwendungen, die die russische Presse gegen den Zionismus erhoben hat." Ein zahlreiches Publicum versammelte sich, um den Ausführungen unseres verehrten Führers zu lauschen. Prof. Mandelstamm kenzeichnete die zionistische Bewegung in seiner grossangelegten Rede hauptsächlich als eine ethische. Besonders mächtig wirkten die Ausführungen des Redners über den Talmud. Her J u z d k o w, ein bedeutender russischer Publicist, befürchtet nämlich, dass der Zionismus den „Talmudismus" zu neuem Leben erwecken könnte. Unter Talmudismus versteht er aber alles Mögliche, Fanatismus, Barbarei und dergl., nur nicht die hohe Ethik, die von unseren Weisen in Wort und That gepredigt und geübt worden war. Die glänzende Carakteristik des Talmud, die Prof. Mandelstamm gab, war geeignet, manche weitverbreitete Vorurtheile zu widerlegen. Die tiefdurchdachte Rede klang in einen Appell zur kräftigen Unterstützung der zionistischen Bewegung aus. M. L. Palfistina. Jaffa. In Palästina geht alles einer verhältnismässig raschen Gesundung zu. Wohl war es schon die höchste Zeit! Das „Faul im Staate Dänemark" sollte aufhören, für die Zustände in Städten und Colonien Palästinas Geltung zu haben. Die Uebernahme der Colonien durch die Ica mit dem 1. Jänner 1900 bedeutete auf diesem Gebiete den ersten Schritt nach vorwärts. Hoffentlich trügen die Hoffnungen, die man daran knüpft, nicht. Die Bewegung in den Städten hat auch einen ausgesprochenen Zug nach vorwärts, z. B. in Jaffa. Da haben die Juden das Protectorat pharisäischer Rabbiner und ihres Anhanges abgeschüttelt, indem sie auf Grund regelrechter Wahlen zur Gründung einer nach modernen Principien arbeitenden Gemeinde übergegangen sind. Bei den hiesigen Verhältnissen gelang nun die Gründung der neuen Gemeinde leichter als die Entthronung der alten „Functionäre"! Diese Herren konnten sich so schwer von dem reichgedeckten Tische trennen, an dem sie bis nun ungestört schalten und walten konnten, und bis jetzt noch ist das jüdische Hospital Jaffas ihr unumschränkter Schaffensbezirk. Jedenfalls nicht mehr lange, nachdem die neue Gemeinde durch Circularien in Europa den Spendenzufluss von dem alten Sündenpfuhl dieser Herren ablenken will. Dass es ihr gelinge zum Wohle der armen kranken Juden des Landes ist wohl sehr wünschenswert. Allerlei Nachrichten. Wir berichteten jüngst, dass der in Berlin verstorbene Herr Kessler der Adas Jisroel - Gemeinde i 00.000 Mark testamentarisch hinterhissen hat. Nunmehr wird bekannt, dass die Erben das Testament anfechten wollen. In Mannheim wurde der Agent Diesbach, Verfasser der Broschüre „Germania als Schleppenträgerin des Judenthums", wegen Schwindeleien zu einem Jahre Gefängnis verurtheilt. Russische Blätter berichten, dass die im Jahre 18S5 erlassene Verordnung, keine Juden zu Unterofficieren zu befördern, aufgehoben worden ist. Eine verjudete Stadt muss die amerikanische Fabriksstadt Chatanooga Tenn genannt werden. Der Bürgermeister W a s s m a n n, sein Stellvertreter M o y s e t s und der Präsident des Schulrathes und der Handelskammer Ochs sind Juden. Letzterer ist auch Herausgeber des gelesensten Tagblattes „Chatanooga Times". Anlässlich des jüngsten preussischen Ordens- und Krönungsfestes wurde auch eine Anzahl Juden mit hohen Orden bedacht, u. a. Sanitätsrath Dr. Brühl, techn. Hilfsarbeiter im kaiserl. Gesundheitsamte, Rabbiner Dr. Freund in Görlitz' und Fabrikant Lipp mann in Aachen mit dem Rothen Adler-Orden 4. Classe. Wie verlautet, plant der Wiener Cultusvorstand die Einführung von Curien bei den Wahlen in die jüdische Gemeindevertretung. Diese Reaction in den Zeiten des allgemeinen Wahlrechtes soll vielleicht den derouten Zuständen in unseren Gemeinden aufhelfen? In Philadelphia wird der jüdische Frauen- und Mädchenverein „Young Womens Union" in den nächsten Tagen ein aus eigenen Mitteln errichtetes Vereinshaus beziehen. * Der aus dem Dreytüs-Processe bekannte Capitän Freystätter erhielt anlässlich des Neujahrsfestes den Orden der Ehrenlegion.